Serie: Körperbilder (2) Essen ist die beste Diät

Die Bikini-Figur heißt heute "Gesundheitsfigur". Obwohl Hungerkuren nichts bringen, boomt das Geschäft mit den Dicken wie nie zuvor. Warum?

Von Ann-Kathrin Eckardt

Wie nimmt man ab? Die Antwort des britischen Mediziners Malcolm Flemyng auf diese diffizile Frage war so einfach wie genial: Täglich etwas Seife in Wasser auflösen, trinken - schon wird das Fett aus dem Körper geschwemmt. Einziger Nachteil der Seifendiät: der Geschmack. Flemyng empfahl deshalb: "Am besten eignet sich Seife aus Alicante. Sie ist nicht gar so widerlich wie herkömmliche Seife", schrieb er im Jahr 1760 im London Magazine.

Schon seit Jahrhunderten drückt die Last des Übergewichts auf das menschliche Gemüt. Genauso lange sind Mediziner, Wissenschaftler und inzwischen auch Fitnessgurus, Promi-Köche und Hollywood-Stars auf der Suche nach der Abenehm-Zauberformel. Die Diskussion über die beste Diätform gleicht längst einem Glaubenskrieg, in dem Fett, Kohlenhydrate und Proteine abwechselnd die Rolle des Bösen übernehmen.

Doch trotz aller Bemühungen werden die Deutschen nicht schlanker: Die zweite Nationale Verzehrstudie des Bundesforschungsinstituts für Ernährung hat 2006 gezeigt: zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen sind übergewichtig, haben also einen Body-Mass-Index von über 25. Vor allem die Jugend wird immer runder: Bereits jeder siebte Jugendliche kämpft gegen Übergewicht.

Die Diät ist ein Denkfehler

Wie also eine Gesellschaft retten, die bald aus allen Nähten platzt, wenn weder Seife noch Kohlsuppe helfen? Die Mehrzahl der Wissenschaftler, so scheint es, hat die endlose Suche nach der Zauberformel inzwischen aufgegeben. "Diäten sind unter Fachleuten eindeutig out", sagt etwa Professor Hans Hauner vom Zentrum für Ernährungsmedizin der Technischen Universität München.

"Anfang der siebziger Jahre haben Scheichs ganze Stationen gefüllt, um ihren Bauch wegzuhungern", erinnert sich Hauner. Eiweißdrink morgens, Eiweißdrink mittags, Eiweißdrink abends - durchaus mit Erfolg, "aber der Bauch war leider schnell wieder da". Heute sagt Hauner: "Die Diät an sich ist ein Denkfehler." Den Jojo-Effekt sieht er als Ergebnis einer einfachen mathematischen Gleichung: "Die meisten, die ihr Wunschgewicht erreicht haben, essen wieder wie vorher, aber pro zehn verlorenen Kilos geht auch der Kalorienbedarf um 300 bis 500 Kalorien am Tag zurück."

Haben wir also jahrelang umsonst gehungert? Marlies Klosterfelde-Wentzel hat bereits Millionen Frauen beim Abnehmen begleitet. Mehr als 6000 Diät-Rezepte hat die inzwischen 63-jährige Journalistin für die Brigitte kreiert. 27 Jahre lang hat sie in ihrem Ferienhaus in Frankreich jeden Sommer die Weihnachtsabspeckkur neu erfunden, berechnet, ausprobiert und dabei stets darauf geachtet, dass am Ende der sechs Wochen kein halber Joghurtbecher übrigblieb. Doch selbst die Mutter aller Diäten sagt: "Die beste Diät, ist keine Diät." Aber sie weiß auch: "Hefte mit Abnehm-Titeln verkaufen sich am besten."

Das ist - man ahnt es - nicht nur bei Zeitschriften so. Das Geschäft mit dem Leid der Dicken ist so lukrativ wie nie. Kaum ein Promi hungert heute, ohne seine Abspeckversuche zu Papier zu bringen. Bücher wie "Moppel-ich" oder "Lafer nimmt ab" sowie Tausende knallbunte Diätratgeber stürmen die Bestsellerlisten. Für Horden von Medizinern, Apothekern, Ökotrophologen, Wellnesskliniken, Diäterfinder und Geschäftsmänner sind die Dicken leichte Beute.

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Wenn Männer hungern müssen

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