Gottschalk über den Unfall "Nicht mehr Entertainer, sondern Vater"

Thomas Gottschalk und die Schuldfrage: Der Moderator über seinen schwierigsten Fernsehauftritt, den Schreckensmoment und riskante Wetten in seiner Show.

Interview: Christopher Keil

SZ: Herr Gottschalk, einen so schweren Unfall hat es in 29 Jahren Wetten, dass..? nicht gegeben. Erstmals wurde eine Ausgabe abgebrochen. Dem ZDF wird vorgeworfen, unter dem Konkurrenzdruck von RTL mehr Risiko bei den Wetten einzugehen. Stimmt das?

Thomas Gottschalk: Den Vorwurf, wir hätten unter Konkurrenzdruck eine unverantwortliche Wette ins Programm genommen, möchte und muss ich zurückweisen. Wir hatten immer schon riskante Wetten, ob mit Motorrädern oder auf Skisprungschanzen. Das ist ein Teil des Programms. Natürlich wird man jetzt überlegen müssen, ob das so bleiben kann. Auch das hängt selbstverständlich davon ab, wie schnell es unserem Kandidaten besser geht.

Ich bin im Redaktionsteam dafür bekannt, dass ich aus den Wetten immer unnötigen Druck herausnehme. Das heißt, natürlich habe ich den Kandidaten gefragt: Müssen denn die Autos immer größer werden? Reicht es nicht, wenn du drei Mal über einen Smart springst? Ich habe ein gutes Gefühl dafür, was unser Publikum für spannend hält, und ich halte nichts davon, eine überzogene Dramatik zu erzeugen. In diesem Fall habe ich einen hochmotivierten Kandidaten gehabt, der von sich aus Druck gemacht hat. Wir haben ihm den Druck aber genommen.

SZ: Einer Zeitung sagte der Kandidat Samuel Koch in der vergangenen Woche, er sei bei den Proben gefährlich gestürzt.

Gottschalk: Ich war bei allen Proben dabei, Samuel ist nach einem Sprung kurz hingefallen, aber wieder aufgesprungen wie ein Fußballer nach einem leichten Foul. Samuel wollte die Sendung ausdrücklich nutzen, um sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Wenn bei uns der Eindruck entstanden wäre, er hätte sich mit seinem Wett-Angebot übernommen, hätten wir ihn vor sich selbst geschützt - wie wir das schon früher bei anderen Kandidaten getan haben. Er war aber physisch und psychisch so stark, dass wir keinen Grund hatten, an ihm oder der Wette zu zweifeln. Samuel hat uns die Wette auf einem Betonboden demonstriert, wir haben dann verschiedene Sicherheitselemente eingebaut. So mussten wir ihn beispielsweise davon überzeugen, einen Helm zu tragen. Dass sich nach fast 40 Jahren bei mir erstmals ein Kandidat schwer verletzt hat, ist natürlich ein Schock für mich.

SZ: Gibt es etwas, das Sie sich vorwerfen, das sich die Redaktion vorwirft?

Gottschalk: Nein, aber ich sehe, wie schnell man Verantwortung auf seinen Schultern spürt. Als der Kandidat gestürzt ist, habe ich sofort gewusst: Ich kann hier nicht so tun, als wäre das eine Lappalie. Der Entertainer in mir signalisierte zwar noch, dass in der Kulisse Christoph Waltz stand, ein deutscher Oscar-Gewinner, außerdem Cher, Phil Collins. Ich war extrem gut sortiert, und ich habe vor der Show gesagt: Wir sind nicht nur jeder Konkurrenz gewachsen, wir sind besser. Doch nach einer kurzen Schrecksekunde trat der Entertainer zur Seite und der Vater in den Vordergrund. Ich habe von diesem Moment an keine Sekunde an das Schicksal der Sendung oder meines gedacht, sondern nur noch daran, wie es dem Jungen geht.

SZ: War die Zeit zwischen 20:39 Uhr und 21:13 Uhr, zwischen dem Unglück und der Verkündung des Abbruchs, der für Sie als Moderator schwierigste Moment, seit Sie Fernsehen machen?

Gottschalk: Ja. Ich habe immer damit geprahlt, dass mich vor der Kamera nichts erschüttern kann. Und ich habe immer dazu gesagt: bis auf Not und Tod. Dieser Fall lag nun zwischen Not und Tod, und dann ist keine Moderationskunst mehr gefragt. Es ging nur noch darum, mit einer furchtbaren Situation angemessen umzugehen. Das traue ich mir zwar immer zu, aber ich hätte gerne auf den Beweis verzichtet. Günther Jauch hat mir eine Mail geschrieben, Johannes B. Kerner hat mich angerufen. Da sitzen wir alle im gleichen Boot, so etwas wünscht sich niemand, und man wünscht es niemandem.

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