Berliner Journalistin Tissy Bruns gestorben Sensible Chronistin

Tissy Bruns ist mit 62 Jahren gestorben

(Foto: imago stock&people)

Ihre Leidenschaften waren die Politik und der Journalismus. Nun ist Tissy Bruns, langjährige Politische Chefkorrespondentin des Berliner "Tagesspiegels", tot. Sie erlag in der Nacht zum Donnerstag im Alter von 62 Jahren einem Krebsleiden.

Von Nico Fried, Berlin

Manchmal konnte Tissy Bruns nicht anders, abends, in diesen langen Berliner Runden mit Politikern, deren pragmatische Argumente sie nachvollziehen konnte, aber nicht immer verstehen wollte. Dann fragte plötzlich nicht mehr die Journalistin, dann diskutierte das political animal Tissy Bruns. Manchmal überschlug sich ihre Stimme, wenn sie nicht mehr überzeugt werden, sondern selber überzeugen wollte.

In solchen Gesprächen vermischten sich die zwei Leidenschaften, die Tissy Bruns zur Profession gemacht hatte, der Journalismus und die Politik. Selbst wer nicht ihrer Meinung war, konnte sich diesem Temperament, dieser Begeisterung nicht entziehen.

In einem ihrer letzten Artikel schrieb Tissy Bruns im Oktober 2011 im Tagesspiegel: "Linkssein ist ein Lebensgefühl, das sich verändern kann wie jeder Mensch, der seine Auffassungen wechselt und doch er selbst bleibt." Das war allgemein gemeint, aber es galt auch ganz speziell für sie.

Tissy Bruns war eine Journalistin, die sich als links verstanden hat, ohne ideologischer Verbohrtheit anheimzufallen. Sie definierte Linkssein nicht über kurzzeitige Moden, sondern über bleibende Werte, sie wusste um die Gefahr linker Überheblichkeit und Rechthaberei und sie konnte ihren eigenen politischen Standort immer wieder neu ausrichten, weil sie stets offen blieb, neugierig, und manche Schwelle überschritt, die andere gemieden hätten.

Tissy Bruns hatte ihre Erfahrungen gemacht. Während des Studiums in den Siebzigerjahren gehörte sie marxistischen Gruppen an, Anfang der achtziger Jahre arbeitete sie für die DKP, auf deren Liste sie einmal für den Bundestag kandidierte.

Mahnerin einer Gefahr der Entpolitisierung

Als Journalistin schrieb Bruns erst für die kommunistische Deutsche Volkszeitung, später als Korrespondentin in Bonn für die taz, für den Stern und schließlich viele Jahre für den Berliner Tagesspiegel, unterbrochen nur von zwei Jahren bei der Springer-Zeitung Die Welt. Als erste Frau stand sie von 1999 bis 2003 an der Spitze der Bundespressekonferenz, dem Verein der Hauptstadtkorrespondenten.

Bruns erkannte früh die Herausforderungen, die aus dem Tempo, ja der Hektik technischer Neuerungen für ihren Beruf erwuchsen. Vor allem aber war sie eine sensible Chronistin für das Verhältnis von Politik und Journalismus, eine Mahnerin vor der Gefahr einer Entpolitisierung durch Inszenierung und Oberflächlichkeit auf beiden Seiten.

Die Finanzkrise entsetzte sie, die Rückbesinnung auf den Vorrang der Politik vor der Ökonomie beschäftigte sie. Bruns war eine restlos überzeugte Verteidigerin der Demokratie deshalb faszinierte sie auch deren Erneuerung durch soziale Bewegungen und wiederum deren, wie sie schrieb, "erfreuliche Ansteckungsgefahr".

Man merkte ihr an, wie gerne sie davon berichtete und noch berichtet hätte. In der Nacht zu Donnerstag erlag Tissy Bruns im Alter von 62 Jahren einem Krebsleiden.