Journalistenmord in Russland Rätsel um den Tod von Anna Politkowskaja

Vor fünf Jahren wurde die Journalistin Anna Politkowskaja in Russland ermordet. Der Fall führt in die undurchsichtigen Hintergründe der russischen Politik - gelöst wurde er immer noch nicht. Vor allem der Auftraggeber des Mordes blieb im Dunkeln - Anna Politkowskajas Redaktion gibt trotzdem nicht auf.

Von Frank Nienhuysen

Ihr Computer ist abgebaut, aber der Schreibtisch steht noch immer da. Es ist ein kleiner brauner Tisch, nur etwa 1,20 Meter breit. Auf der Glasplatte steht eine Vase mit einem verblassten gelben Goldruten-Strauch. Daneben liegt ein rot ausgemalter Gruß der Kollegen, er muss noch von Ende August stammen: "Zum Geburtstag. Unsere Anja". Dazu ein Foto von ihr in weißer Bluse, die Arme verschränkt: Anna Politkowskaja. Die Mitarbeiter nennen sie nur Anja, das klingt sanfter, das war ihr Kosename. Und Anja wird hier nicht vergessen.

Es gibt viele Erinnerungen an die Journalistin in den Redaktionsräumen der Nowaja Gaseta. Porträts in Schwarzweiß, Titelseiten mit ihrem Bild aus der Zeit nach ihrer Ermordung. Genau fünf Jahre liegt ihr Tod an diesem Freitag nun zurück, aber der Fall Politkowskaja geht ja weiter. Auch dank der Zeitung, für die Politkowskaja gearbeitet hat.

Es sind nur ein paar Schritte von ihrem früheren Büro bis in das von Sergej Sokolow. Man muss an dem Konferenztisch vorbei, hinter dem eine Fahne mit dem Namen der Zeitung festgesteckt ist, darüber hängen Porträts von sechs Mitarbeitern, die in den vergangenen Jahren getötet wurden. Die Zeitung hat für ihre kritische Haltung einen hohen Preis bezahlt. Sokolow sagt, "ich weiß, dass das eine gefährliche Arbeit ist, aber in Russland kann eine beliebige Dienstreise schlecht enden".

Sokolow ist der stellvertretende Chefredakteur der Nowaja Gaseta, 44 Jahre alt ist er und seit dem ersten Tag der Zeitung dabei. Es ist jetzt spät am Tag, und Sokolow raucht. Er trägt Jeans, eine braune Lederjacke, einen Rolli. In seinem Zimmer liegen Eintrittskarten für einen Film über Anna Politkowskaja, der an diesem Freitag gezeigt wird. Als Politkowskaja am 7. Oktober 2006 am späten Nachmittag vor dem Aufzug ihres Wohnhauses erschossen wurde, war er auf einer Dienstreise im Ausland. Am nächsten Morgen kehrte er zurück. Er sagt: "Nachdem ich den Anruf erhalten hatte, waren meine ersten Gefühle Wut und Kraftlosigkeit. Anja war damals ja leider schon das dritte Opfer." Aber als er wieder in Moskau war, in seiner Zeitung, kam die Kraft zurück, und er begann mit der Suche nach den Schuldigen.

Sokolow führt seitdem in der Zeitung ein kleines Ermittlerteam, das mithilft, den komplizierten Fall zu lösen, die Wahrheit im Mordfall Politkowskaja zu finden. Manchmal sind es bis zu fünf, sechs Mitarbeiter gleichzeitig. Man kann nicht sagen, dass die Journalistengruppe immer gegen die offiziellen Ermittler arbeitet. Aber sie traut ihnen auch nicht. Sokolow sagt: "Wir müssen ihnen helfen, und wir müssen sie kontrollieren. Wir arbeiten auch zusammen, aber jeder hat seinen eigenen Weg, seine eigenen Informationsquellen - und seine Prioritäten. Ich will überzeugt sein, dass auf der Anklagebank auch die Schuldigen sitzen."

Der Mordfall Politkowskaja ist nach fünf Jahren noch immer ein großes Rätsel. Immerhin scheint ein Teil von ihm gelöst zu sein, aber es bleiben Lücken. Es gibt den mutmaßlichen Todesschützen Rustam Machmedow, der im Frühjahr in einem tschetschenischen Dorf im Hause seiner Mutter verhaftet wurde. Zwei Brüder von ihm, ebenfalls in Haft, sollen ihm bei der Tat geholfen haben. Bereits im Jahr 2008 gab es gegen sie einen Gerichtsprozess, 2009 aber wurden sie wegen mangelnder Beweise zunächst freigesprochen. Dann hob das Oberste Gericht in Russland die Urteile wieder auf, und die Ermittlungen mussten wieder aufgenommen werden.