Transnistrien Endstation Lenin

Eigenes Geld, eigene Pässe und eigene Minister: Transnistrien hat alles, was ein Staat braucht. Trotzdem wird es von keinem Land der Welt anerkannt.

Von Jan Stremmel, Fotos von Emile Ducke

Andrey Smolensky steht in einem Grenzhäuschen, das es nicht geben dürfte, unter einer Flagge, die niemand anerkennt, und legt dem Zöllner zwei Pässe hin. Er blinzelt nervös. Der eine Pass gehört dem deutschen Besucher. Smolensky bürgt für ihn, er hat beim Innenminister persönlich um die Einreiseerlaubnis gebeten. Der andere Pass ist sein eigener. Er gilt nirgendwo auf der Welt außer hier. Nervös ist Smolensky aber aus einem anderen Grund: Draußen vor dem Grenzposten warten zwei Streifenwagen und drei unmarkierte Geländewagen mit getönten Scheiben. "Geheimdienst", murmelt er und guckt über die Schulter.

Tatsächlich, so beginnt die Reise in ein Land, das als letzter Rest der Sowjetunion gilt: mit Agenten des Ministeriums für Staatssicherheit. An der Grenze wird an diesem Tag der stellvertretende russische Außenminister erwartet. Die Schutzmacht Russland sieht nach dem Rechten. Für ein Land, das es nicht gibt, einer der wichtigsten Termine des Jahres. Und ausgerechnet jetzt muss Smolensky den neugierigen Besucher aus Deutschland hier durchbringen. Er zieht seinen Schal etwas enger.

Das Grenzhäuschen steht mitten in der Republik Moldau, umgangssprachlich Moldawien, einem ärmlichen Land in Osteuropa, halb so groß wie Bayern. Und wo man schon mal am Vergleichen ist: Man stelle sich vor, jemand zöge über Nacht eine Grenze durch den Freistaat. Immer entlang der Isar, von Deggendorf bis runter nach Bad Tölz, mit Stacheldraht und Schlagbäumen vor jeder Brücke. Das Bayern östlich der Isar erklärte sich dann zu einem neuen Staat, mit eigenem Pass und eigener Regierung. Und dem frei erfundenen Namen: "Trans-Isarstan". Was klingt wie ein lahmer Gag aus einer CSU-Aschermittwochrede, ist 1500 Kilometer östlich von Deutschland so ähnlich passiert. Ein Teil von Moldau (nämlich derjenige, der östlich des Flusses Dnister liegt) hat nach einem kurzen, blutigen Krieg mit 1000 Toten einen Staat namens Transnistrien gegründet. Mit allem, was dazugehört, abgesehen von einer völkerrechtlichen Anerkennung. Das war 1992, vor 25 Jahren. Moldawische Nationalisten hatten damals nach dem Zerfall der Sowjetunion Russisch als Amtssprache verboten - im russischsprachigen Osten des Landes fühlte man sich bedroht. Und bis heute deuten die Kalaschnikows der Grenzsoldaten und ihre grimmigen Gesichter unter den Fellmützen darauf hin, dass die Sache noch nicht verziehen ist.

Diplomatische Beziehungen pflegt man zu drei Ländern - ein Klub der Außenseiter

Die Pässe sind in Ordnung, wir dürfen passieren. Andrey Smolensky tritt aufs Gas und ruft "Willkommen in Transniiiistrien!" Er grinst. Willkommen im wohl seltsamsten Streifen Europas.

Kein Staat der Welt erkennt Transnistrien an. Es ist etwa fünfmal so lang und genauso breit wie der Gazastreifen. Amtssprachen: Russisch, Ukrainisch, Moldawisch. Wappen: Hammer und Sichel, gerahmt von Weizenähren, Maiskolben und Weinreben - das Wappen der Moldawischen Sowjetrepublik aus den Zeiten der UdSSR. Diplomatische Beziehungen unterhält Transnistrien nur zu drei Staaten: Südossetien, Abchasien und Berg-Karabach. Die sind ebenfalls von Separatisten gegründet und werden ebenfalls von niemandem anerkannt. Die sogenannten "gefrorenen Konflikte" sind die blutigen Reste der alten Sowjetunion, keiner liegt so nah wie Transnistrien. Andrey Smolensky, 32, trägt ein schmal geschnittenes Sakko zu Röhrenjeans, er hat die Wangenknochen des jungen Klaus Kinski. Sein Deutsch ist grammatikalisch perfekt, er hat Germanistik studiert, der schwere russische Akzent wirkt eher wie ein freiwilliges Accessoire. Er ist Inhaber von "Transnistria Tour", des einzigen Reisebüros im Fantasiestaat. Ohne einen Kontaktmann wie ihn kommt man als Reporter kaum an ein Pressevisum. Sein Reisebüro hat eine Störzucht-Tour, eine Sowjet-Tour und eine Schuhfabrik-Tour im Angebot - wenn die Touristen besonders neugierig sind, nimmt er sie auch mal mit auf den öffentlichen Sportplatz und zeigt ihnen sein sowjetisches Fitnessprogramm an Reck und Barren. Pro Jahr hat Smolensky rund 200 Gäste, Engländer, Australier, Schweden.

