Serie: Wozu noch Journalismus? Selbstversuch mit Stoppuhr

Reporter haben kein Gratisbier zu verschenken - denn Journalismus der nichts kostet, ist nichts wert. Sechs Anmerkungen, wie man Qualitätsjournalismus retten könnte.

Von Stephan Ruß-Mohl

Wozu noch Journalismus? Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr: Journalisten werden zu Handlangern der Politiker, bloggen im Netz und werden durch Laien ersetzt. Wie ist der Journalismus zu retten - und wieso sollten wir das überhaupt tun? In dieser Serie - herausgegeben von Stephan Weichert und Leif Kramp - setzen sich angesehene Publizisten auf sueddeutsche.de mit dieser Frage auseinander.

Am besten wohl, wir tun, was Karl Marx getan hätte, und stellen die Dinge erst einmal vom Kopf auf die Füße. Beginnen wir also mit der Ökonomie und sorgen für Transparenz, indem wir gleich zu Anfang das bestgehütete Redaktionsgeheimnis lüften: Das Honorar für diesen Beitrag ist nicht der Rede wert, liegt weiter unter dem Satz, der bei der Printausgabe üblich ist.

Immerhin wurde ich angefragt, der Süddeutschen Zeitung, bitte schön, einen Text von 8000 bis 10 000 Zeichen zu liefern - das sind drei bis vier Schreibmaschinen-Seiten. Hand und Fuß haben soll das kostbare Stück natürlich auch, denn sueddeutsche.de ist und bleibt ja online die Süddeutsche Zeitung und ist nicht der Hintertupfinger Kreisanzeiger und auch nicht das Goldene Blatt, das sich im übrigen niemals getrauen würde, solch ein Honorarangebot zu unterbreiten. Im Klartext heißt das: Es ist eine außerordentliche Ehre, für sueddeutsche.de schreiben zu dürfen.

Letztendlich vertrauen wir doch

Wozu noch Ärzte? Wozu noch Rechtsanwälte? Vermutlich würden wir einen Beitrag, der mit solch einer Frage beginnt, nicht weiterlesen. Nur wenige von uns würden sich jedenfalls bei einer Blinddarmreizung einem Quacksalber anvertrauen oder auf die Idee kommen, sich ohne rechtskundigen Beistand vor Gericht zu verteidigen, wenn Freiheitsentzug oder eine hohe Geldstrafe drohen.

Gewiss, wir nutzen auch andere Informationsquellen, seien das die alten Medien oder das Internet, um uns medizinische oder rechtliche Kenntnisse zu verschaffen. Wir möchten uns den Profis ja nicht völlig ausliefern und ihnen zumindest kritische Fragen stellen können. Aber letztlich vertrauen wir ihnen eben doch.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum wir Staubaufwirbler brauchen.