Whatsapp-Gruppen "Sorry, falsche Gruppe!"

Gut gemeinter Rat: Achten Sie stets auf das richtige Chatfenster.

(Foto: Ahaok; Bearbeitung SZ)

Whatsapp-Gruppen sind die Pest? Unser Autor liebt sie. Denn hier tobt das Leben, ganz anders als in der durchinszenierten Welt von Facebook und Instagram.

Von Georg Cadeggianini

Ich liebe meine Whatsapp-Gruppen. So viel schon mal vorweg.

Kurz vor acht. Ich stehe in meiner Lieblingsdrogerie. Zehn Prozent auf alles, nur heute, noch sieben Minuten lang. Mein Hirn: leer. Ich tue, was wohl viele in meiner Situation tun würden: Ich schreibe meiner Frau.

Calendula-Handcreme, Zahn­spangenreiniger - verdammt, was noch? Schnell, bitte. 14 Sekunden später: kein Text, nur Bilder. Meine Frau steht im Bad, fotografiert wild um sich: *Intensivreinigung Elmex*, *Nasenspülsalz-Nachfüllpäckchen* 2x, *Shampoo, Tiefenaufbau* Ich rase durch die Gänge. *Zahnseide Ultrafloss*, *Deo* Ich werfe Dinge in den Wagen. *Rasierklingen Proglide*

Was ich erst in der Kassenschlange merke: All die Bilder landen in der Whatsapp-Fußballgruppe, E-Jugend. Dort, wo ich aus Versehen die Unterhaltung begonnen habe. "Mist. Falsche Gruppe!" Ein Satz wie ein Kniefall. Es ist die mobile Version von "Jetzt aber mit Anhang" oder, für alle, die noch Festnetznummern wählen: wie das Piepen im Ohr, wenn man eine Faxnummer angerufen hat.

Natürlich können Whatsapp-Gruppen nerven: Kanalfehler und Emoji-Diar­rhö, Autokorrektur, Sprachnachrichten, die man sich in der U-Bahn an­hören muss und, neu, Diktiermissverständnisse. Oder "Dick TMS fish then", wenn die falsche Sprache eingestellt ist. "Happy fuck up privatisation" zum Beispiel. Diktiert hatte ich: "Habt ihr die Fahrkarten Fragezeichen." Dazu das Datenschutzproblem: Wer will ernsthaft Gefahr laufen, dass das Por­trät von Frau oder Tochter irgendwann als Fakeprofil auf einem ukrainischen Datingportal landet?

Verlassen wir deswegen die Gruppen? Ohne geht halt nicht, sagen die Leute und erzählen von zu spät abgeholten Kindern, die noch schnell von verwhatsappten Eltern mitbetreut werden, von der praktischen Kitaflohmarktgruppe, in der einfach nur Fotos hochgeladen werden, von der 3B­-Park­-Pilates-Gruppe.

Viele bewegen sich in Gruppenchats, wie sie ihre Spülmaschine ein- und ausräumen. Ohne Liebe. Aber Whatsapp kann so viel mehr als Abwasch. Anders als bei Facebook oder Insta­gram, bei denen die Inszenierung im Mittelpunkt steht, drängt sich hier das Leben nach vorn. Harmlose Fragen wie "Was war eigentlich in Mathe auf?" geben, abgeschickt am Sonntag um 17 Uhr, plötzlich Einblick, wie sich Fami­lien organisieren. Dazu die Irrläufer, die versehentlich in die Gruppe gespült werden, wie ein kleiner Ausriss einer Geschichte, wie ein Abschnitt von einem dieser Kindergeburtstags­-Knickbilder.

Die Grundstruktur von Whatsapp-Gruppen (jeder sagt alles - und das gleichzeitig) könnte auch ein aus dem Ruder gelaufenes Projekt der Chaosforschung sein:

"Leuteeee: Benni vermisst sein Freundebuch. Großes Drama!*Trauriges Katzensmiley mit Träne*Er weiß leider nicht mehr, wem er es gegeben hat. Bitte ins Fach legen!!"

