Serie: Wozu noch Journalismus? Dahinter müssen kluge Köpfe stecken

Journalismus droht bei jungen Hochbegabten unattraktiv zu werden: Zu wenig Prestige, zu viel Selbstausbeutung. Dabei verlangt die digitale Revolution neue, spannende Erzählformen. Und das führt nur mit gutem Nachwuchs zum Erfolg.

Von Christian Meier

Wozu noch Journalismus? Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr: Journalisten werden zu Handlangern der Politiker, bloggen im Netz und werden durch Laien ersetzt. Wie ist der Journalismus zu retten - und wieso sollten wir das überhaupt tun? In dieser Serie - herausgegeben von Stephan Weichert und Leif Kramp - setzen sich angesehene Publizisten auf sueddeutsche.de mit dieser Frage auseinander. Diesmal schreibt Christian Meier, Redakteur des Kressreports aus Heidelberg.

Anfang Mai 2010 lud das Studienkolleg zu Berlin zu einem Stipendiatentreffen ein. 30 deutsche und internationale Studenten kamen zusammen, um sich von Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur erklären zu lassen, wie deren Job im Alltag aussieht, wie ein Einstieg möglich ist und wie es um die Perspektiven in der jeweiligen Branche bestellt ist. Die Medienbranche sollte eine dieser Branchen sein.

Einige Stunden zuvor hatte ich über Facebook auf die Veranstaltung hingewiesen und die Frage gestellt, wie viele von den dort anwesenden, gut ausgebildeten und international denkenden jungen Menschen sich bei der bevorstehenden Veranstaltung wohl überhaupt für Journalismus interessieren würden. "Hoffentlich keiner" hatte kurz darauf ein Freund unter meinen Eintrag gepostet. Nachfrage: "Wieso hoffentlich?" Weil, so antwortete mein Facebook-Freund, es für "gut ausgebildete und international denkende junge Menschen" überhaupt nur etwa 100 Jobs in der Medienbranche gäbe.

Das ist übertrieben. Natürlich gibt es mehr als 100 solcher Jobs, doch richtig ist auch: Im Jahr 2010 stehen die Chancen, einen herausfordernden, vielseitigen und dazu ordentlich bezahlten Journalisten-Job mit Aufstiegschancen zu bekommen, nicht zum Besten. Damit nicht genug: Allein der Einstieg in den Beruf ist in vielen Fällen an Selbstausbeutung gekoppelt. Viele Praktikanten und freie Mitarbeiter sorgen für wenig oder gar kein Gehalt mit ihren Beiträgen dafür, dass die Medien von morgen überhaupt in vollem Umfang gedruckt oder gesendet werden können.

Vor fünf Jahren verdienten laut einer Studie des Journalismus-Professors Siegfried Weischenberg 12.000 freie Journalisten mindestens die Hälfte ihres Gehalts mit journalistischer Arbeit - oder sie steckten die Hälfte ihrer Arbeitszeit in solche Aufträge. 1993 erfüllten dieses Kriterium noch circa 18.000 Freie. Doch Weischenberg und seine Mitautoren wiesen schon 2005 darauf hin, dass die "Dunkelziffer" freier Journalisten in Deutschland sehr groß sein dürfte.

Der Deutsche Journalisten-Verband schätzt die Zahl der Freiberufler auf insgesamt rund 25.000. Ein substantieller Teil dieser Journalisten verdient sein Haupteinkommen (freiwillig oder notgedrungen) demzufolge in anderen Berufen. Wegen sinkender Budgets müssen Freie zudem mit mehreren Medien zusammenarbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Eine weitere Studie im Auftrag des Deutschen Fachjournalistenverbandes konstatierte 2008, dass fast jeder zweite Freiberufler eine weitere Tätigkeit ausübt, oft in Public Relations oder Werbung.

Schon immer überstieg das Angebot die Nachfrage

Ein ganz neues Phänomen ist das freilich nicht. Das Angebot an Arbeitskraft im Journalismus hat die Nachfrage schon immer überstiegen. Die Bewerberzahlen für Journalistenschulen und Volontariate lagen bereits in den wirtschaftlich guten Zeiten um ein Vielfaches höher als die tatsächlich vorhandenen Plätze. Und doch - es hat sich etwas gedreht. Journalismus ist für viele potentielle Bewerber, die noch vor einigen Jahren ohne zu zögern eine Karriere in einem Medienunternehmen angestrebt hätten, kein Karriereberuf mehr.

