Eklat beim Henri-Nannen-Preis Netzwerk Recherche kritisiert Nannen-Jury

Verdienstvoll, aber keine herausragende investigative Leistung: Das Netzwerk Recherche hat die Vergabe des Henri-Nannen-Preises an Journalisten der "Bild"-Zeitung kritisiert. Die Journalisten-Vereinigung fordert eine Umstrukturierung der Jury. Auch im Netz wird die Preisverleihung heftig diskutiert.

Das Netzwerk Recherche kritisiert die Vergabe des Henri-Nannen-Preises in der Kategorie "Investigative Recherche" an Journalisten der Bild-Zeitung. "Der Jury des Nannen-Preises fehlt offenbar zum wiederholten Mal ein klares Verständnis für die journalistischen Kriterien. Im Fall der Auszeichnung der Bild-Zeitung verwechselt sie einen erfolgreichen Scoop mit der besten investigativen Leistung", schreibt die Journalisten-Vereinigung unter der Überschrift "Zeit zum Umdenken".

Investigativ arbeiten bedeute nicht, eine möglichst skandalträchtige Schlagzeile zu produzieren, sondern ein "gesellschaftlich relevantes Thema hartnäckig zu verfolgen, gegen Widerstände zu recherchieren, dabei neue Erkenntnisse zu gewinnen und sie verständlich zu präsentieren", heißt es in der Mitteilung weiter.

Am Freitagabend war es bei der Verleihung des angesehenen Journalistenpreises zum Eklat gekommen. Drei Autoren der Süddeutschen Zeitung, darunter auch Netzwerk-Recherche-Mitbegründer Hans Leyendecker, lehnten die Auszeichnung für ihre investigativen Recherchen ab, weil sie sich den Preis nicht mit der Bild-Zeitung teilen wollten. Die Autoren des Boulevardblatts waren mit einem Beitrag zur Wulff-Affäre erfolgreich, die SZ mit Enthüllungen zur BayernLB. Die Jury hatte sich nach langer, kontroverser Diskussion für zwei Auszeichnungen entschieden.

Der Beitrag der Bild-Zeitung sei nicht preiswürdig, urteilt nun das Netzwerk Recherche. Die Aufdeckung der Hintergründe um den Privatkredit des Bundespräsidenten Christian Wulff durch die Bild-Zeitung sei zwar "verdienstvoll und richtig" gewesen, schreibt die Journalistenvereinigung. Dennoch sei sie nach den oben genannten Kriterien nicht die beste investigative Leistung des vergangenen Jahres gewesen. Das Netzwerk Recherche fordert nun, die Jury des Henri-Nannen-Preises künftig mit Fachjournalisten anstelle von "Generalisten" zu besetzen, die oft "nach Gefühlslage oder Proporzdenken" entschieden.

Es ist das zweite Jahr in Folge, dass die Nannen-Jury in die Kritik gerät. Im vergangenen Jahr war der Reportage-Preis nachträglich einem Spiegel-Redakteur aberkannt worden. Er hatte den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) an seiner Modelleisenbahn beschrieben, ohne dies selbst gesehen zu haben. Die Entscheidung war umstritten, unter anderem forderte der jetzt ausgezeichnete Leyendecker damals den Rücktritt der Jury.