Sozialer Brennpunkt Kiel-Gaarden "In dem Haus da hinten gibt es Drogen"

Junkies vor dem Supermarkt, wilde Müllhalden und Schlägereien - Armut und Elend sind längst schon keine Stadtrandphänomene mehr. Szenen aus dem Zentrum von Kiel: von Julians Kindheit im Elendsquartier und einem Kaiser, der mit Blumen gegen den Verfall kämpft.

Von Tiemo Rink - ausgezeichnet mit dem jj-Reportagepreis

Mit dieser Reportage über Kiel-Gaarden hat Tiemo Rink den jj-Reportagepreis 2012 gewonnen, den Süddeutsche.de mit dem Netzwerk Jungejournalisten.de und der Böll-Stiftung ausgelobt hat. Mehr zum Autor und zum Preis am Ende des Textes.

Julian, 14, ist ein Opfer der Drogenpolitik. Nicht weil er süchtig ist, sondern weil um ihn herum zu viele süchtig sind.

Vor einigen Jahren hat die Stadt Kiel die Junkies vom Hauptbahnhof vertrieben. Geflohen sind sie in sein Viertel, auf die andere Seite der Kieler Förde, nach Gaarden rund um den Vinetaplatz, wo sich vor einem Supermarkt inzwischen auch Alkoholiker, Dealer und Obdachlose treffen. An manchen Tagen kommen gut hundert. Julian meidet weite Teile seines Viertels.

Eine Regel hat ihm seine Mutter eingeschärft: "Tote Tiere, benutzte Spritzen und blutige Tücher darf man nicht berühren. Auch nicht mit dem Fuß." An Kadaver in den Straßen kann er sich nicht erinnern, aber Spritzen sieht er ständig, Zoff erlebt er permanent. "Auf dem Nachhauseweg gab es letzte Woche an jeder Straßenecke eine Schlägerei. Alle fünfzig Meter eine. Irgendwann sind die Leute so zu, dass ich Angst bekomme." An einem umgebauten Zigarettenautomaten steht eine Frau und füttert das Gerät mit Münzen. "Der Automat verkauft Spritzen. In dem Haus da hinten gibt es Drogen. Und hier ist Blut, Achtung", sagt Julian und weicht einem rotverschmierten Taschentuch aus.

Der Junge kennt sein Viertel. Julian will Müllmann oder Polizist werden.

Gaarden auf dem Kieler Ostufer: Aus dem ehemaligen Arbeiterstadtteil ist nach dem Werftensterben ein Arbeitslosenstadtteil geworden. 60 Prozent der Kinder bekommen Sozialgeld. Gaarden ist ein Ghetto, sagen die Leute. Wie ein Riegel liegt das Arbeitsamt am Eingang des Viertels, es folgen Bahngleise, das Werksgelände der Busgesellschaft, große Brachflächen, eine sechsspurige Schnellstraße. Darüber eine Fußgängerbrücke, die scheinbar im Nichts endet - an einer provisorischen Holztreppe und einem Lift. Dessen zerschlagene Glastür ist mit Sperrholzplatten abgedichtet. In der Mitte des Fahrstuhls liegt ein Haufen Erbrochenes, es stinkt nach Urin. Eine junge Mutter kommt, öffnet die Tür und verzieht das Gesicht. "Man fragt sich auf den letzten Metern immer, ob der Fahrstuhl heute kaputt oder vollgepinkelt ist. Kotze ist mal was anderes", sagt sie und trägt den Kinderwagen die Holztreppe herunter.

Kaiser von Gaarden

Gaardens wirtschaftliches Zentrum sind der Vinetaplatz und die ihn kreuzende Elisabethstraße. Für 6,50 Euro werden hier Haare geschnitten, Handyläden weisen auf die Kameraüberwachung hin, die Stadt hat ein Verbot neuer Spielhallen verhängt, es gibt ja genug. Auf der Eingangstür der dichtgemachten Schlecker-Filiale steht: "Kassengeldbestände sind gering gehalten. Überfall lohnt nicht."

Bruno Levtzow ist der "Kaiser von Gaarden"; so heißt er, seit er bei einem Stadtfest eine Gruppe organisierte, die mit Frack und Zylinder durchs Viertel lief - "um zu zeigen, wie es hier um die Jahrhundertwende mal aussah". Der Maurer, Gewerkschafter und Sozialdemokrat ist ein Kümmerer, seit Jahrzehnten aktiv, Vorsitzender des Ortsbeirats. Mehr als 30 Jahre war er Hausmeister in einem Jugendzentrum, viele erwachsene Gaardener kennt er noch aus der Zeit, als sie dort Billard spielten. "Das Problem ist die Arbeitslosigkeit", sagt er. "Wer früher als Ungelernter auf der Werft Schiffstanks saubergemacht hat, sitzt heute zu Hause."

Levtzows wirksamste Waffe im Kampf gegen den Verfall sind Blumenkübel. Zwei mal zwei Meter große Plastikwannen mit Stiefmütterchen. 20 Stück stellt der Ortsbeirat jedes Jahr den Unternehmern im Viertel zur Verfügung. Die verpflichten sich, die Blumen zu gießen und die Pracht zu erhalten. Theoretisch. An einem Montagmorgen kassiert Levtzow die erste Niederlage des Tages vor einer Bäckerei in der Kaiserstraße. "Moin, wo is der Blumenkübel? Der sollte doch Mittwoch kommen?", pampt er die Frau hinter den Brötchen an. "Sach ma deinem Chef, Bruno war hier und hat keine Blumen gesehen, dann weiß der schon Bescheid." Levtzow, filterlose Reval im Mundwinkel, täglich gut 50 Stück davon, zieht weiter. An der nächsten Ecke: ein Spielcasino, davor zwei Blumenkübel. "Der hinten hat gar keinen, und der hier hat zwei? Zum Kotzen is das."