8. Geheuchelter PR-Ekel
Anzeige
Nichts ist verlogener als die vorgebliche Abscheu gegen gekaufte Kommunikation. Längst haben sich die Berufsbilder von Journalisten und PR-Kräften angeglichen. Firmenmagazine bieten spannenden Journalismus, Lokalzeitungen dagegen nurmehr ein Vehikel für bunte Beilagen. Der Unterschied zwischen Journalisten, die den Renditevorgaben eines Investors gehorchend Advertorials dichten und PR-Kräften, die ein Unternehmen besingen, ist marginal, ihr Auftrag identisch: Man hilft anderen beim Auftritt oder inszeniert den eigenen. Diese Realität muss man nicht goutieren, aber zur Kenntnis nehmen.
9. Mythos vom Öffentlichkeits-Monopol
Klassischer Journalismus stellt in der modernen Medienwelt bestenfalls noch Teilwirklichkeiten her. Werbung, PR, Kunden- oder Leserkommentare wirken mindestens so stark wie ziselierte Leitartikel. Der Anspruch umfassender Aufklärung ist durch Medien allein kaum zu leisten.
10. Erschöpfte Prüfer
Berufskrankheit Nummer eins ist die Müdigkeit. Ein ausgezehrter Journalismus aber ist mit seiner umfassenden Prüfaufgabe überfordert. Höchste Zeit, den Status quo zuzugeben: Weite Teile des Landes bleiben von medialer Kontrolle unbehelligt.
11. Gemeinsame Ziele?
Kaum ein Berufsstand wird von seinen eigenen Gewerkschaften erbärmlicher repräsentiert als Medienschaffende. Ziele? Fehlanzeige. Warum fordern Journalistenverbände eigentlich nicht hörbar nach umfassender, einklagbarer Auskunftspflicht von Behörden wie sie in den USA gilt? Nimmt die tatsächliche Recherchetiefe ab, müssen Recherchemöglichkeiten erweitert werden, damit zumindest die theoretische Kontrolle steigt.
12. Mut zur Transparenz
Maximale Öffentlichkeit bedeutet auch, dass jeder Journalist das eigene Tun der Transparenzmaxime unterwirft. Wer von Abgeordneten gläserne Taschen fordert, muss die eigenen ebenfalls vorzeigen. Transparenz im Journalismus hat drei Ebenen: Die Beitragsebene, die Individualebene und die Öffentlichkeitsebene.
Auf der Beitragsebene ist sicherzustellen, dass Urheber und Absender, Quelle und Inhalte wo immer möglich offen gelegt werden. Gekaufte Kommunikation ist als solche zu kennzeichnen. Auf der Individualebene hat der Journalist offenzulegen, für wen er arbeitet, wer ihn bezahlt.
Auf der Öffentlichkeitsebene ist eine umfassende Dokumentation allen journalistischen Schaffens erforderlich, eine Art elektronisches Gedächtnis. Angelsächsische Modelle wie www.journalisted.com ermöglichen, jeden Journalisten, all seine Artikel und Arbeitgeber, aber auch Nebenjobs zu identifizieren. Diese dreigeteilte Transparenz würde eine Branche mit sich selbst versöhnen und den Journalisten zu dem machen, was er seit Generationen so gern sein will: der Musterknabe des ehrbaren Bürgertums.
Hajo Schumacher, Jahrgang 1964, arbeitet als Journalist und Buchautor und ist Kolumnist der Berliner Morgenpost.
Sie sind jetzt auf Seite 4 von 4
- Thema
- Wozu noch Journalismus RSS
- Serie: Wozu noch Journalismus? Es geht erstaunlich gut 17.05.2010
- Wozu noch Journalismus? Tiefgreifender Transformationsprozess 14.05.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (18) Trend zur Brotbackmaschine 08.05.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (17) Schreckgeweitete Augen 03.05.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (16) Mut und Harakiri 24.04.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (15) Selbstbeauftragte Publizisten 17.04.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (14) Die Zukunft des Journalismus? Journalismus! 10.04.2010
(sueddeutsche.de/berr)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Letztens eine Statistik in einer seriösen TV-Sendung: In D. stehen mittlerweile 40.000 PR-Leute nur noch 50.000 Journalisten gegenüber. Und es werden mehr; Reklamefritzen natürlich.
Es setzt sich aber auch die Regel durch: Wofür Reklame gemacht wird, soll man nicht kaufen (oder wählen).
Hehre Ziele, die Sie da formulieren, Herr Schumacher. Aber wie weit ist das von der Realität entfernt? Man lese nur einmal den Artikel über das "Gespräch" mit Herrn Wissmann in der SZ von heute.
Schön wäre es, wenn Ihre Thesen umgesetzt würden, indes mir fehlt der Glaube.