"Wie ich euch sehe": Mutter von fünf Kindern "Von wegen asozial - meine Kinder achten aufeinander!"

Viele Kinder? Kein Problem - wenn es einem die anderen nicht so schwer machen würden ...

(Foto: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de)

Hand aufs Herz: Was denken Sie, wenn eine Mutter mit fünf Kindern den Supermarkt stürmt oder das Restaurant betritt, in dem Sie gerade mit Ihrem Date sitzen? Dann lesen Sie besser, was diese Mutter zu sagen hat.

Protokoll: Katja Schnitzler

In der Serie "Wie ich euch sehe" kommen Protagonisten des Alltags zu Wort: Menschen, denen wir immer wieder begegnen, über die die meisten von uns aber kaum etwas wissen: eine Polizistin, eine Rollstuhlfahrerin, ein Zahnarzt. Sie teilen uns mit, wie es ihnen ergeht, wenn sie es mit uns zu tun bekommen - als Kunden, Patienten, Mitmenschen. Diesmal beschreibt eine Mutter von fünf Kindern, wie sie ihren Alltag meistert. Und wie ihre Umgebung sie dabei zuweilen behindert.

Wenn ich mit meinen fünf Kindern auftauche, gucken die Leute erst mal. Das macht mich stolz, manchmal kann es auch peinlich werden oder lustig - nur langweilig ist es bei uns nie. Manchmal fragt einer: Sind das alle Ihre? Und alle von Ihrem Mann? Als könnten nur Patchwork-Familien viele Kinder haben. Die Kinder waren nicht geplant, aber erwünscht - und hätten wir genug Geld für eine Haushaltshilfe, würden wir uns ein sechstes oder siebtes wünschen. Denn obwohl wir wenig Zeit zu zweit haben, schweißen unsere Kinder uns als Paar zusammen.

Auch wenn der Begriff "asozial" manchen bei unserem Anblick auf der Zunge liegt: Unsere Kinder lernen von klein auf, Rücksicht zu nehmen und sie sind selbständiger als andere: Im Kindergarten hängen sie nicht quengelnd am Rockzipfel, sondern suchen selbst eine Lösung, wenn gerade keiner für sie Zeit hat. Meine Kinder sind auch nicht vernachlässigt: Wenn ich mich gerade nicht kümmern kann, wenden sie sich an einen Bruder oder eine Schwester.

Mein Mann und ich haben selbst Geschwister, meine Mutter hat inzwischen 15 Enkelkinder. Die komplette Großfamilie fährt sogar zusammen in den Urlaub in die Bretagne. Statt ihre Ferien in der Hotelbetreuung zu verbringen, sind die Kinder mit ihren Cousins und Cousinen zusammen. Das ist für uns zwar nicht so erholsam, aber wir wissen: Jeder achtet auf jeden. Das stärkt das Selbstvertrauen der Kinder und den Familiensinn.

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Natürlich kann es mal turbulenter werden, wenn sich die Kinder gegenseitig hochschaukeln. Ich kann alte Leute verstehen, die damit nicht klarkommen. Ich habe aber kein Verständnis für Jüngere, die allein von der Anzahl der Kinder genervt sind. Nun ja, womöglich haben die ein anderes Problem.

Einmal warteten wir in einem Blumenladen darauf, dass unser Strauß gebunden wird. Eine Frau mit Hund kam herein, das Tier schien überfordert. Die Kinder waren trotzdem von ihm begeistert, seine Besitzerin allerdings keineswegs von ihnen. Also sagte ich, dann würden wir besser draußen warten, damit ihr Hund seine Ruhe hat. Sie hat die Ironie nicht verstanden, die anderen im Laden schon.

Bin ich gestresst, überträgt sich das auf die Kinder. Dann kann es im Supermarkt hektisch werden. Manche beobachten das amüsiert, anderen ist schon am Gesicht abzulesen, dass sie denken: Die hat ihre Horde wohl nicht im Griff. Vermutlich haben sie nur schlechte Laune, weil sie meinen Einkaufswagen mit dem Wocheneinkauf vor sich in der Kassenschlange entdeckt haben.

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Und übrigens: Nein, ich bin nicht erwerbstätig. Das wollten Sie doch sicher wissen. Dennoch beginnt mein Arbeitstag um sechs und endet um acht, wenn die Kinder im Bett sind. Da habe ich dann Feierabend und ein wenig Zeit für mich. Davor stelle ich meine Bedürfnisse zurück, sonst funktioniert das nicht. Der ganze Tag ist streng durchgetaktet, das hilft ungemein. Und es geht ja nicht nur um Haushalt, Kochen, Hausaufgaben: Ich schaffe jetzt die Basis für das, was aus diesen Menschen wird und wie sie später in die Welt gehen.

Ich stehe hinter dem, was ich tue und was ich leiste. Und genieße die Glücksmomente mit den Kindern. Deshalb gehört für mich dazu, dass ich am Abend überlege, was an dem Tag gut und was weniger gut gelaufen ist - und wieso. Dann wird es vielleicht das nächste Mal an der Kasse entspannter. Auch wenn bei einigen trotzdem wieder die Augenbrauen hochrutschen.

Wie nehmen Sie die Menschen wahr, mit denen Sie sich aufgrund Ihrer Lebenssituation oder Ihres Berufes tagtäglich auseinandersetzen? Womit bringen Kunden Sie manchmal auf die Palme, was nervt Sie an Ihren Patienten? Möchten Sie das Bild geraderücken, das sich andere von Ihnen machen? Was wollten Sie schon immer einmal loswerden? Senden Sie ein paar Sätze mit einer kurzen Beschreibung Ihrer Situation per E-Mail an: leben@sueddeutsche.de. Wir melden uns bei Ihnen.

In dieser Serie kommen Menschen zu Wort, mit denen wir täglich zu tun haben, über die sich die meisten von uns jedoch kaum Gedanken machen. Sie teilen uns mit, wie es ihnen im Alltag ergeht und welche Rolle wir dabei spielen - als nervige Kunden, ungeduldige Patienten, ignorante Mitmenschen.

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