Sisa-Süchtige in Griechenland Droge der Krise

Drogenszene in Athen: Sisa zersetzt Leib und Seele. Vielleicht, weil man ja sowieso nichts mehr sehen will.

(Foto: AFP)

Unter Griechenlands Junkies verbreitet sich Sisa - eine alles zerstörende Chemie-Droge, die leicht herzustellen und extrem billig ist. Ein starkes Argument in einem Land, dessen Bewohner sich nichts mehr leisten können. Und das genauso grausam vor die Hunde geht wie die Sisa-User.

Von Alex Rühle, Athen

Das Zeug muss der Teufel persönlich zusammenbrauen, irgendwo tief unten in seinen Höllenkesseln. So klingt es jedenfalls, wenn Leonidas, Ismail und Christos davon erzählen. "Das frisst dich von innen auf", sagt Ismail. "Es macht dich böse", sagt Leonidas, "richtig böse." Christos widerspricht lachend: "Wenn du Sisa* nimmst, weißt du gar nicht mehr, was böse überhaupt bedeutet. Das lässt einfach nur das Tier in dir von der Kette."

Christos strahlt eine nur schwer zu bändigende Aggressivität aus, seine rechte Wange zuckt, wenn er spricht, es wirkt, als fließe eine Menge Strom durch seine unterirdischen Leitungen. Immer wieder bündelt er mit einer Faust seine Haare im Nacken, als würde ihm das helfen, sich zu fokussieren. "Ich bin eher der Typ, der sich holt, was er braucht", sagt er, "betteln ist unter meiner Würde." Christos wurde wegen Banküberfällen zu zehn Jahren Haft verurteilt und ist seit fünf Jahren wieder draußen. Wie viele Banken hat er denn überfallen? Er zuckt zurück, hält kurz inne mit dem manischen Haarebündeln und knurrt: "Werd' ich dir bestimmt nicht sagen. Aber verurteilt wurde ich für drei."

Leonidas, Ismail und Christos sitzen im Hinterhof von Kethea Exelixis, einem Therapiezentrum für Drogenabhängige, mitten im Zentrum von Athen, und reden über Sisa*. Das "Kokain der Armen", die neue Droge im krisengeschüttelten Griechenland (hier eine Doku von Vice News). Die drei wissen sehr gut, wovon sie reden, wenn sie Sisa mit anderen Drogen vergleichen. Sie haben in ihrem Leben so ziemlich alles durchprobiert.

Leonidas ist 40, sieht aber mindestens 15 Jahre älter aus; Drogen nimmt er seit seinem 13. Lebensjahr. Christos ist seit seiner Gefängniszeit heroinabhängig. Er behauptet zwar, jetzt nur noch sporadisch zu spritzen, aber seine Unterarme verraten, dass das wohl nicht stimmt. Jedenfalls sagt er: "Heroin ist ja schon zehnmal stärker als du selber. Ich habe sechs Jahre aus meinem eigenen Leben ausgecheckt. Es gab damals nur noch den Stoff für mich, sonst nichts, nicht mal Sex. Aber Sisa - das ist der wahre Albtraum."

Dieser Albtraum kann in jeder Küche zusammengerührt werden: Man braucht dafür Metamphetamin, bekannt als Crystal Meth. Crystal Meth gehört für sich genommen schon zu den zerstörerischsten Drogen überhaupt: Es führt extrem schnell zu psychischer Abhängigkeit, und würde man hier alle mit dem Konsum einhergehenden Verfallssymptome auflisten, es wäre kaum noch Platz für diese Geschichte. Pars pro toto sei der "Meth-Mund" genannt: Die Zähne fallen aus, weil die Speichelproduktion zurückgeht und die meisten Konsumenten anfangen, stark mit den Zähnen zu knirschen.

Dieses Crystal Meth wird in den Athener Küchenlabors mit Batteriesäure versetzt. Wenn die nicht zu haben ist, kann man auch Chlor, Shampoo, Motoröl, Kerosin oder Calgon nehmen. Auch Strychnin und Schwefelsäure aus Goldschmiedewerkstätten wurde schon in Sisa-Proben gefunden. Schwefelsäure ist so ätzend, dass sie Holz, Papier und Textilien auflöst.