"The Curvy Magazine" Am Ende doch nur ein Euphemismus für "übergewichtig"

The Curvy Magazine startet mit 110 000 Exemplaren für je 5 Euro.

(Foto: Promo)

Das "Curvy Magazine" zeigt Kurven, unübersehbar. Der Effekt ist toll. Leider gerät das Magazin aber zu therapeutisch.

Von Tanja Rest

Was man niemals verstanden hat: dass Frauen, die sich stigmatisiert fühlen, weil ihr Körper dem herrschenden (perversen) Schönheitsideal nicht entspricht - früher hätte man "mollig" oder "vollschlank" gesagt, heute sagt man "curvy" oder "plus size" (mangels eines politisch korrekten deutschen Adjektivs) - dass also gekränkte Plus-Size-Frauen freiwillig in ein Ghetto ziehen, das sich wieder nur über den Körper definiert. Warum tun sie sich das an? Wofür soll das gut sein?

An Sphären, wo nicht-dünne Frauen unter sich bleiben und sich endlos mit ihrem Hüftspeck beschäftigen können, herrscht jedenfalls kein Mangel. Man findet sie im Fernsehen (Curvy Supermodel bei RTL 2), in der Buchhandlung (die "Moppel-Ich"-Klone) und vor allem im Netz, dort dann als Hashtag-Ghettos; zuletzt hießen sie etwa #bodyacceptance, #bodypositive oder #celebratemysize. Ihnen gemeinsam ist, dass Frauen ab Kleidergröße 42 ihren Körper weitgehend von Kleidung befreit präsentieren, wogegen nichts einzuwenden ist. Allerdings wird dem Betrachter diktiert, wie er diese Körper und die Tatsache, dass sie hergezeigt werden, zu finden hat: "wunderschön" beziehungsweise "Super, dass du dich das getraut hast!!!" Dünne, also dem Diktat entsprechende Körper darf man zum Glück noch finden, wie man will, das hat nicht ganz unwesentlich mit der Frau zu tun, die darin steckt.

The Curvy Magazine arbeitet also darauf hin, sich selbst überflüssig zu machen

Auch in der Pressemitteilung zum neuen Hochglanztitel The Curvy Magazine wurde die Sichtweise vorsichtshalber gleich mitgeliefert. Die Models in den opulenten Fotostrecken seien "selbstbewusst, sexy, lässig, wunderschön". Das klang so unselbstbewusst, dass man eigentlich gar nicht mehr reinschauen wollte. Nun aber die Überraschung: So einfach ist es nicht.

thecurvymagazine.de, das war zuerst noch eine weitere Plus-Size-Nische im Netz. Erfunden hat sie vor einem Jahr die Modejournalistin Carola Niemann, mit Erfolg: 14 000 Instagrammer verfolgen inzwischen die Berichte über Mode, Beauty und Wellness für "Curvys", wie sie hier heißen. Der Verlag Ocean.Global (Matador) bringt das Format jetzt an den Kiosk, mit Niemann als Chefredakteurin. Und die hat sich für Seite 22 einen so offensiven wie raffinierten Schachzug ausgedacht. Sie lässt eine externe Autorin die Frage beantworten: "Brauchen wir wirklich ein Magazin für Plus-Size-Frauen?"

Die Mär vom "einfachen Leben"

Aktuellen Frauenzeitschriften gelingt eine Umdeutung, wie sie nur der Kapitalismus ausbrüten kann: Der Weg zum Weniger führt über das Mehr. Von Silke Burmester mehr ...

Die Antwort ist erfrischend ehrlich. "Aktuell kriegen wir Dicken eine ganz eigene Welt auf uns zugeschneidert", schreibt Susanne Ackstaller. Ob man in dieser Parallelwelt wirklich dauerhaft leben wolle, "ich zumindest will das nicht. Aber ich weiß auch: Alles braucht seine Zeit." The Curvy Magazine arbeitet also darauf hin, sich selbst überflüssig zu machen - das ist schon mal ein ziemlich lustiger Gedanke.

Nun aber das Cover, zu sehen ist das deutsche Übergrößenmodel Angelina Kirsch. Sie trägt einen schwarzen Body mit Netzeinsätzen, eine schwarze Perlenkette und sonst nichts. Vogue-Covermodels blicken, um solch explizite Outfits mit Bedeutung aufzuladen, immer recht ätherisch in die Ferne. Angelina Kirsch lacht.

Wenn Frauenmagazine "curvy" schrieben und "dick" dachten, sah man meist eine ganz normale Frau, gut kaschierte Konfektionsgröße 40, maximal 42. Die Kurven im Curvy Magazine dagegen sind unübersehbar, zum Teil gewaltig. Der Effekt ist toll und beinahe surreal. Draußen auf der Straße tragen sechs von zehn Frauen Größe 42 und mehr, auf einer Hochglanzdoppelseite aber hat man sie sich nie vorstellen können - einfach, weil es so etwas nie gab. Hier aber sind sie jetzt, sogar auf den Anzeigen, sie tragen Cocktailkleider, Corsagen, Bikinis und sehen tatsächlich sexy und selbstbewusst darin aus.

Es gibt in diesem Heft keine Verschlankungs-Anleitungen und auch keine Tipps, in welchem Outfit der Hintern optisch schrumpft. Wenn man außerdem bedenkt, dass die meisten Luxusdesigner die Zusammenarbeit aufkündigen, sobald ein richtiger Hintern in Sicht ist, hier aber Kleider zu sehen sind, die cool sind und voluminös - dann hätte das Curvy Magazine ein Heft werden können, das Hedonismus mit Service kombiniert. Immer noch Nische, aber untherapeutisch.

Das Problem ist, die Macherinnen können sich die Lebensfreude, die ihre Modestrecken verströmen, selbst nicht ganz glauben. Ihre Texte strotzen nur so von Happy-Parolen und Kopf-hoch-Vokabular, und den Hintern-Tipp gibt es natürlich trotzdem, nur ins Positive gewendet: "Sind deine Schultern schmaler als die Hüften und du liebst deine schlanke Taille, bist du ganz klar ein A-Typ. A steht für aufregend, denn deine femininen Rundungen kannst du super zu deinem Vorteil nutzen!" Am Ende schnurrt halt doch wieder alles auf die Beschwörung in Carola Niemanns Editorial zusammen: "Wir sind völlig okay, so wie wir sind!"

Wenn man auf 162 Seiten eingehämmert bekommt, dass man so, wie man ist, okay ist: Dann regt sich irgendwann womöglich der Verdacht, dass irgendetwas mit einem nicht stimmt. Dass "curvy" eben doch kein pralles Lebensgefühl beschreibt, sondern nur ein Euphemismus ist für übergewichtig.

Keine Lust auf Verklemmtheit

Die Kultmarke American Apparel zeigte Werbemotive aus der Perspektive des notgeilen Männerblicks. Drei Frauen beleben sie jetzt wieder - und zeigen, wie Sexiness in Zeiten von "Me Too" funktionieren kann. Von Jan Stremmel mehr...