Netzüberwachung in "The Newsroom" Saurer Regen der digitalen Generation

Ein geheimes Überwachungsprogramm, verraten durch einen Whistleblower. Die US-Serie "The Newsroom" hat schon im vergangenen Jahr einer Befürchtung ein Gesicht gegeben, die nun Wirklichkeit geworden ist. Popkultur trifft den Nerv der Gegenwart. Doch was jetzt?

Von Dirk von Gehlen

Es war eine Ahnung. Eine Ahnung, die Drehbuchautor Aaron Sorkin in der amerikanischen Journalistenserie The Newsroom vor einem Jahr sogar konkret aussprach. In der achten Folge der ersten Staffel, die bereits im vergangenen Sommer ausgestrahlt wurde, tritt ein ehemaliger Geheimdienst-Techniker auf, der ein NSA-Geheimnis öffentlich machen will: die vollständige Überwachung der Telekommunikation aller Amerikaner. Jetzt wissen wir: Außerhalb der Serie wurde offenbar sogar die Briefpost überwacht.

In The Newsroom heißt die Abhöraktion "Global Clarity" und der Whistleblower bekommt von Sorkin den Namen Solomon Hancock. Er sitzt mit Charlie Skinner, dem Chef der The Newsroom-Redaktion, in der öffentlichen Bibliothek von New York City. Hier fühlt er sich sicher. Hancock bittet Skinner, die Batterie aus dem Handy zu nehmen und berichtet ihm dann von dem geheimen Überwachungsprogramm, das frappierend an die vom ehemaligen NSA-Techniker Edward Snowden bekannt gemachte Prism-Aktion erinnert.

Aaron Sorkin, für seine pointierten Dialoge bekannt, lässt den Whistleblower auf die Frage, warum er dieses Geheimnis an die Öffentlichkeit bringen will, mit Bezug auf den Kalten Krieg antworten. Hancock, langgedienter NSA-Techniker, erklärt, er habe die Sowjets geliebt. Die Art und Weise aber, wie deren Regierung sie behandelt habe, habe für ihn den Kampf gegen den Kommunismus gerechtfertigt. "Nach den Anschlägen vom 11. September haben wir angefangen, genau das gleiche zu tun", antwortet der Whistleblower dem fragenden Journalisten. Er habe nicht sein ganzes Leben damit zugebracht, die Kommunisten zu bekämpfen, um jetzt tatenlos zuzusehen, wenn deren Methoden im Westen Wirklichkeit werden. Deshalb müsse all das jetzt an die Öffentlichkeit.

Popkultur erweist sich immer dann als besonders wirkmächtig, wenn sie den Puls der Gegenwart trifft. Aaron Sorkin war einen Wimpernschlag schneller als die Gegenwart. Nicht nur weil der Whistleblower der Realität sich gerade ausgerechnet in Moskau - im Herzen der ehemaligen Sowjetunion - aufhält. Sorkin hat einer Befürchtung ein Gesicht gegeben, die nun Wirklichkeit geworden ist. Aber diese Ahnung wird nicht weniger böse, nur weil man sich schon an sie gewöhnen konnte.

Die pulsierendste Popkultur der Gegenwart, die Meme-Kultur des Web, reagiert auf diese fassbar gewordene Ahnung mit Sarkasmus. Sie sammelt Bilder des US-Präsidenten vor dem Computer und gibt ihnen den Titel "Barack Obama liest deine Mails". Sie beklagt sich, dass die Geheimdienste zwar alle Statusmeldungen auf Facebook scannen, aber niemals "gefällt mir" drücken. Sie versucht die Bedrohung zu verlachen. Das mag oberflächlich sein, es ist aber vor allem breitflächig - die Web-Phänomene, die sich mit Prism und der Überwachung befassen, sind zahlreich.

Sie zeigen: Hier ist jemand in das Ökosystem eingedrungen, das vielen Menschen alltäglicher Lebensraum geworden ist. Nicht nur deshalb ist der Vergleich mit der aufkommenden Umweltbewegung der späten 1970er Jahre angebracht. Auch damals gab es diese böse Ahnung, dass Abfälle in der Nordsee verklappt oder Gifte nicht ordnungsgemäß entsorgt werden. Auch damals gab es zunächst ein Achselzucken, weil man gegen den sauren Regen und die Übermacht der Konzerne doch machtlos sei. Es blieb allerdings nicht dabei. Denn nur weil es nachweisbar passiert, dass Giftmüll ins Meer gekippt wird, muss man dem nicht tatenlos zusehen.

Die Umweltbewegung hat ihre Reaktion auf zwei Ebenen gezeigt: Sie hat den privaten Nutzer zum Umweltschützer gemacht, der auf seinen Konsum achtet und seinen Müll trennt. Sie hat aber vor allem ein politisches Feld eröffnet, auf dem Konzerne, Verbände und Parteien Verständnis für Ökosysteme lernen mussten. Beide Ebenen werden wir auch im Nachgang zu Prism erleben: Die aufkommende digitale Bürgerrechtsbewegung sorgt bereits dafür, dass Datenschutz und Netzpolitik nicht mehr nur als Thema für Randgruppen wahrgenommen wird (wie der Hippie-Umweltschutz anfangs auch). Und sobald der Sarkasmus des Erstaunens darüber abgeklungen ist, dass die Realität tatsächlich schlimmer ist als eine TV-Serie, wird sich auch ein privater Konsum herausbilden, der auf einen nachhaltigen Umgang mit Daten setzt. Ebenfalls zunächst kaum im Mainstream, aber in einer wachsenden Gruppe von merkwürdigen Spinnern, die heute nicht Ökos, sondern Nerds heißen.

In The Newsroom stürzt sich der Whistleblower in den Tod, "Global Clarity" dient dem Drehbuchautor einzig als Anspielung auf die Telefonüberwachung der Murdoch-Medien in Großbritannien. Aber wer weiß, was Sorkins Skript noch bereit hält. In diesen Tagen startet im US-Fernsehen die zweite Staffel von The Newsroom.