Die Bewertungen auf Trip advisor sind hervorragend. Er steuert seinen japanischen SUV die paar Kilometer von der Grenze in die Hauptstadt Tiraspol. Es geht über die Strada Karl Liebknecht, vorbei an der Strada Karl Marx und der Strada Puschkin und hinein in die Strada 25. Oktober - eine sechsspurige Aufmarschallee. Vor dem Parlament grüßt eine 20 Meter hohe, auf Hochglanz gekärcherte Lenin-Statue. Der Straßenbelag ist hier deutlich besser als der in Moldau - mit den Autos verhält es sich umgekehrt: Wir überholen uralte Ladas und noch urältere Wolgas, deren Originallackierung ins Schlammhafte geht. Auf dem Bürgersteig humpeln alte Frauen in gebückter Haltung, die einzigen Männer unter 60 sind ein paar Offiziere mit sowjetisch inspirierten XXL-Schirmmützen. Die Läden in der Innenstadt haben in sozialistischer Tradition keine Schaufenster - außen steht auf Russisch, was es drinnen vermutlich gibt: Würste, Damenschuhe, Getränke. Würde hin und wieder nicht ein Elektro-Stadtbus das Bild kreuzen ("ein nettes Geschenk aus Weißrussland", sagt Smolensky), man könnte genau hier und jetzt anfangen, an Zeitreisen zu glauben.

Oder ist man in eine wahnwitzige Geschichtssimulation geraten, einen Themenpark a la "Good Bye, Lenin"? Aber dann öffnet ein paar Straßen weiter Roman Maximov die Tür zu einem Kellerraum und lässt sich auf ein Sofa aus Holzpaletten fallen. Er ist 23, trägt Kapuzenpulli und Turnschuhe. "In diesem sogenannten Land wissen wir nie, was morgen passiert." In dem Keller betreibt Maximov mit Freunden den Jugendtreff "Klub 19" - benannt nach Artikel 19 der Menschenrechts-Erklärung: Meinungs- und Informationsfreiheit. Beides wird nach Einschätzung der Stiftung Wissenschaft und Politik in Transnistrien "massiv beschränkt". Kein Wunder, dass der Klub 19 nicht auf dem Besucherprogramm von Andrey Smolensky steht. Der Jugendklub arbeitet gegen die antiwestliche Propaganda der Regierung, Roman Maximov organisiert Englisch-Konversationskurse und Diskussionsabende mit westlichen Botschaftern. "Es gibt so viel wichtigere Dinge als die Anerkennung dieses Staats. Zum Beispiel die Anerkennung unserer Uni-Abschlüsse im Ausland." Die meisten seiner Freunde seien längst abgehauen, meist nach Polen, ins gelobte Land der EU-Anbindung. "Statt sich um die Zukunft zu kümmern", sagt Maximov, "streitet man sich in Transnistrien um die Vergangenheit." Wer in diesem Streit die Deutungshoheit hat, ist in der Hauptstadt schwer zu übersehen: Gigantische Denkmäler schmücken fast jeden Platz, hier steht ein polierter Rotarmisten-Panzer, dort ein aufgebocktes sowjetisches Kampfflugzeug. Russland ist der Erlöser und Beschützer im Krieg gegen die "moldawischen Faschisten", so lautet der transnistrische Gründungsmythos bis heute. "Wir erwarten immer noch eine Entschuldigung von Moldawien", sagt zum Beispiel Smolensky, der Fremdenführer. Dass Moldau den Schutz von Minderheiten längst durchaus ernst nimmt, wie internationale Beobachter berichten, dringt kaum zur Bevölkerung durch. Und in der Zwischenzeit hat sich das Regime in aller Ruhe pseudostaatliche Strukturen gebastelt: Es gibt Ministerien und sogenannte Wahlen. Es gibt sogar eine eigene Währung namens Rubel mit drolligen Plastikmünzen, die aussehen wie eckige Pokerchips.

Dem Rest der Welt war das alles lange egal. Erst die Annexion der Krim durch Russland hat Politikern im Westen wieder ins Bewusstsein gerufen, dass es in Europa noch immer ungelöste territoriale Konflikte gibt - und welches Risiko russische Soldaten darstellen. In Transnistrien sind dauerhaft 2500 von ihnen stationiert, sogenannte Friedenstruppen. Ihretwegen akzeptiert die Republik Moldau den Status quo und lässt zum Beispiel Autos mit transnistrischen Nummernschildern auch im Rest des Landes frei fahren. Russland hält die Abtrünnigen seit 25 Jahren mit günstigen Erdgaslieferungen am Leben. Denn der Streit mit den Separatisten verhindert zuverlässig einen möglichen EU-Beitritt Moldaus.