Vor allem vielversprechende Absolventen, die sich früher in Alphatier-Manier auf Posten als Ressortleiter und Chefredakteure Hoffnungen machen konnten, meiden inzwischen den Journalismus. Sie wechseln auf gutdotierte Stellen in Unternehmensberatungen, Agenturen für Kommunikationsdienstleistungen oder Public Affairs.

Diese Entwicklung vollzieht sich parallel zu einem Brain Drain aus dem Journalismus heraus zu den gerade genannten Arbeitgebern. Der Branche werden also Leistungsträger entzogen und deren möglicher Ersatz wird ihr erst gar nicht zugeführt.

Nun, mag man da einwenden: Um so besser! Wenn die Ehrgeizlinge weg sind, haben die Idealisten wieder eine Chance. Diese These ist vielleicht gar nicht so abwegig, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Journalismus braucht Menschen, die es nicht nur auf Karriere und Prestige abgesehen haben. Dennoch ist deutlich spürbar, dass wir uns mitten in einer Fehlentwicklung befinden. Nicht wenige Manager in Medienunternehmen manövrieren sich - aus Sparzwängen, wegen Ignoranz und anderer Gründe - in Sackgassen. Redakteure werden in ihren Berechnungen zu "Content-Befüllern", wo sie eigentlich hochqualifizierte Analysten, Rechercheure und Ermittler sein sollten. Das Know-how, das viele Journalisten über ihre Berufsjahre hinweg aufbauen, wird von ihren Charts nicht erfasst.

Dabei ist dieses Wissen um das lebendige Kapital, die human resources eines Unternehmens, gerade für ein Medium überlebensnotwendig. Jede Recherche, jedes Interview, auch jede Dienstreise, jede Fortbildung und jeder Auslandsaufenthalt steigern dieses Humankapital. Denn Medien sind vor allem große Wissensspeicher, die es je nach Themenlage anzuzapfen gilt. Derweil ist es teilweise schockierend zu sehen, wie wenig Medien ihre eigenen Mitarbeiter fördern.

Vorsicht, "Brain Drain"

Wer weiß, wie beispielsweise Unternehmensberatungen ihr Personal hegen und pflegen, sieht sich in der Medienbranche einer personalpolitischen Ödnis gegenüber.

Dazu kommt verschärfend, dass so manche Journalisten an der Spitze von Elitemedien den eben prognostizierten Brain Drain nicht so schnell wahrnehmen wie ihre Kollegen bei weniger prestigeträchtigen Medien. Sie bekommen ohnehin nur immer die im Casting-Verfahren durchgesiebte Schar der Top-Nachwuchskräfte präsentiert.

Darum ist es nicht entscheidend, dass es noch genügend Bewerber für immer knapper werdende Ausbildungsstellen als klassisches Einfallstor in den Journalismus gibt. Wichtiger ist die Frage, wer heute überhaupt erst gar nicht mehr in den Journalismus geht. Welche Talente der Branche von vornherein durch die Lappen gehen.

Damit zurück zu den eingangs erwähnten Stipendiaten. Das Interesse, Beiträge zu publizieren, war bei ihnen durchaus vorhanden. Ein wirkliches Anliegen, bei einem Medienunternehmen zu arbeiten, schien aber nur eine einzige Stipendiatin zu haben.

Es ist letztlich kein Zufall, wenn die Akademie der Axel Springer AG mit der Verheißung "Traumberuf Journalist" um Schüler wirbt. Auch dort gehen Tausende von Bewerbungen um wenige Plätze ein, eine spätere Übernahme wird in der Regel nicht garantiert. Aber die Medien merken, dass es wichtig ist, um die richtigen Bewerber zu kämpfen. Sie müssen in den Verteilungskampf um die High Potentials nicht nur im Management, sondern auch bei den Journalisten einsteigen, denn sie bekommen nicht mehr automatisch die Besten eines Jahrgangs zugeführt, ohne dass sie dafür den Finger krumm machen müssen.

Ihr Bonus - eine mehr als abwechslungsreiche Arbeit und die Chance, sich schnell mit hoher Außenwirkung zu profilieren - ist abgelaufen.

Die Charakteristika des Qualitätsjournalismus sind vor allem: Ein Beitrag ist selbst recherchiert, er bezieht sich auf eigene, möglichst verschiedene Quellen und er beschäftigt sich im weitesten Sinn mit gesellschaftsrelevanten Themen. Wenn diese Art von Journalismus eine Zukunft haben soll, muss der Kampf um diese jungen Absolventen geführt und gewonnen werden. Wo die Welt in der Wahrnehmung der Menschen fast täglich komplexer wird, sind mehr denn je Erklärungs-, Einordnungs- und Analysekompetenzen gefordert.

