Arte-Doku über Jean Seberg Sehnsuchtsmädchen

Eine Amerikanerin für Paris: Jean Seberg.

"Wir können euch nicht verzeihen, dass ihr nie Mädchen gefilmt habt, so wie wir sie mögen": Jean-Luc Godard macht Jean Seberg in "Außer Atem" zur Ikone der Nouvelle Vague. Eine Arte-Doku porträtiert die Schauspielerin - und zeigt ein Stück amerikanische Zeitgeschichte.

Von Franziska von Malsen

"New York Herald Tribune!", ruft die jungenhaft zierliche Frau mit blonder Kurzhaarfrisur, einen Packen Zeitungen unter dem Arm. Jean Seberg in Jean-Luc Godards Außer Atem ist wohl die bekannteste Zeitungsverkäuferin der Filmgeschichte. Als Poster hängt die amerikanische Schauspielerin seit Jahrzehnten in den Wohnungen von Cineasten und denen, die gern danach aussehen möchten.

In der Dokumentation Jean Seberg forever zeigt Arte nun Aufnahmen, die vielen ihrer oberflächlichen Bewunderer unbekannt sein dürften. Sebergs Schwester kommt zu Wort und ihr einziger Sohn. Ein Freund aus Schultagen führt durch Sebergs Heimatstadt in Iowa. Arbeitskollegen und einer der Ehemänner werden interviewt. Und einer ihrer vielen Liebhaber: Clint Eastwood, mit dem sie Ende der 60er Jahre eine kurze Affäre hatte.

Jeanne d'Arc als 17-Jährige

In Bluse und bravem Strickjäckchen bewirbt sich Seberg als 17-Jährige beim amerikanischen Regisseur Otto Preminger für die Rolle der Jeanne d'Arc. Aus 18.000 Mädchen wählt er sie aus. Die heilige Johanna wird ein Flopp, aber Preminger glaubt weiter an Seberg und besetzt sie auch in seinem nächsten Film Bonjour Tristesse.

François Truffaut, noch Kritiker bei den Cahiers du cinéma, sieht den Film und schlägt sie Godard für Außer Atem vor. Seberg wird zur Ikone der Nouvelle Vague, die sich gegen die Konventionen des kommerziellen französischen Kinos richtet. Dessen Machern warf Godard vor: "Wir können euch nicht verzeihen, dass ihr nie Mädchen gefilmt habt, so wie wir sie mögen." In der Rolle der Amerikanerin in Paris (längst sprach sie perfekt Französisch) verkörperte Seberg den neuen Typ Mädchen, nach dem sich alle gesehnt hatten.

Bei aller Anmut - es hilft nur Gewalt

Gefährliche Frauen - wie die unvergessene Gene Tierney - ließen sich in seinen Filmen für ihre Obsessionen gehen: Otto Preminger galt als teutonischer Querkopf Hollywoods. Dennoch verlor er nie den Sinn für die Realität, wie eine Retrospektive beim Filmfestival in Locarno zeigt. Fritz Göttler, Locarno mehr ...

Die Dokumentation ist formal nicht sonderlich aufregend, sie besteht aus der üblichen Kombination aus Zeitzeugenaussagen, Filmausschnitten und dokumentarischen Aufnahmen. Sebergs Sohn wirkt im Interview, als sei ihre Schönheit sogar ihm zur Obzession geraten. Trotzdem ist der Film sehenswert. Denn über ihre persönliche Karriere hinaus erzählt er auch ein Stück amerikanischer Zeitgeschichte.

Seberg setzte sich zeitlebens für die Bürgerrechtsbewegung in den USA ein. Sie geriet ins Visier des FBI, das sie als prominente Stimme für die Gleichberechtigung mundtot machen wollte. Eine gezielte Verleumdungskampagne des Geheimdienstes machte sie am Ende psychisch krank. Schließlich fand man sie tot in ihrem Auto. Die genauen Umstände ihres frühen Todes - sie war nur 40 Jahre alt - blieben ungeklärt. Vor der Doku zeigt Arte den Spielfilm Außer Atem.

Jean Seberg forever, Arte, 21.45 Uhr.