Wozu noch Journalismus? Niemand muss sich fürchten

Journalismus verändert seinen Aggregatzustand, aber er löst sich nicht auf. Er muss die digitale Welt nicht fürchten, im Gegenteil. Denn guter Journalismus geht immer in die Tiefe.

Ein Resümee von Heribert Prantl

Wozu noch Journalismus? Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr: Journalisten werden zu Handlangern der Politiker, bloggen im Netz und werden durch Laien ersetzt. Wie ist der Journalismus zu retten - und wieso sollten wir das überhaupt tun? In dieser Serie - herausgegeben von Stephan Weichert und Leif Kramp - setzen sich angesehene Publizisten auf sueddeutsche.de mit dieser Frage auseinander. Zum Schluss schreibt Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, worauf es beim Journalismus ankommt und geht auch auf die diversen Beiträge der Serie ein und fasst diese zusammen.

Der Journalist als Edelblogger: Heribert Prantl über Qualität im Journalismus.

(Foto: dpa)

Es gibt eine merkwürdige Angst vor der Bloggerei. Es wird so getan, als sei die Bloggerei eine Seuche, die via Internet übertragen wird und den professionellen Journalismus auffrisst. Das ist, mit Verlaub, Unfug. In jedem professionellen Journalisten steckt ein Blogger. Der Blog des professionellen Journalisten heißt FAZ oder SZ, Schweriner Volkszeitung oder Passauer Neue Presse, Deutschlandfunk oder Südwestradio. Der sogenannte klassische Journalist hat dort seinen Platz, und er hat ihn in der Regel deswegen, weil er klassische Fähigkeiten hat, die ihn und sein Produkt besonders auszeichnen.

Es gibt das etwas altbackene Wort "Edelfeder" für die Journalisten, die mit der Sprache besonders behände umzugehen vermögen. Der professionelle Journalist ist, wenn man bei diesem Sprachgebrauch bleiben will, eine Art Edelblogger.

Ein guter Journalist ist ein Scott

Dass der Journalismus - gedruckt, gemailt, getwittert, gesendet - überleben wird, glauben alle Sachverständigen, die sich in dieser Serie äußern; die meisten glauben, dass er gut überleben wird. "So groß kann keine Krise sein, dass er verschwände" sagt Peter Glaser. Sascha Lobo meint, die Gesellschaft brauche "professionellen Journalismus dringender als je zuvor, weil die Flut der Informationen den Bedarf an Einordnung, Sortierung und Bewertung der Fakten und ihrer Zusammenhänge exponentiell erhöht". Dirk von Gehlen konstatiert freilich, dass der "mediale Frontunterricht" zu Ende gehe. Jetzt komme es für Journalisten darauf an, "ein Forum führen zu können". Und Jörg Sadrozinski sieht die Journalisten als trusted guides in einem tiefgreifenden Transformationsprozess agieren. "Die Zukunft des Journalismus liegt", so einfach ist es und so einfach sagt es Axel Ganz, "im Journalismus." Er hat recht. Und deshalb sollten Journalisten, Verleger und Medien-Geschaftsführer nicht so viel von Pressefreiheit reden, sondern sie einfach praktizieren.

Der Journalismus wird sich nicht mehr so fest wie bisher am Papier festhalten, er löst sich zum Teil davon; aber er löst sich nicht auf. Er verändert seinen Aggregatzustand, er ist nicht mehr so fest, wie er es hundertfünfzig Jahre lang war, er ist schon flüssig geworden, vielleicht wird er gasförmig. Das wird ihm nicht schaden. Gase erfüllen jeden Raum. Ein Journalismus, der Angst vor solchen Veränderungen hätte, wäre ein Unglück. Ein guter Journalist ist ein Forscher, ein 'Entdecker, ein Erklärer - er ist ein Amundsen, er ist ein Scott. Er kann Dinge, die andere nicht können und er traut sich Dinge, die sich andere nicht trauen.