Wir haben's nicht.

Wir auch nicht *Frau, diedie Arme in die Luft hebt*

Auch hier kein Bennibuch *Trauriger Smiley mit Träne* Liebe Grüße an alle vom Krankenlager *Smiley mit Fieberthermometer im Mund*

Euch hat's auch erwischt? Mannmannmann. Gute Besserung!

Btw: Wie machen wir das denn dann nächste Woche mit dem Kuchenverkauf? *Smiley mit Dollarzeichen in den Augen*

Wie steht's? *Fußball, Victoryzeichen*0:2

Kuchenverkauf? Mist, vergessen. Ups, falscher Kanal *Affe, der nichts sieht*

Von Benni haben wir nix. Aber Karla ist heute ohne Mütze nach Hause gekommen. Anyone? Und, wen's interessiert, steht jetzt 1:2.

Hoffe, dass ich dann fit bin *Monsterbizeps* Zur Not muss Carsten einspringen. @Carsten: Okay???*

Sprachnachricht 0:19

*Munch-Schrei-Smiley*

*Munch-Schrei-Smiley*? War das etwa für Carsten? *Zorniger Smiley*

Neinnein. *Smiley mit ausgebreiteten Armen, zwei Biere, die anstoßen*

Mütze ist doch wieder da. War genau da, wo sie hingehört. In der Kindergartentasche. *Smiley mit weitaufgerissenen Augen*

Man kann jetzt über das Chaos fluchen, es wie alte Nachmittags-Talkshows unterhaltsam finden oder sich beruhigen (reden wir nicht auch im echten Leben - Büro, Spielplatz, Kneipe - jede Menge Stuss?). Für mich sind die Gruppen vor allem eins: ziemlich entlastend. Auch in Momenten, in denen die Unübersichtlichkeit meines eigenen Lebens sich in ungekannte Höhen schraubt, schaue ich gern rein. "Mia hat den Mitteilungsabschnitt für das Sportfest verloren. Hätte ja schon am Montag abgegeben sein sollen. Hat den noch jemand?"

Die Gruppen lösen nicht jedes Problem, aber zumindest fühlt man sich nicht mehr so allein mit den eigenen Problemen: äh, Sportfest? Äh, Mitteilungsabschnitt?

Wir sollten mit der Anarchie der Gruppen viel mehr spielen. Christi, eine junge Frau aus Illinois, wurde aus Versehen einer Kinderfußballgruppe hinzugefügt. Statt den Irrtum aufzulösen (sie hat überhaupt kein Kind), postete sie wild in der Gruppe rum: "Mein Sohn ist der Beste vom ganzen Team." "Die Snacks vom Trainer - in letzter Zeit gehen sie gehörig auf die Nerven." "Cristiano Ronaldo sagte mir, mein Kind erinnere ihn an ihn selbst in jungen Jahren."

So was kann jeder ausprobieren: einfach mal "Mathe fällt morgen aus" als Status melden. Oder an eine ganz fremde Nummer: "Mir reicht's. Ich habe die Nummer gewechselt. Bitte ruf mich nie wieder an." Vielleicht antwortet ja jemand?

Und mit ein bisschen Glück landen irgendwann auch die Kinder in den Gruppen, diese Whatsapp-Natives, so wie in meiner E-Jugend-Fußball-Eltern­guppe:

Hi, hier Elias. Habe jetzt auch ein Handy *Drei Riesenbizepse*

Ich komme heute

Hello Elias: *Winke-Smiley**Daumen, Daumen, Daumen*

Martin kommt ein bisschen später.

Nicht.

Süddeutsche Zeitung Familie
SZ Familie Heft Januar/Februar

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe von SZ Familie. Weitere Themen:

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