Journalismus im Netz: "Politico" Auf halbem Weg zum Jubelpark

In Washington gehört die Web-Publikation "Politico" zur Pflichtlektüre. Seit 2015 gibt es im Joint Venture mit Axel Springer einen Europa-Ableger. Ein Redaktionsbesuch in Brüssel.

Von Claudia Tieschky

Wer Romantik will, sollte nicht Journalist werden, aber das Serienfernsehen weiß es wieder einmal besser und führt seit einer Weile völlig besoffen vor Begeisterung einen Reporter-Typ vor, der ganz allein die Wahrheit oder zumindest die Story rettet. Gerade war zum Beispiel in Die Stadt und die Macht zu sehen, wie eine hals- und herzbrecherische Dauerlederjacke namens Alex Moravek mit Blog und USB-Stick die schmutzigen Details zum Showdown liefert. Zu diesen abenteuerlichen Figuren gehört auch Zoe Barnes in House of Cards, die zwar nicht besonders viele Folgen überlebte, aber als White-House-Berichterstatterin einer Web-Zeitung verdammt nah dran war am skrupellosen Politiker Frank Underwood. Und an seinem Reißverschluss.

Carrie Budoff Brown ist keine Serienfigur, sondern ganz und gar echt, eine Journalistin mit handfestem, nicht unfreundlichem Temperament und schwarzen Locken. Sie hat kaum etwas, aber eines doch mit Zoe gemeinsam, sie war fünf Jahre lang White-House-Korrespondentin für die längst außerhalb der USA bekannte Web-Publikation Politico in Washington, nun ist sie Politik-Chefin im Team des Ablegers in Brüssel. Für Budoff Brown und für alle amerikanischen Journalisten ist Zoe Barnes ein rotes Tuch. Warum? "Sie ist hinterhältig. Sie schläft mit Kollegen und Informanten." Und außerdem, setzt sie nach, ganz so als wäre das nicht nur Verrat an Pro Quote, sondern einfach schlechtes Benehmen, außerdem "wird sie umgebracht".

Budoff Brown hat wenig Sinn fürs Melodrama, darum verließ sie 2006 den einst hoch angesehenen, aber durch endlose Insolvenzen, Entlassungswellen und Besitzerwechsel geschwächten Philadelphia Inquirer, "die Zeitung, die ich liebte, und von der ich dachte, dass ich Jahrzehnte dort bleiben würde". Sie schloss sie sich Politico an, denn "es schien mir damals weniger riskant, zu einem Start-Up zu gehen, als bei dieser großen Regionalzeitung zu bleiben, die sich den Verhältnissen nicht anpassen konnte". Carrie Budoff Brown liebt Journalismus, sie liebt ihn so sehr, dass sie ihm das Sterben nicht verzeiht, weder in einer dummen TV-Serie noch aus unternehmerischer Hilflosigkeit.

Die Geschichte ist eine typische Episode, die man so oder so ähnlich immer wieder von Mitarbeitern der Webseite hört und die eine Legende begründet. Denn Politico ist ein Versprechen. Das Versprechen, politische Berichterstattung im Digitalen finanzieren zu können, wenn man flexibel genug ist. Dieses Versprechen soll seit April 2015 mit einem ebenfalls englischsprachigen Ableger in Brüssel erneuert werden, in der allerschönsten und allerscheußlichsten Stadt Europas. Brüssel mit seinem Nebeneinander von sogenannten Problembezirken und jener Rollkoffer-Population, die die Existenz all der Health-Food-Restaurants sichert - warum nicht auch von Politico?

Das Kernstück: handgestreichelte Newsletter von Journalisten für ein zahlendes Profi-Publikum

Aber Brüssel ist nicht Washington, wo Politico quasi schon heiliggesprochen ist - spätestens seit der Journalist Mark Leibovich in seinem Buch This Town die 2007 gegründete Webseite als Must have in der Hauptstadt vorstellt. Wenn man Leibovichs bissigen Beobachtungen folgt, dann messen Menschen ihren Einfluss daran, ob ihr Geburtstag in der täglichen Politico-Rundmail "Playbook" von Mike Allen erwähnt wird. Allen ist "Chief White House Correspondent" und hat viel Sinn für die Autoerotik der Macht. Dieses spezielle Gefühl müsste jetzt halt noch in Brüssel einziehen.

