Serie: Wozu noch Journalismus? (11) Sind wir Putzerfische?

Journalisten sind Verknüpfer der Disziplinen und Handwerker der Verbesserung. Was sie dafür brauchen, ist vor allem eine Haltung zu Themen und Beruf.

Von Sonia Seymour Mikich

Wozu noch Journalismus? Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr: Journalisten werden zu Handlangern der Politiker, bloggen im Netz und werden durch Laien ersetzt. Wie ist der Journalismus zu retten - und wieso sollten wir das überhaupt tun? In dieser Serie - herausgegeben von Stephan Weichert und Leif Kramp - setzen sich angesehene Publizisten auf sueddeutsche.de mit dieser Frage auseinander. Diesmal schreibt "Monitor-Chefin Sonia Seymour Mikich.

Der kleine Putzerfisch befreit den Hai von lästigen Parasiten, dazu schwimmt er jenem ins Maul. Für den Putzerfisch ist die Tafel ständig gedeckt, für den Hai ist es Wellness, ohne einander ginge es schlechter. Sind Journalisten Putzerfische? Leben sie von den Krumen, die die große Realität abwirft? Ist es erstrebenswert, ein Putzerfisch zu sein?

Nach fast drei Jahrzehnten Tummeln in sehr unterschiedlichen Journalismen, nach Jahren der inneren Bereitschaft, vieles an unserem Gewerbe zynisch oder lächerlich zu finden, tut es gut, nach der eigenen Relevanz zu fragen und zwar so naiv wie damals beim Berufseinstieg. Warum will ich Journalistin sein? Wozu noch Journalismus? Das heißt ja, wozu morgens aufstehen?

Echo in den Nischen

Die Untergangsstimmung im Printbereich, die wohl Motor dieser SZ-Selbstfindungsreihe ist, erzeugt ein Echo in den Nischen des politischen Fernsehjournalismus, mag unsereins - noch -nicht um Geschäftsmodelle bangen müssen.

Seien wir doch ehrlich, Journalisten stehen nicht mehr oben auf der Hit-Liste geschätzter und vorbildhafter Zeitgenossen. Außerhalb des Medien-Biotops, nämlich in der Wirklichkeit, ist der Blick auf unseren Berufsstand eher unfreundlich und es wird nicht feinfühlig unterschieden zwischen den Genres. Wir alle sind "die Medien".

Betrüblich aber wahr: Die Mitmenschen unterstellen, wir seien allesamt nur noch getrieben von guten Quoten, Auflagen, Klickzahlen. Dass wir Fehler schönreden, gern hart austeilen, aber ein gläsernes Kinn haben, wenn es um Kritik an uns selber geht. Dass wir Weltmeister im Ätzen und Besserwissen sind.

Ob Print, Radio, Fernsehen oder Online: Viele Nutzer bekritteln - nicht grundlos - den Mangel an Tiefgang, an Persönlichkeiten, an Meinungsfreude. Sie erleben intellektuelles Versagen beim Deuten großer Zusammenhänge und geringe Lust am Einmischen. Und merken an, dass Feuerwehrleute, Lehrer, Briefträger oder Ärzte höhere Vertrauenswerte vorweisen können als "die" Journalisten.

Nebenbei: Jeder telegene Kleiderständer, jedes Model darf sich inzwischen Moderatorin nennen, jeder Handyschwenker Reporter. Das kann nicht gut sein für das Ansehen der Branche.

Tiefe im Denken und Handeln

Gibt unser Berufsstand die eigene Gravitas auf? Gravitas ist eine Qualität aus dem antiken Rom. Sie meinte Substanz in der Persönlichkeit, eine gewisse Ernsthaftigkeit und Verantwortungsbereitschaft. Obwohl Gravitas dieselbe Wortwurzel hat wie Gravität, sollte man es nicht verwechseln mit Wichtigkeit, mit Prominenz. Nein, Gravitas war attraktiv, sie erforderte Tiefe im Denken und Handeln.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, woher die Erosion unserer Autorität kommt.