Freie Gesellschaften brauchen unabhängigen Journalismus zur Selbststeuerung, zur Lokalisierung und Korrektur von Problemen, die den Idealen dieser Gesellschaft zuwiderlaufen. Selbst Politiker, deren Verhältnis zum kritischen Journalismus bekanntermaßen nicht spannungsfrei ist, sollen ja gelegentlich dankbar sein für den einen oder anderen Fingerzeig auf etwas, worum sich Politik kümmern sollte.
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Medien mit dem Spirit und der Praxis von gutem Journalismus werden also gebraucht als Steuerungsinstanz, die permanent und öffentlich den Appell artikuliert, Lebensverhältnisse zu verbessern. Adressaten dieses Räsonnements, dieses Appells sind Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Kultur - und wir alle. Es gibt einige Anzeichen, wonach Journalisten international momentan zu mehr Engagement in diesem Sinne tendieren. Mehrere deutsche Stimmen ließen sich dafür anführen, doch sollen hier zwei aus dem angloamerikanischen Bereich zitiert werden.
Politisches Engagement
Der Londoner Zeitschriftenmacher Tyler Brûlé sagte jüngst in einem Zeit-Interview: "Einige Medien müssen die Initiative ergreifen und das Denken der Menschen fokussieren, herausstellen, was die entscheidenden Themen und Debatten sind." In eine ähnliche Richtung zielte der amerikanische Medienexperte Dan Gillmor, als er Anfang Oktober auf guardian.co.uk new rules of news aufstellte.
In Punkt 17 dieser Regeln forderte er Journalisten zu direktem (politischem) Engagement auf: "Je wichtiger wir ein Thema für unsere Zielgruppe erachten, desto hartnäckiger bleiben wir am Ball. Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass eine bestimmte Regelung oder Praxis gefährlich ist, versuchen wir, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Das bedeutet, dass man laut und deutlich vor der Immobilienblase hätte warnen müssen."
Neujustierung des Journalismus
Engagement ist ein verbindendes Element dieser beiden Ansagen für die notwendige Neujustierung eines Journalismus, der Relevanz beweisen und wirkmächtig sein will. Dem Sinne nach gibt es aber noch ein zweites Element, und das heißt: Integration des Ganzen. Denn in einer gesellschaftlichen Situation,
- in der immer mehr soziale Entwicklungen auseinanderlaufen, in der Politik zwar partiell noch entscheidet und (über Gesetze) steuert, aber immer weniger als moralische Autorität akzeptiert wird,
- in der immer weniger Bürger bereit sind, sich für das Gemeinwesen zu engagieren, in der immer mehr junge Menschen sogar als gelegentliche Wahlbürger verlorengehen,
- in der die Wissenschaften den Erkenntnisfortschritt zwar vorantreiben, dabei aber immer spezialistischer werden und Folgen für das System (die Weltgesellschaft) oft übersehen werden,
braucht es Medien im Sinne einer Vermittlungsinstanz, die auseinanderbrechende Tendenzen neu zusammenbindet, die dolmetscht zwischen gegensätzlichen Interessen (Arbeit/Kapital), zwischen Bevölkerungsgruppen, die sich fremd geworden sind (Jung/Alt), die möglichst viele aus dem dispersen Publikum interessiert für gemeinsame Belange, die alle angehen, braucht es Wissensspeicher und appellative Instanzen, die vielleicht sogar neue Begeisterung für scheinbar altertümliche Werte wie Demokratie und Bürgersinn entfachen können.
Was mediengeschichtlich zum Auftrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erklärt wurde, nämlich zur gesellschaftlichen Integration beizutragen, wird ein kategorischer Imperativ für alle Medien, auch für die privatwirtschaftlich organisierten. Um nicht missverstanden zu werden: Nicht Anpassung ist damit gemeint, nicht Affirmation der "Deutschland AG", wohl aber ein begründetes Engagement für bestimmte Werte und wahrgenommene Verantwortung für eine Zukunft in Freiheit.
Volker Lilienthal, Jahrgang 1959, ist Professor für Praxis des Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg und arbeitete zuvor nach dem Berufsstart beim Medienmagazin Copy, dann 20 Jahre lang beim Fachnachrichtendienst epd Medien.
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(sueddeutsche.de/berr/cat)
Partyzone Flußufer
Eine der wichtigsten Aufgaben von Nichtboulevard-Journalisten ist, Unrecht anzuprangern, das von mächtigen Interessen inszeniert und versteckt wird. Dazu wurden sie mit besonderen Recherchebefugnissen ausgestattet. Kaum ein investigativer Journalist ist aber in der Lage, das Kompetenzmonopol der Juristen zu kontrollieren. Und die Justiz ist die einzige Macht im Lande, die Gewalt anwenden darf und sogar das Tun der Legislative und Exekutive kontrollieren und steuern kann! Nur ein Journalist hat bisher auf die wichtigste Maßnahme hingewiesen, das Verhalten von Juristen zu beeinflussen: Dr, Martin Hofmann von der Südwestpresse. Die meisten Journalisten pressen ihr "rechtes Auge" zu und können damit nicht viel beitragen für eine bessere Welt!
Dem Beitrag von geroldw braucht man nichts mehr hinzufügen.
Er hat es auf den Punkt gebracht.
Danke
Zumindest das Leserbriefschreiben hat sich wesentlich verändert - die Möglichkeiten für Leser haben sich exorbitant verbessert.
Dieser Fortschritt ist doch klar!
cc-canaris cc.
Leider muss man dergleichen Beiträge als wolkiges PR-Gefasel der Mainstreammedien identifizieren.
Wem heute wirklich an einer qualifizierten Meinungsbildung und Diskussion liegt, der muss den real existierenden Journalismus in die Tonne treten: das ist der einzige Weg, auf dem er sich u.U. erholen kann von der immanenten Korrumpierung, die heute sein Markenzeichen ist.
Sicher gibt es hin und wieder noch substantielle Beiträge zu lesen. Diese jedoch in einer maximalen Ausdünnung: ihr Zweck ist es, als Werbeträger zu dienen für PR, Kommerz und Propaganda, die den Löwenanteil in nahezu allen Medien ausmachen und die ihnen als Profitbringer dienen.
Dieser real-existierende Journalismus ist der Ruin unserer Gesellschaft, der westlichen Welt insgesamt: das werden die kommenden Jahre belegen, wenn der Westen Stück für Stück im selbstgeschaffenen Morast versinkt: die eigentliche Fähigkeit des Journalismus zu kritischer Selbstreflektion des Systems ist in einem Ausmass kontaminiert und korrumpiert, dass eine Rettung aussichtslos erscheint.
Lustig, dass dieser Bericht gerade hier bei der SZ zu lesen ist, wo der Vorstand in regelmäßigen Abständen Journalisten entlässt und die Qualität so sehr abgenommen hat, dass die SZ neuerdings nicht mal mehr zitierfähig ist!!!
Aber schön zu lesen, wie gerne die SZ doch belehrend auftritt!
Paging