Missglücktes Spiel mit Klischees Schwulen-Test empört "Bravo"-Leser

Angst vor Spinnen? Bunte Klamotten im Schrank? Das könnte ein Hinweis auf Homosexualität sein, so suggeriert es ein Test auf der "Bravo"-Webseite. Deutschlands renommiertes Jugendmagazin, ein Verbreiter tumber Klischees? Im Internet empören sich die Leser - dabei hat es die "Bravo" doch eigentlich gut gemeint.

Von Tobias Dorfer

Eine Frage haben sich in 57 Jahren Bravo unzählige Jugendliche gestellt: Bin ich schwul? Normalerweise ist das ein Fall für das Dr.-Sommer-Team. Die geschulten Fachleute sammeln die Briefe und Mails der meist pubertierenden Leser und reagieren sensibel. Auf die Frage eines 14-Jährigen, ob er schwul ist, wenn er sich mit seinem Kumpel befriedigt, antwortet das Team: "Deshalb gehört es in die Zeit der Pubertät, dass Du Deiner Neugierde folgst und einige Dinge einfach ausprobierst."

Wer auf die Antwort der Sexualberater nicht warten möchte, kann auf der Internetseite der Bravo auch einen Schnelltest machen. Zehn Fragen - und schon herrscht Sicherheit, zu welchem Geschlecht man sich hingezogen fühlt. Darunter ist durchaus Nachvollziehbares:

Auf einer Privatparty spielt ihr Flaschendrehen. Die Flasche zeigt auf dich, und du musst einen anderen Typen knutschen. Was denkst du?

Doch in dem Test werden auch andere Fragen gestellt:

"Wenn du mit einem Ball auf ein Ziel werfen sollst, wie oft triffst du?" (Mögliche Antworten: Fast immer. Manchmal. Nie)

"Welche Farben haben die Klamotten in deinem Kleiderschrank?" (Mögliche Antworten: Matte Farben, grell und bunt oder dunkle Töne)

"Vor dir auf dem Boden ist eine Spinne. Was tust du?" (Nichts. Kreischen. Einen Schritt über sie rüber machen)

Wird die Bravo, die seit Jahrzehnten für ihre Aufklärungsarbeit hohes Ansehen genießt, zum Verbreiter billiger Klischees? Auf der Facebook-Seite von Bravo empören sich die User. "In welchem hinterletzten Dorf lebt ihr denn?", fragt ein User. Und ein anderer schreibt: "Bravo 'Bravo' ... ihr habt es geschafft, den Tiefpunkt noch ein bisschen weiter herunter zu setzen." Auch auf Twitter wird mit der Redaktion nicht gerade zimperlich umgegangen: "Grenzdebil", "schäbig" und "klischeebeladen" sei der Test, heißt es da.

Was viele User offenbar nicht gesehen haben: Unter dem Test-Ergebnis steht noch eine kleine Botschaft der Bravo-Redaktion:

"Es ist übrigens egal, welche Farben Deine Klamotten haben, ob Du überlegst Dich zu schminken, ob Du eher männliche oder weibliche Freunde hast, ob Du Angst vor Spinnen hast oder gut werfen kannst - das alles sagt nichts darüber aus, ob Du schwul bist oder nicht. Die Antworten auf diese Fragen haben also auch keinen Einfluss auf das Ergebnis."

Diese Information bekommt jedoch nur, wer alle zehn Fragen durchgespielt hat. Unter dem dick markierten Ergebnis stehen noch drei Links für die Coming-Out-Hilfe. Dann erst wird der Clou des Tests erklärt. Wer nicht ganz genau hinschaut, bleibt im Glauben, die Bravo-Redaktion hält die Angst vor Spinnen für ein Homosexualitäts-Merkmal.

Auch beim Bauer-Verlag, der die Bravo herausgibt, hat man inzwischen gemerkt, dass der Sinn des Testes nicht gerade auf den ersten Blick zu erkennen ist. Man wollte das Thema Homosexualität auf eine "lockere Art und Weise" behandeln, sagt ein Verlagssprecher zu Süddeutsche.de. Der Test sei vom Dr.-Sommer-Team in Zusammenarbeit mit einem homosexuellen Mitarbeiter entwickelt worden - auch mit dem Ziel, Vorurteile als solche zu brandmarken. Bravo verstünde sich als "Partner" der Jugendlichen und habe kein Interesse daran, "Klischees zu verbreiten".

Der Lesben- und Schwulenverband LSVD fürchtet jedoch, dass genau das passieren könnte. Selbst wenn Vorurteile aufgeführt und als solche kritisiert werden, werden sie doch verbreitet, sagt eine LSVD-Sprecherin. Grundsätzlich bescheinigt sie Bravo aber eine "fortschrittliche" Rolle beim Umgang mit homosexuellen Jugendlichen.

Diesen Ruf will man in der Bravo-Redaktion offenbar nicht mit einem missglückten Schwulen-Test aufs Spiel setzen. Der Test wurde inzwischen von der Seite genommen, sagte der Bauer-Sprecher. Sollten Bravo-User den Sinn der Fragen falsch verstanden haben, bedauere man das.