Pressefreiheit "Ich entschuldige mich!"

Der serbische Verleger Aleksandar Rodic prangert die Selbstzensur unter Journalisten an.

(Foto: Marina Lopicic/dpa)

Unabhängiger Journalismus hat es in Serbien schwer, Reporter werden in dem Land körperlich und verbal bedroht. Das ist bekannt. Doch scharfe Kritik an diesen Zuständen kommt jetzt von unerwarteter Seite.

Von Nadia Pantel

Aleksandar Rodić sieht eigentlich nicht aus wie einer, der sich mit den falschen Leuten anlegt. Der Inhaber von Serbiens auflagenstärkster Tageszeitung Kurier empfängt im weißen Ledersessel, an der Wand großformatige Neonröhren-Kunst. Doch seit Sonntag hat Rodić ein Problem. Er ist zum Intimfeind von Premierminister Aleksandar Vučić geworden. Dass in Serbien Journalisten unter Druck gesetzt werden, körperlich und verbal bedroht, ist ein offenes Geheimnis. Doch das ausgerechnet der Boulevard-König Rodić es öffentlich ausspricht: Das löste einen Skandal aus.

Auf die Titelseite seiner Sonntagsausgabe druckte er ein Bekenntnis in Großbuchstaben: "Ich entschuldige mich!" Dazu ein offener Brief, in dem er beschreibt, wie die Regierung Journalisten zu positiver Berichterstattung nötige. "Wir alle wissen, dass es hier Zensur und Selbstzensur gibt." Der populärste Privatsender Serbiens, Pink TV, reagierte mit einer Schmutzkampagne. Er sei ein Agent westlicher Agitatoren, er wolle die Regierung stürzen und Premier werden. Vier Stunden lang wurde am Sonntagabend, immer wieder ein Foto von Rodić gezeigt, dazu seine private Adresse.

"Ich habe danach allen großen serbischen Medien Interviews angeboten, um die Vorwürfe klarzustellen, aber niemand traut sich mit mir zu sprechen. Rodić' Luxusbüro ist zu einem Luxusgefängnis geworden. Er sagt, er fühle sich komplett isoliert. Rodić zeigt auf sein Iphone: "Mir wurden Morddrohungen der brutalsten Art geschickt." Das überrasche ihn nur wenig, sagt er. Aber er habe den Druck der Regierung nicht länger aushalten wollen. Er hätte sich vor Jahren bereit erklärt, nicht kritisch über Vučić' Privatleben zu berichten. Aber die Regierung hätte immer mehr Forderungen gestellt. Er hätte weder über Vučić, noch über andere Regierungsmitglieder, noch über Belgrads Bürgermeister berichten können, ohne massiv unter Druck gesetzt zu werden, dies nie wieder zu tun. "Ich kann so nicht mehr weiterarbeiten. Die Selbstzensur muss aufhören."

Die unabhängige Presse Serbiens ist von Rodić' Vorstoß überrascht. Bislang lag sein Blatt streng auf Regierungslinie. Dass nun sogar er sich gegen Zensur richtet, könnte auch mit finanziellen Interessen zu tun haben. Rodić scheint in Geldstreitigkeiten mit einem einflussreichen Freund Vučić' zu sein. Das mag seine Ziele weniger selbstlos erscheinen lassen, an der Richtigkeit seiner Vorwürfe ändert das nichts. "Vučić wendet tyrannische Methoden an, um Kritiker zum Schweigen zu bringen", sagt Gordana Igrić, die das serbische Regionalbüro des Netzwerks "Balkan Insight" leitet, das in allen Ländern des ehemaligen Jugoslawiens und in Rumänien und Bulgarien investigative Journalisten beschäftigt. An Drohungen und Gängelungen hat sich Igrić gewöhnt. Die Unterstützung durch Rodić ist neu.

Der liebste Talkgast beim Sender Pink TV? Der Premier natürlich

Das Portal mit seinen 200 Mitarbeitern hängt von Spenden von Menschenrechtsorganisationen und der EU ab. Ein Umstand, den Vučić nutzt, um die kritischen Journalisten zu diskreditieren. Das regierungstreue Boulevardblatt Informer veröffentlichte am 4. November ein großformatiges Foto eines ihrer Mitarbeiter und schrieb dazu, er würde Millionen Euro vom Westen erhalten, um das Land zu destabilisieren. Das Durchschnittsgehalt bei "Balkan Insight" liegt bei 400 Euro im Monat.

Dass es selber von dubiosen Geldern abhängt, verschweigt das Blatt Informer. Es bekommt regelmäßig finanzielle Unterstützung vom Premier, wie das unabhängige serbische Journalisten-Netzwerk KRIK ermittelt hat. "Die EU lässt Vučić sehr, sehr viel durchgehen", sagt Igrić. Der Premier reagiere auf jeden kritischen Bericht zuverlässig mit Anschuldigungen. Wer anmerkt, dass die Regierung Bauprojekte nicht transparent ausschreibt, wer über Korruption schreibt, werde als Lügner diffamiert.

Gleichzeitig setzt sich Vučić sehr aktiv dafür ein, dass positive Meldungen über ihn die Medienlandschaft dominieren. Er hat Erfahrung mit so etwas: Unter Serbiens Kriegspräsident Slobodan Milošević war er von 1998 bis 2000 Informationsminister. Heute kooperiert er mit Dragan Vučićević, der Chefredakteur bei Informer ist und Gastgeber einer Talkshow bei Pink TV. In 50 Prozent der Sendungen interviewt Vučićević den selben Mann: Premier Vučić.

Inzwischen wird die Kritik aus Brüssel ein wenig lauter: "Es besteht Sorge über die sich verschlechternden Bedingungen der Meinungsfreiheit in Serbien. (...) Drohungen und Gewalt gegenüber Journalisten bleiben besorgniserregend." So steht es über den EU-Beitrittskandidaten im Fortschrittsbericht der Europäischen Kommission, der am Dienstag veröffentlicht wurde. Für diejenigen, die in Belgrad, Novi Sad oder Niš versuchen, kritischen Journalismus zu machen, ist das nicht neu, aber immerhin eine Bestätigung.