Henri-Nannen-Preis: Debatte um Siegertext Bei Seehofer im Keller

Was ist eine Reportage? Ein Siegertext des Henri-Nannen-Preises sorgt für Stirnrunzeln, weil der Autor Erlebtes und Gehörtes nicht ordentlich trennt.

Als der Verlag Gruner+Jahr am vergangenen Freitagabend zum siebten Mal den Henri-Nannen-Preis vergab, hatte er die Bühne des Hamburger Schauspielhauses mit Skulpturen deutscher Dichter und Denker schmücken lassen.

Vielleicht sollte ein bisschen Dichter-und-Denker-Pathos ins Publikum fließen. Vielleicht sollten sich Dichtung und Wahrheit aber auch nur einmal spielerisch begegnen dürfen. Am Ende allerdings ist ernst über Journalismus diskutiert worden, besonders über handwerkliche Kriterien einer Reportage.

Was war passiert? Der Spiegel-Reporter René Pfister gewann den Egon Erwin Kisch Preis für die beste Reportage. Die nach dem großen Reporter Kisch benannte Auszeichnung ist beim Nannen-Preis, dem wichtigsten deutschen Wettbewerb für journalistische Arbeiten, die Kategorie mit der längsten Tradition und noch immer größten Bedeutung.

Pfister hatte für die Spiegel-Ausgabe 33/2010 ("Am Stellpult") ein sehr analytisches Stück über den CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer geschrieben. Der authentisch wirkende Text ist keine klassische Reportage, sondern ein politisches Porträt. Seehofer tritt dabei als Politiker zwischen Spieltrieb und Geltungsdrang auf.

Besonders gelungen fand die Jury-Mehrheit offenbar auch den Einstieg der dreiseitigen Geschichte. Drei Absätze lang beschreibt Pfister, wie Seehofer im Keller seines Ferienhauses in Schamhaupten sein Leben und die Figuren seines Lebens auf einer Spielzeugeisenbahn nachstellt. Gegner werden ausrangiert, Angela Merkel dreht in einer Diesellok "ihre Runden".

Als Pfister nun Freitagabend ins Scheinwerferlicht trat, um sich die Auszeichnung abzuholen, wurde er gefragt, wie er in Seehofers Keller gefunden habe? Er persönlich sei ja gar nicht in Seehofers Keller gewesen, antwortete Pfister unbeschwert. Er habe das auch im Text nicht behauptet.

Das erstaunte nun die Jury und die versammelte Branche. Pfister ist aber mit sich im Reinen, das ist der Eindruck. Seehofer und Seehofers Leute hätten ihm das so, wie er es ausführte, in vielen Gesprächen detailliert geschildert, sagte Pfister an diesem Sonntag. Er habe ein politisches Porträt verfasst, das sei erlaubt: Zur Teilnahme am Kisch-Preis berechtigt sind laut Satzung "journalistische Arbeiten, die in nicht-fiktiver Darstellungsform eine räumlich und zeitlich begrenzte Geschichte wiedergeben, die vom Autor erlebt oder beobachtet wurde. Sie darf subjektive Elemente enthalten und soll beim Leser für "Kino im Kopf" sorgen. Für diese Kategorie können auch journalistische Porträts ausgewählt werden".

"Subjektive Elemente" sind erlaubt, das Porträt als Form ist möglich. Hat Pfister also Seehofers Keller "nicht-fiktiv" dargestellt? Dass man das, was einem aus Erzählungen so vertraut ist, als habe man es erlebt, so aufschreibt, als sei es einem aus dem Erlebten vertraut, ist eine gewöhnliche Technik. Dossiers und politische Berichterstattung sind darauf angewiesen. Pfister hätte nur seine Position, seine Quellenlage anzeigen müssen. Das wäre leicht möglich gewesen.

Andererseits muss man fragen, warum die Jury das sicher treffende Politikerpsychogramm überhaupt so hoch bewertet hat? Die beste deutsche Reportage 2010 ist keine richtige Reportage. Das sagt auf seine Weise der Autor. Das liest man. Das hätte wohl Kisch so beurteilt. Und sie wäre ja nicht einmal richtige Reportage geworden, hätte Pfister benannt, wie er zu den Informationen über Seehofers Märklin-Welt kam.

Und nun? Die Jury ist mit Chefredakteuren besetzt. Kritik an Juryentscheidungen ist so alt wie die Juryentscheidung selbst. Möglicherweise war 2010 bloß ein schlechter Jahrgang für Reportagen. Nichts wird sich beim Henri-Nannen-Preis ändern.

Wenn man, wie an diesem Sonntag, von Horst Seehofer wissen will, wie er das sieht mit Pfisters Texteinstieg, sagt Seehofer: "Das ist mir egal." Sein Keller ist jedenfalls kein geheimer Ort. Dort waren schon Journalisten, und es werden wieder welche vorbeischauen.

Erst neulich, berichtet Seehofer, war ein Spiegel-Team bei ihm in Schamhaupten, Regierungsbezirk Oberbayern. Der Fotograf hatte seine Ausrüstung im Keller aufgebaut. Doch weil er, Seehofer, dann keine Homestory wollte, habe das Fotoshooting nicht im Eisenbahnzimmer stattgefunden.

Zurück zum Pathos. Christine Kröger vom Weser Kurier bekam für ihre Recherche über Verstrickungen der Justiz ins Rotlichtmilieu ("Im Zweifel für den Staatsanwalt") den Investigativpreis. "Ich kann das noch gar nicht glauben", sagte Kröger auf der Bühne, "ich bin ja nicht vom Spiegel und nicht vom Stern." Auch das war so ein Satz, der irritierte. Bisher hat der Stern beim Henri-Nannen-Preis in der Kategorie Investigative Recherche noch nie gesiegt.

Weitere Sieger, u.a. Humor: Hans Zippert/ Welt ("Mich trifft der Schlag"). - Dokumentation: Autorenteam des Spiegel ("Ein deutsches Verbrechen"). - Sonderpreis: Susanne Leinemann/ ZeitMagazin ("Der Überfall").