Propaganda RT Deutsch - volles Rohr für den Kreml

Anspielung auf den Lügenbaron: Freiherr von Münchhausen russisch interpretiert. Illustration: Marc Herold

Auch wenn es für eine gezielte Desinformationskampagne gegen Deutschland keine Beweise gibt: Wer das Programm des Kreml-Senders verfolgt, bekommt ein sehr mulmiges Gefühl.

Von Tim Neshitov

Der Internetsender RT Deutsch hat eine Reihe mit dem Namen Einmal in Russland. Der Titel klingt nach Nostalgie, aber es sind vor allem aktuelle Reportagen: "Queer in Sankt Petersburg", "Ein Schweizer Landwirt in Kaluga" oder auch "Köstliche Küche trotz Sanktionen". Entstünde bei RT Deutsch irgendwann mal ein geschichtliches Format, böte sich folgendes Sujet an:

Februar 1999, Wladimir Putin ist noch Geheimdienstchef, im russischen Fernsehen kommen arrivierte Moderatoren zusammen und sprechen über das Wesen von Journalismus und von Propaganda. Eine hochinteressante Runde, mittlerweile auf Youtube zu sehen. Einer sagt: Ein Künstler habe das Recht, sein Gemälde auch mal von oben bis unten rot anzumalen, aber ein Journalist müsse die Welt abbilden, wie sie sei. Leider gebe es immer mehr Pamphletisten, die sich als Journalisten tarnten. Der besorgte Fernsehstar, der so spricht, heißt Dmitri Kisseljow.

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Einmal in Russland war das so. Heute leitet Kisseljow das staatliche Medienunternehmen Rossija Sewodnja, dem auch RT Deutsch gehört (RT steht für "Russia Today"). Kisseljow ist der einzige, ähm, Journalist, den die EU auf ihre Sanktionsliste gesetzt hat. Er sei, so die Begründung vom 15. September 2015, "die zentrale Figur der staatlichen Propaganda hinter der Mobilisierung der russischen Kräfte in der Ukraine".

Mittlerweile sorgen sich bekanntlich Kanzleramt und Bundesnachrichtendienst, Kisseljow könnte, obwohl er in Deutschland Einreiseverbot hat, hier eine propagandistische Destabilisierungskampagne steuern, zumal im Wahljahr. BND und Verfassungsschützer haben ein Jahr lang untersucht, was Kisseljows Leute in Deutschland so treiben. Es gebe, so das Fazit, keine Beweise für eine gezielte Desinformationskampagne. Die Berichterstattung sei aber "feindselig". Feindselig ist aber manchmal auch Dieter Bohlen bei DSDS. Schade, dass der Bericht geheim bleibt.

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Kisseljows Aussagen von 1999 waren vermutlich nicht Teil der Analyse, dabei sind sie fast interessanter, die ganze Verwandlung dieses Menschen ist interessanter als das doch etwas erwartbare, weil kremlfinanzierte Angebot von RT Deutsch und von der Agentur Sputnik, denen Kisseljow als Generaldirektor dient.

"Wenn man schon davon spricht, dass der Plebs alles frisst, nun, der Plebs wird immer alles fressen", sagt Kisseljow 1999, ein begnadeter Massenpsychologe: "Man senke das Niveau, noch geschmackloser, noch nackter, jede Provokation, jede Senkung der Messlatte, jede Reduzierung von Moral und von Regeln, der Plebs wird alles fressen. Aber eines schönen Tages werden wir feststellen, dass wir uns im Dreck suhlen wie Schweine. Das wird dann so eine Gesellschaft: Wir werden uns gegenseitig fressen, mit dem Dreck zusammen."

Dem Plebs von heute erzählt Kisseljow (er ist der einflussreichste Politkommentator Russlands) im Staatsfernsehen zum Beispiel Folgendes: Angela Merkel lasse sich von der alten deutschen Lebensraum-Fantasie leiten, etwa in ihrem Versuch, "die Ukraine zu schlucken": "Um seinen Lebensraum zu erweitern, zettelte Deutschland den Ersten Weltkrieg an, dann den Zweiten Weltkrieg. Bis zum 21. Jahrhundert hielt Deutschland diese vererbte Krankheit irgendwie im Zaum, aber Merkel hielt es insgeheim nicht mehr aus." Kisseljow meint das ernst, sein Brustkorb ist breit, seine Gestik hypnotisierend.

Da kann der Chefredakteur von RT Deutsch in Berlin, rein phänotypisch, nicht mithalten, das werden die BND-Leute erleichtert zur Kenntnis genommen haben. Der Kollege, Ivan Rodionov, hat nicht die Ausstrahlung einer satten Kobra, höchstens die eines Hütchenspielers. Feindselig kommt er nicht rüber. Er ist flink, hat Humor, spricht geschliffenes Deutsch. Die Geheimen sehen es offenbar als Bedrohung an, dass ein Russe in einem schicken weißen Hemd (plus Ohrring) dank seiner aufgekratzten Gescheitheit Postfakten schaffen könnte.