Geschäftsführung und 40 Journalisten von Politico Europe arbeiten auf zwei Stockwerken eines Bürohauses an der Rue de la Loi, jener langen Straßenflucht, die zum Triumphbogen des Jubelparks führt, und um die herum sich Europas Verwaltungsmacht gruppiert. Das Geschäftsmodell der Webseite beruht in den USA wie in Europa wesentlich auf Abo-Einnahmen durch gesponsorte Newsletter für ein hoch spezialisiertes Publikum, das an exklusiven Details zu Politik, Strategie und Regulierung interessiert ist, also Dingen, die einen normalen Leser weniger umtreiben.

Diese Details packen die Journalisten hier erst einmal in die Post für ihre Abonnenten . Erst später landen sie auf der freien Webseite oder in der wöchentlichen Print-Ausgabe - wenn überhaupt. Nicht für viele Menschen ist der Zeitplan der EU-Kommission für Regelwerke zur Speicherung von Gas relevant, aber für Politico ist diese zahlende Klientel wichtiger als Klicks auf der Webseite (derzeit nach eigenen Angaben 2,5 Million Visits im Monat). Eine publizistische Linie gibt es nicht, man kauft Meinungen von Gastautoren aller Couleur, aus Deutschland ist Springer-Mann Nikolaus Blome öfters dabei. Dazu kommt eine wöchentliche Print-Ausgabe und kürzlich ein Magazin, das die 28 wichtigsten Europäer kürte. Platz eins belegte Ungarns Regierungschef Viktor Orbán. Politico ist eine Veranstaltung für einen kleinen Club, man liest es beruflich, nicht zum Privatvergnügen und ob der quasi handgestreichelte Versand von Insider-News etwas über die Refinanzierbarkeit von Journalismus im Allgemeinen aussagt, ist unwahrscheinlich. Außer vielleicht: Dass sich Experimente auszahlen. Allein diese Botschaft ist inzwischen so vielversprechend, dass die Bestellung des Politico-Mitgründers Fred Ryan im Jahr 2014 zum Herausgeber der Washington Post sehr simpel und unmittelbar als Umsturz zum Guten gedeutet wurde.

Die Politico-Story hat Mathias Döpfner und die französische Geschäftsfrau Shéhérazade Semsar de Boisséson bezaubert. Sie erwarb 2013 die Wochenzeitung The European Voice aus der Economist-Gruppe, um daraus, wie sie sagt, ein europäisches Politico zu machen. Springer-Chef Döpfner wiederum muss bemerkt haben, wie gut Politico zu seinem eigenen Storytelling passt. Springer hat sich radikal von Print-Titeln getrennt, setzt auf Bezahlinhalte und investiert in digitale Beteiligungen. Springer und Politico bildeten ein Joint Venture.

Unter der Marke "Politico Pro" werden dort neben der Webseite derzeit drei tägliche Newsletter (Energie-, Gesundheits- und Technologiepolitik) sowie bei Bedarf "Alerts" an zahlende Unternehmen, Regierungsbehörden und Lobbyorganisationen verschickt. Die Preise richten sich nach der Zahl der Nutzer pro Organisation und reichen vom mittleren vierstelligen bis in den hohen fünfstelligen Bereich. Dabei kann es vorkommen, dass die Diplomatische Vertretung Chinas den Energie-Newsletter sponsort. Fragen nach Befangenheiten gegenüber wichtigen Abonnenten wehrt man bei Politico sehr entschieden mit dem Bekenntnis zur Unabhängigkeit ab. Beim Sponsoring sei gesichert, dass die Journalisten nicht wüssten, mit wessen freundlichen Empfehlungen ihre Botschaften verschickt werden, versichert Gabe Brotman, der als Aufbauhelfer aus Washington dabei ist.

Über die Finanzlage gibt es keine Auskunft. Bis 2017 oder 2018 soll ein Fifty-Fifty-Verhältnis zwischen Aboerlösen und Werbung beziehungsweise Sponsoring erreicht werden. Geschäftsführerin Semsar de Boisséson erklärt, schwarze Zahlen in zwölf Monaten erreichen zu können, "wenn wir das wollten". Stattdessen hat Politico für 2016 weitere Newsletter angekündigt: Finanzpolitik, Landwirtschaft, Handelspolitik.

Für Zoe Barnes gibt es da keinen Reißverschluss.