Würden die von dpa aufgestellten neuen Leitplanken dann vom Schwäbischen Tagblatt bis zu Spiegel online in die Praxis übersetzt, hätten sowohl der Bundespräsident als auch die vom Allensbach-Institut befragten Bürger - pardon Kunden - künftig weniger Grund zu klagen. Kontaminierte Stoffe würden mit dem vorgeschlagenen Kontrollinstrumentarium frühzeitig durch die redaktionelle Kläranlage geschickt. Der alte Grundsatz "be first, but first be right" wäre dann mehr als ein Spruch, den die Referenten in die Reden schreiben.

Anzeige

Weißbuch Medienqualität und Förderung der Medienkritik

Kein Zweifel: Die (Nicht)-Berichterstattung der Medien in den sogenannten "Postdemokratien", in denen das "Primat der Politik" längst aufgegeben wurde, gewinnt für die demokratische Lebensqualität enorm an Bedeutung. Öffentlichkeit und Transparenz werden zu entscheidenden Prothesen für eine funktionierende Zivilgesellschaft.

Um diesen wichtigen Aufgaben gerecht zu werden, müsste die unterentwickelte Fähigkeit zur (Selbst)-Reflexion in den Medien allerdings befördert werden werden. Dies könnte auch die Medienkritik leisten. In Deutschland ist sie allerdings quantitativ und qualitativ überfordert. Wer lässt sich schon gerne auf den eigenen Medienseiten oder Nischen-Sendungen kritisieren?

Zieht man TV-Kritiken, Medien-Gossip, ein paar Bilanzzahlen sowie Promi-Portraits ab, bleibt nicht mehr allzu viel von den Medienseiten und der ohnehin denkbar knappen öffentlich-rechtlichen Berichterstattung in den Randzonen. Statt teure, nicht kontrollierende Landesmedienanstalten zu unterhalten, die ständig auf der Suche nach sinnvollen Aufgaben sind, sollte in einen gut ausgestatteten Medienjournalismus investiert werden.

Eine weitere, innovative Reflexionsinstanz könnte hilfreich sein. Beim Bundespräsidenten sollte ein unabhängiger Kreis von erfahrenen Journalisten, (Alt)-Verlegern, ausgewiesenen Wissenschaftlern und echten Experten eingerichtet werden. Dieser Rat sollte einmal im Jahr einen "Bericht zur Lage der Medien" vorlegen. Ihr gründlich und unabhängig ausgearbeitetes "Weißbuch" könnte als Reflexionsspeicher dienen, Fehlentwicklungen in den Medien benennen, problematische Tendenzen aufspüren, Konzern-Bilanzen prüfen und gefährliche Konzentrationsprozesse publizieren. Und schließlich würde dann wenigstens einmal im Jahr die für ein interessiertes Publikum entscheidende Frage beantwortet: "Wozu noch Journalismus?".

Die Studie "Black Box Brüssel" von Claudia Huber kann kostenfrei unter www.mediendisput.de heruntergeladen werden.

Prof. Dr. Thomas Leif, Chefreporter Fernsehen SWR Mainz und Vorsitzender netzwerk recherche (nr), moderiert die SWR-Politiktalkshow 2+Leif in Berlin.

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. Ein Leben voll gefilterter Luft
  2. Medienkritik gehört zum guten Ton der Berliner Republik
  3. Sie lesen jetzt Kontaminierte Stoffe durch die redaktionelle Kläranlage geschickt
Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/berr/jja)