Ganz im Sinne Moskaus. Der nächste Tag, zurück in Smolenskys Auto. Heute auf dem Plan: das transnistrische Landleben. Es geht eine löchrige Parallelstraße zur Aufmarschallee entlang. Von hier aus erkennt man, dass die sowjetischen Hochhäuser nur auf der Paradeseite gelb gestrichen sind. Rückwärtig dominieren schimmlige Balkone in klassischem DDR-Graubraun. Wir verlassen die Stadt und überholen bald Ochsenkarren.

Seit die Krim-Krise gezeigt hat, wie locker Russland im Zweifel das Völkerrecht auslegt, geht es Transnistrien noch schlechter als sonst. Die Ukraine hat drei Meter breite Gräben an der Grenze zu Transnistrien gezogen. Russischstämmige Männer, die eine Waffe bedienen könnten, dürfen die Grenze nicht mehr überqueren. Am schlimmsten aber ist das Einfuhrverbot von transnistrischen Waren.

SZ-Karte

"Ist das nicht schön?" Smolensky strahlt. Links und rechts am Wagen flitzen minutenlang Weinreben vorbei, noch kahl vom Winter, am Horizont treffen sich der Himmel und die Äcker im fast selben Farbton. Dank mildem Schwarzmeerklima war die Gegend der Obst- und Gemüsegarten der Sowjetunion. Heute dürfen die Bauern nur noch über Moldau exportieren - was die Sache deutlich unrentabler macht.

Die Jüngeren pfeifen auf den Nationalstolz. Sie hätten gerne Pläne für die Zukunft

Im Dorf Cioburciu, am Ende einer staubigen Sackgasse, sitzt ein Bär von einem Mann auf einem Schemel und reißt Federn aus einem toten Huhn. Er heißt Nikolai, er ist der Vetter von Smolensky. Von seiner Bank aus hat er einen grandiosen Blick runter zum Fluss, der Landesgrenze. Der große Garten verfügt über keinen einzigen Quadratmeter Rasen, Nikolai nutzt ihn ausschließlich als Kartoffelacker. Wie die meisten Landbewohner in Transnistrien ist Nikolai Selbstversorger. In seinem feuchten Vorratskeller stehen fassgroße Einmachgläser mit Gurken und Fisch. Der Inhalt des Kellers muss ihn durch den Winter bringen. Seit Russland wegen der Ukraine-Krise seine Unterstützung gekürzt hat, kommen jeden Winter mehr Gläser weg, als er im Sommer hinzufügen kann. Seine Frau und seine Tochter arbeiten in Italien. Fast jeder dritte Einwohner ist seit der Abspaltung weggezogen. Nikolai zuckt mit den Schultern: "Leicht war das Leben hier noch nie." Die Seelenruhe der Älteren, die im Zweifel immer schon Schlimmeres erlebt haben, stirbt aber allmählich aus. Wer jung ist und mitbekommt, wie viel freier das Leben von jungen Leuten ein paar Hundert Kilometer weiter westlich aussieht, hat den Patriotismus oft satt. Andrey Smolensky erlebt das sogar am eigenen Küchentisch. Er muss nur mit seiner Frau sprechen.

Es ist der Tag vor der Abreise, der Fremdenführer muss kurz in seine Wohnung zurück, er hat einen Schlüssel vergessen. Seine Frau steht mit der kleinen Tochter in der Küche und guckt etwas nachdenklich. Die Frage war: Wie lebt es sich hier so, als junge Frau, als Mutter? "Na ja," sagt sie und holt Luft. Sie sei Friseurin, "aber hier in Tiraspol wollen immer nur alle die gleichen langweiligen Frisuren." Eigentlich, sagt sie dann, würde sie schon seit Jahren gerne auswandern, nach Russland. Klar, ihr Mann verdiene gut mit seinen Sowjet-Touren. Aber wenn man ihr spöttisches Lächeln richtig deutet, scheint sie das patriotische Gerede von der Unabhängigkeit eher zu nerven.

Gibt es so etwas wie eine Prognose? Was braucht es, um ein Land nach zweieinhalb Jahrzehnten wieder zu versöhnen? Andrey Smolensky setzt viel Hoffnung auf den neuen Präsidenten von Moldau: Seit Dezember ist dort zum ersten Mal ein prorussischer EU-Gegner im Amt. Seine erste Amtshandlung wurde in transnistrischen Zeitungen euphorisch vermeldet: Er fuhr über den Fluss, zu den Abtrünnigen im eigenen Land. Roman Maximov, der Betreiber des Jugendklubs, kann darüber nur gequält lächeln. Er zählt die Tage, bis er genug gespart hat, um in den Westen zu gehen. Um Geld zu verdienen, führt er alle paar Tage amerikanische Touristen zu alten sowjetischen Gebäuden. Dort lässt er sie Fotos machen. Der Wodka ist umsonst.