Die Medien leben von Nutzern, die für ihre Produkte bezahlen, und vom Geld jener werbungtreibenden Unternehmen, die diese Nutzer erreichen wollen. In der Printmedienbranche gehen die Käuferzahlen kontinuierlich zurück, damit auch die Vertriebserlöse und letztlich die Werbeerlöse, die sich in der Regel nach Reichweite bemessen. Diejenigen Leser aber, die "ihren" Medien heute weiter ihre kostbare Aufmerksamkeit schenken, sind diejenigen, die am schärfsten darauf achten, dass sie für ihr Geld weiterhin relevante Inhalte geliefert beommen. Sinkt die Qualität, werden auch sie früher oder später abwandern. Es setzt sich eine qualitative Abwärtsspirale in Gang, die schwer aufzuhalten sein wird.

Eine der zurzeit international erfolgreichsten Zeitschriften ist der 1843 gegründete britische Economist. Ähnlich erfolgreich ist das Nachrichtenmagazin Spiegel seit vielen Jahrzehnten, wenn auch hauptsächlich auf den deutschsprachigen Markt beschränkt. Nun muss, kann und sollte nicht jeder Journalist Redakteur dort werden. Aber: Von diesen Medien lernen, heißt Journalismus erfolgreich zu praktizieren. Denn nur die Investition in die klügsten und leidenschaftlichsten Nachwuchskräfte kann ein weiteres Abrutschen der Medienunternehmen verhindern. Nur, wenn Medien sich zu lebendigen Wissensspeichern wandeln, haben sie bei dem Orientierung suchenden Publikum eine Chance.

Die Antwort auf mein Posting bei Facebook hätte also in jedem Fall "Hoffentlich viele" lauten müssen. Der Zynismus hat im Augenblick aber Vorfahrt.

Die Folgen einer ungesunden Hierarchie

Ein zweiter Grund, warum ein Zufluss an exzellentem Nachwuchs wichtig ist, betrifft die Binnenstruktur des Journalismus. Für die meisten der heute Zwanzigjährigen, die in den Journalismus gehen wollen, wäre es unvorstellbar, nicht im Internet ihre Beiträge schreiben zu können. Das Printmedium ist und wird ein Prestigemedium für sie bleiben, in dem auch sie gerne veröffentlicht werden möchten. Doch die Möglichkeit, sich ohne Druck und Vertrieb an ein Publikum wenden zu können und direkt von diesem Rückmeldungen zu erhalten, ist für sie ein essentieller Teil des Berufs. Journalismus ist kein Kanal, kein spezielles Medium, hat keinen Aggregatszustand. Journalismus ist eine Aufgabe.

Die Journalistengenerationen, die vor dem Durchbruch des Internets als Massenmedium ihre Ausbildung genossen und erste Redakteurserfahrungen sammelten, wurden noch in der alten Hierarchie sozialisiert, in der Print- und Onlinewelt sorgfältig voneinander getrennt waren. Wer in der Onlineredaktion arbeitete, hatte weniger Ansehen und das schlechtere Gehalt. Das ist in vielen Medienunternehmen noch immer so. Diese ungesunde Hierarchie kann nur so lange existieren, wie gedruckte Medien profitabel und digitale Medien defizitär sind. Ändern sich die Vorzeichen, wofür alle Indikatoren stehen, übersteigen einmal die teuren Druck- und Vertriebskosten die Einnahmen, gibt es keinen Grund mehr, überkommene Strukturen aufrechtzuerhalten.

Es ist viel geschrieben worden über den Verlust der Deutungshoheit der Printmedien im Zeitalter von Blogs und Social Media. Das sind wichtige Hinweise, aber sie spielen für den Journalismus meines Erachtens keine so große Rolle, wie immer getan wird.

Die großen Geschichten, die Breaking News, die Hintergründe, Reportagen und Interviews finden zum großen Teil immer noch in den Mainstream-Medien statt - bei Zeitungen und Zeitschriften, bei den (öffentlich-rechtlichen) TV- und Radiosendern, auch bei deren Online-Ablegern. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Mehr Vielfalt gibt es heute durch das Netz, das ja. Auch viel mehr Meinungen und Analysen. Vielfach beziehen sich Beiträge in diesen neu entstandenen Medienformaten, zu denen auch solche als "Zukunft des Journalismus" gepriesene Websites wie die Huffington Post in den USA gehören, auf das, was andere bereits publiziert haben. Im speziellen Fall der Huffington Post ist zu ergänzen, dass die Website als Sammel-Weblog des Freundes-Netzwerkes der Gründerin Arianna Huffington entstand, in denen viele Nebenbei-Autoren auch unentgeltlich Beiträge lieferten.

