Presse in der Türkei Ein Deal, der Erdoğan freuen dürfte

Er wird der "türkische Berlusconi" genannt: Der Konzerngründer Aydin Doğan.

(Foto: Murad Sezer/AP)

Der türkische Unternehmer Aydın Doğan stritt sich immer wieder mit Präsident Erdoğan. Jetzt verkauft er seine Medien, darunter das Massenblatt "Hürriyet" und den Sender CNN Türk. Das dürfte politische Folgen haben.

Von Christiane Schlötzer

In Hürriyet, der größten Tageszeitung der Türkei, war gelegentlich noch Regierungskritik zu lesen, und der TV-Nachrichtenkanal CNN Türk wagte Diskussionsrunden, in denen nicht nur Bewunderer von Präsident Recep Tayyip Erdoğan zu Wort kamen. Nun werden Hürriyet und CNN Türk verkauft, zusammen mit allen anderen Medien des Doğan-Konzerns, des bislang größten Medienkonglomerats der Türkei. Das Paket geht an einen anderen Mischkonzern, die Demirören-Gruppe, dem schon Zeitungen, aber auch Energiefirmen und Immobilien gehören. Dieser Konzern gilt als wesentlich regierungsfreundlicher, ja als geradezu lammfromm.

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Den spektakulären Verkauf meldeten am Mittwoch mehrere türkische Internetzeitungen, darunter die Nachrichtenseite diken.com.tr, die sich auf Informanten aus Doğan-Zeitungen berief. Diken-Chefredakteur Erdal Güven sagte der SZ: "Recep Tayyip Erdoğan wird über diesen Deal sehr erfreut sein." Eine offizielle Mitteilung der Verlage sollte es in Kürze geben, die Kaufsumme soll mehr als eine Milliarde Dollar betragen. Es ist die größte Medienfusion in der Türkei seit langem - und auch die politisch wohl folgenreichste.

Aydın Doğan, 81, der Gründer des Doğan-Konzerns, wurde oft als "türkischer Berlusconi" bezeichnet, weil er seine Medienmacht mit Beteiligungen an Energie-, Finanz- und Tourismusunternehmen absicherte. Mit Erdoğan geriet er immer wieder in Streit, hinter horrenden Steuer- und Bußgeldforderungen sah Doğan politische Schikane. In einem 2014 im Internet veröffentlichten Telefonat wies Erdoğan seinen Justizminister an, für ein hartes Urteil gegen Doğan zu sorgen. 2009 gab der Konzern-Patriarch bereits den Vorsitz der Holding an seine Tochter Arzuhan Doğan Yalçındağ ab, blieb aber öffentlich präsent und gehörte weiter zum säkularen Establishment der Türkei.

Noch 2017 wurde er vor Gericht geladen, wegen angeblichem Treibstoffschmuggel, auch dahinter vermutete er politische Motive, wegen der Berichterstattung der Hürriyet (Auflage 325 000). Doğan, erzählen Journalisten in Istanbul, habe zunehmend genug vom Medienbusiness gehabt, angesichts des ewigen Ärgers und Drucks. Auch der Chef der Demirören-Holding, Erdoğan Demirören, ist fast 80, und auch er hat erlebt, was es heißt, wenn Erdoğan wütend ist. Berühmt wurde ein abgehörtes Telefonat, das Demirören 2014 mit Erdoğan, damals noch Premier, führte. Erdoğan beschwert sich darin über eine Veröffentlichung in dem Demirören-Blatt Milliyet. Es ging um Gespräche, die Kurdenpolitiker, unter Aufsicht des Geheimdienstes, mit dem Chef der PKK, Abdullah Öcalan, führten. Erdoğan nannte den Milliyet-Chefredakteur einen "ehrlosen, miesen Kerl" und forderte dessen Rauswurf. Am Ende der Aufzeichnung bricht Demirören in Tränen aus und jammert: "Wie bin ich da bloß hineingeraten." Gemeint war das Mediengewerbe. Nun gerät Demirören noch viel tiefer in den türkischen Mediensumpf. Der Markt wurde zuletzt schon zum größten Teil von der Regierung kontrolliert.

Demirören nennt Erdoğan unterwürfig "Patron", der Milliyet-Chef wurde - wie von Erdoğan gewünscht - gefeuert. Nach der Großfusion gibt es nur noch sehr wenige kleine regierungskritische Blätter, darunter die linke, kemalistische Cumhuriyet (Auflage 34 704), die der Oppositionspartei CHP nahesteht. Dazu Internetpublikationen. Yavuz Baydar, lange Ombudsman der türkischen Presse und inzwischen außer Landes, sagt, mit dem neuen Medienriesen sei Erdoğan "seinem Traum von einer lebenslangen Präsidentschaft mit autoritärer Herrschaft viel näher gekommen".

Die Verkaufsberichte sorgten sofort für einen Kurssprung der Doğan-Aktie um 19 Prozent an der Istanbuler Börse. An der Doğan TV Holding ist mit sieben Prozent auch der deutsche Springer-Konzern beteiligt. Konzern-Sprecherin Edda Fels teilte der SZ auf Anfrage mit, es gebe aber "die klare Absicht, dass wir uns komplett zurückziehen". Ex-Bildchefredakteur Kai Diekmann gehört noch dem Hürriyet-Aufsichtsrat an. Dies sei aber ein "privates Engagement", sagt Diekmann. Was daraus werde, müsse er sich jetzt erst überlegen.

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