"Bild"-Zeitung wird 60 Deutsche Papierkanone

Vor 60 Jahren gründete Axel Cäsar Springer "Bild", am Boden kniend, Kleber und Schere in der Hand. Seither lebt das Boulevardblatt vom vermeintlich gesunden Volksempfinden. Erregung ist erwünscht, eingeplant, eingepreist.

Von Tom Schimmeck

Erregung ist erwünscht, eingeplant, eingepreist. Bild lebt von der breiten Stimulation des Gefühls. Auch von der Abscheu der Gegner. Schon seit Axel Cäsar Springer vor 60 Jahren, am Boden kniend, Kleber und Schere in der Hand, sein "Massenblatt neuen Typs" bastelte. Er wollte die Stimmung der Wiederaufbau-Ära treffen: grell, schnell, bedenkenlos, konsumfreudig; für zehn Pfennige. Und gab Order, "holzschnittartig zu formulieren".

Ein Pionier? Bedingt. Das Vorbild, den Daily Mirror, gab es seit 1903. In Hamburg war just die Morgenpost auf den Plan getreten, auch für einen Groschen. Die ging dem neuen Cäsar bald "entsetzlich auf die Nerven". Das aufkommende Fernsehen weckte Phantasie und Begehrlichkeit des rasch expandierenden Verlegers. Er verdiente glänzend am Abdruck des Programms und verlangte später einen "Anteil an der neuen Maschine". Eine Schlacht übrigens, die er zäh führte und doch verlor. Seine Nachfolger schlagen sie noch heute.

Springer wusste um den Marktwert der starken Gefühle. Und ging aufs Ganze, schenkte seinem tantig-hanseatischen Hamburger Abendblatt ("Seid nett zueinander") dieses böse Schwesterlein. Bild sollte den Bauch der Nation bewegen, mit großen Bildern und fetten Lettern aller Wirklichkeit, manchmal auch der frei erfundenen, ihr maximales Erregungspotenzial entlocken: Hass und Mitleid wecken, Neid, Ekel und Begeisterung hervorkitzeln, Schaulust, Gier und Geilheit bedienen und dabei täglich die Geschmacksgrenzen ab- und gerne mal überschreiten. Kurz: ein Instrument sein, das tief in alle Saiten des menschlichen Charakters greift. Man strebe nach "Unmittelbarkeit bis zur Primitivität", erklärte Rudolf Michael, Bild-Chef in frühen Jahren, als "Korrelat zu einer großen Monotonie des modernen Lebens". "Wir wollen aufregen", sagt Bild-Chef Kai Diekmann noch heute. "Das gehört zum Markenkern."

Die Welt für einen Spottpreis

Axel Springer war ja selbst ganz Gefühl. Ein instinktsicherer Bonvivant und Charmeur, der wusste, was bewegt. Er war, wie Hausarchivar Rainer Laabs sagt, zu "sehr ausgeprägten Gefühlsäußerungen" fähig, las stets seine Horoskope. "Er ahnte, was die Menschen brauchen, was sie lesen wollen", meint sein Berater und Testamentsvollstrecker Bernhard Servatius, "und hatte deshalb sehr früh eine Vision für den Massenjournalismus."

Der gab sich Springer hin, genoss dabei den goldenen Löffel, der ihm mitgegeben war; auch die Patronage der Schwarzen wie der Roten. Hamburgs Lizenz Nr. 1 für sein Abendblatt kam vom SPD-Bürgermeister Max Brauer, einem Uralt-Freund der Familie. Die Welt fiel ihm - für einen Spottpreis - dank Konrad Adenauer zu, beraten von Springers Schulfreund Erik Blumenfeld (CDU), den Bonner Telefonistinnen später zum "schönsten Mann des Bundestages" wählten. Blumenfeld tat sich als Lobbyist des Verlages hervor und bekannte freimütig: "Ich habe Springer die Welt verschafft."

Was Axel Cäsar persönlich einbrachte, war sein tiefes Gespür für die Sehnsüchte des Nachkriegspublikums, das Heimat suchte, Frieden, Zuspruch und Zerstreuung. Nur keine grüblerische Reflexion. Weshalb er seinen Mannen flugs beibrachte, "dass der deutsche Leser eines auf keinen Fall wollte, nämlich nachdenken".

Ein Erfolgsrezept, das binnen weniger Jahre ein Medienimperium schuf. Bild, Hörzu und Co. spielten bald Millionen ein, Ende der 50er Jahre holte Springer die Ullstein-Blätter Berliner Morgenpost und BZ ins nun schon fast fertige Reich. Bild blieb das größte Wagnis, seine Innovation. "Vom Mischungsverhältnis des Inhalts her und von der leichten Fasslichkeit des Inhalts", dozierte Springer, "ist Bild ja der traditionellen Zeitung viel fremder als dem Fernsehen."