Das Kommentieren, Analysieren, Um- und Fortschreiben bereits publizierter Nachrichten ist nichts Außergewöhnliches, es ist normales journalistisches Geschäft. Das digitale Anti-Establishment, als das sich viele Online-Angebote sehen, ist darum eine Ergänzung zur klassischen Medienbranche. Ob Huffington Post oder Washington Post - beide Formate spielen im selben Team, wenn auch auf anderen Positionen. Die teilweise zwanghaft konfrontative Gegenüberstelliung zweier Modelle des Journalismus - "offen, digital" gegen "geschlossen, analog" - war ein Irrweg, eine Art Täuschungsmanöver, die von den tatsächlichen Aufgaben abgelenkt hat, vor der Journalismus heute steht.

Und genau diesen Journalismus, der integrativ und nicht ausgrenzend wirkt, gilt es nun in eine inhaltlich und ökonomisch tragfähige Zukunft zu führen. Dazu ist es wichtig, dass Barrieren aufgebrochen werden, ein neues Selbstverständnis entwickelt wird. Journalismus muss sich keineswegs neu erfinden, aber er muss sich neu entdecken.

Erstaunlicherweise könnte dabei neben vielen internen Prozessen ein Impuls von außen helfen. Eine neue Geräteklasse, allen voran das iPad von Apple, könnte dieser Impuls sein. Nun soll es nicht darum gehen, ein einzelnes Produkt in den Himmel zu loben oder dieses nach Art mancher Kollegen zum mythischen Gerät zu verklären. Das iPad steht vor allem für ein Vehikel, das Medienkonsum aller Art spannender machen kann. War das Internet und die Online-Redaktion vielen Print-Journalisten bisher trotz der großen Reichweite nicht fein, nicht ästhetisch genug und nur einen Klick entfernt von unseriösen Inhalten, kann der Typus des Tablet-PC helfen, einen neuen, integrativen Ansatz von Journalismus zu fördern.

Der neue, integrative Journalismus

Integrativ, das bedeutet: alle arbeiten zusammen an einem und für ein Produkt. Nicht nur Redakteure, auch Designer, Entwickler, Bewegtbild-Spezialisten, Infografiker. Und, nicht zu vergessen: Techniker und Software-Entwickler. Ohne sie wird der Journalismus steckenbleiben auf einer Rotation, die Rost angesetzt hat. Sie müssen gemeinsam neue Erzählformen finden und einen Weg, nicht die immergleichen Themen wiederzukäuen. Differenzierung ist nun wichtig, das Setzen von Kontrapunkten. Ureigene Aufgaben des Journalismus, die teilweise in Vergessenheit geraten sind.

Die Medienunternehmen müssen ihren Beitrag leisten, dass diese neuen Erzählformen entwickelt werden - auch durch eine Investition in ihre Journalisten. Die Förderung des multimedialen Arbeitens mit Text, Ton und Bewegtbild steht ganz oben auf der Liste, die Medien abzuarbeiten haben. Denn in dem Maße, wie Videos, Audio- und andere multimediale Angebote stärker im Internet abgefragt werden, müssen Medien diese Nachfrage befriedigen.

Journalistenschüler und Volontäre müssen die verschiedenen Arbeitstechniken von Beginn an lernen und umsetzen. Nicht jeder guter Schreiber wird auch gute Videos drehen und schneiden, aber er sollte etwas davon verstehen. Einige Verlagshäuser haben diesen Weg der integrierten Ausbildung bereits eingeschlagen, andere haben diesen Schritt noch vor sich.

Falls dieser Weg aber erst gar nicht gegangen wird, droht die bereits erwähnte Abwärtsspirale. Die Suche nach Lebensfreude im System Journalismus führt zu Mitarbeitern, die über Grenzen hinaus denken. Das klingt pathetisch. Praktischer gesagt: Ein funktionierendes Geschäftsmodell für Qualitätsjournalismus ist auf Menschen angewiesen, die gut ausgebildet sind, die Freude an intellektueller Debatte und Bodenhaftung zugleich haben, die global und lokal zugleich denken können und die vor allem Spaß in den Beruf mitbringen. Die Menschen, die sich am Beginn eines Tages darüber wundern, was sie an seinem Ende herausgefunden haben werden.

Christian Meier ist Ressortleiter Digital und Berlin-Korrespondent des Branchendienstes Kressreport. Er schreibt seit 1999 über die Medienwirtschaft in Deutschland und der Welt.

Im Herbst 2010 erscheint das Buch Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf verändert im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.