Dokumentation über Scientology Im Auftrag der Gemeinschaft

Wozu braucht eine Glaubensgemeinschaft einen Geheimdienst? Der ARD-Film "Die Spitzel von Scientology" geht der Funktion und den Methoden des OSA, des "Office of Special Affairs" der Sekte, auf den Grund. Die Ergebnisse sind nicht immer überraschend. Die Akribie und Hartnäckigkeit der Filmemacher sind jedoch beeindruckend.

Von Matthias Drobinski

Blut fließt aus der Nase, das Auge ist blau, der Mann, der da in Paris gegen Scientology demonstriert, hat was abgekriegt von den Jüngern des Science-Fiction-Autors L. Ron Hubbard. Bedrohlich brummt der Tiefton. Dramatisch geht er los, der Film der Autoren Frank Nordhausen und Markus Thöß über Die Spitzel von Scientology. Und mündet in der schlichten Frage: "Wozu braucht eine Glaubensgemeinschaft einen Geheimdienst?"

Man bediene sich nur der "Mittel des Rechts": Scientologen versuchen, ihre Kritiker verhaften zu lassen.

(Foto: SWR/DOKfilm Fernsehproduktion Gm)

Die Antwort von Scientology lautet: Wir haben ja auch gar keinen Geheimdienst. Dem "Office of Special Affairs", kurz: OSA, gehe es "um die Wahrung der Rechte der Scientology-Gemeinschaft und ihrer Mitglieder" gegen "widerrechtliche Angriffe von fanatisierten Gegnern", natürlich nur "mit den Mitteln des Rechts", wie es in einer Erklärung zum Film heißt. Sequenz um Sequenz jedoch lassen die Autoren die Zweifel an dieser Darstellung wachsen.

Da berichtet der Scientology-Aussteiger Marc Headly, der bis 2005 im Hauptquartier der Organisation arbeitete, dass das OSA schon mal bis zu 100.000 Dollar pro Woche ausgibt, um Gegner zu überwachen und einzuschüchtern. Da erzählt ein deutscher Kritiker, wie sogar seine Mülltonne durchwühlt wurde, um Belastendes gegen ihn zu sammeln, da ist zu sehen, wie Ursula Caberta, die bekannteste deutsche Scientology-Kritikerin, von einem halben Dutzend Scientologen gefilmt wird, wenn sie am Flughafen einen Aussteiger abholt. Das wiederum filmt das Filmteam, und an dieser Stelle wirkt die Dokumentation wie vom chinesischen Künstler Ai Weiwei geschaffen, der den chinesischen Geheimdienst filmt, wie der ihn filmt.

Akribisch und genau

Genau wie der chinesische Geheimdienst ist allerdings auch OSA nicht zu unterschätzen: Vor laufender Kamera werden die Autoren angegriffen. Bei Wikileaks veröffentlichte Dokumente und Aussteiger-Berichte legen nahe, dass die Organisationen in Europa und vor allem den USA Kontakte bis in Regierungskreise hinein haben.

Nur weniges von dem, was Nordhausen und Thöß zusammengetragen haben, ist ganz neu, doch mit welcher Akribie und Genauigkeit sie ihre Informationen sammeln, wie hartnäckig sie sind, das beeindruckt. Seine Grenze findet er darin, dass mancher der Aussteiger und Kronzeugen schon länger ausgestiegen ist, die Informationen also alt sind oder auch im Vagen bleiben müssen.

Vor allem aber klingt der Grundton des Films manchmal so, als sei Scientology drauf und dran, die Weltherrschaft zu übernehmen. In Wirklichkeit aber ist die Organisation in der Krise: An der Spitze in L.A. streiten Hubbards Erben um die Macht, an der Basis glauben immer weniger Menschen an die heilbringende Macht des E-Meters und der "Auditing" genannten Persönlichkeitsausstülpung. Dem Ziel, den Planeten "clear" zu machen, sind die Scientologen nicht unbeding näher gekommen; von daher wirkt der Film eher gruselig als angsteinflößend. Harmlos wird Scientology dadurch allerdings nicht.

ARD, 22:45 Uhr.

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