Verhältnis der Deutschen zu Lebensmitteln Täglich schlecht essen

Zwei bis drei Euro, so wenig ist an vielen Schulen eine warme Mahlzeit wert. Das kann gesundheitsgefährdend sein, wie die Welle an Magen-Darm-Erkrankungen in Ostdeutschland zeigt. Billigessen in der Schule ist nur das traurigste Beispiel für das verkorkste Verhältnis vieler Deutscher zu ihrer Nahrung. Das muss sich ändern - vor allem der Kinder wegen.

Ein Kommentar von Marc Widmann

Und das kann man essen?

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War ja halb so wild. Na gut, mehr als 11.000 Schüler in Ostdeutschland litten an Durchfall und Erbrechen, ihnen war hundeelend, aber es ist ja niemand gestorben. Und Keime auf Obst, so was kommt eben vor. Leider hat die Kantinenfirma die Erdbeeren wohl nicht ausreichend erhitzt, ein bedauerlicher Einzelfall. Eine kleine Panne.

So einfach kann man sich's natürlich machen - sollte man aber nicht. Weil es schon mal ein ökologischer Irrsinn ist, deutsche Schüler im Herbst mit Erdbeeren aus China zu sättigen, zu einer Zeit, in der sich bei uns die Äste biegen unter reifen Äpfeln, Birnen und Zwetschgen. Aber chinesische Erdbeeren, tiefgefroren im Container einmal um die Welt verschifft, sind nun mal das, was vielen Deutschen am wichtigsten ist beim Essen: spottbillig.

Zwei bis drei Euro, so wenig ist an vielen Schulen ein warmes Mittagessen für Kinder wert. Zieht man die 19 Prozent Mehrwertsteuer ab, die der Staat kassiert (bei geschmacklich bisweilen vergleichbarem Katzenfutter sind es sieben Prozent), zieht man die Kosten für Personal, Strom und Transport ab, dann bleiben dem Lieferanten, der heute Caterer heißt, vielleicht noch 50 Cent für die Zutaten. Ein halber Euro. Da ist der Einkäufer froh um jede chinesische Erdbeere.

Ein Wunder, wenn noch Vitamine übrig sind

Deutschlands Schüler darf derjenige versorgen, der das am billigsten schafft; der es hinbekommt, für ein paar Cent noch etwas Essbares anzuliefern; der das Ganze in Großküchen anrührt und dann stundenlang warm hält, vier bis sechs Stunden manchmal, bis es endlich die Mägen der Kinder füllt. Ein Wunder, wenn in solch einem Mahl noch Vitamine übrig sind. Und gar kein Wunder, dass viele Schüler lieber gleich zu McDonald's gehen.

Den Wert von gesundem Essen lernen Kinder so nicht kennen. Ihr Geschmack wird geprägt auf Billigware, auf industriell Verarbeitetes, auf Kartoffeln, die von ihrer Konsistenz entfernt an Schaumstoff erinnern und wie Golfbälle aussehen, alle gleich groß und rund.

Dabei ist Billigessen in der Schule nur das traurigste Beispiel für das verkorkste Verhältnis vieler Deutscher zu ihrer Nahrung. Hierzulande wurden die Discounter erfunden und ihre Erfinder zu Milliardären. Hierzulande gehen Bauern pleite, weil die Milch nur ein paar Cent wert ist. In den nächsten Jahren, schätzen Experten, werden Tausende Bäcker verschwinden, weil man sich Brötchen jetzt im Supermarkt kauft, als aufgebackene Teiglinge, gern aus Osteuropa herangekarrt. Und gute alte Metzger sucht man in vielen Vierteln schon vergebens. Warum auch, es gibt ja die eingeschweißten Fleischlappen im Kühlregal. Wohl bekomm's.

Wenn sich Erwachsene so ernähren, ist das ihr Problem. Aber wenigstens die Kinder sollte man verschonen, ihnen die Gelegenheit geben, ein ehrliches Mahl als Gewinn zu entdecken. Es gibt Kommunen, die anständiges Essen subventionieren. Es gibt Schulen, wo engagierte Eltern mit Köchen für Appetitliches auf dem Teller sorgen. Aber viel zu wenige.