Resozialisierung "Unser System vernachlässigt die Opfer"

Sie schreiben, auch die Kriminalität von jugendlichen Intensivtätern könnte massiv reduziert werden. Das klingt so einfach.

Den Nachweis haben wir in Köln mit dem RESI-Projekt erbracht. Im Zentrum stand für jugendliche Intensiv- und Wiederholungstäter eine eins-zu-eins-Betreuung. Sozialarbeiter waren rund um die Uhr erreichbar, haben die Jugendlichen, wenn nötig, morgens zum Arbeiten geweckt, haben sie auch im Drogen- oder Prostitutionsmilieu nicht allein gelassen. 8500 Euro hat das im Jahr pro Jugendlichen gekostet. Im Vollzug wären das jeweils 40.000 Euro gewesen. Nach dem Knast wird knapp die Hälfte der Jugendlichen wieder rückfällig, im RESI-Projekt waren es nur 13 Prozent. Ein Erfolg, dennoch wollte das Land NRW die Finanzierung nicht übernehmen. Wir können Rückfälle nicht verhindern, aber wir können sie mit Projekten wie RESI massiv reduzieren. Die Politik muss nur mehr Verantwortung übernehmen.

Viele Politiker fordern lieber "Wegsperren für immer".

Das Tollhaus

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Das bringt Mehrheiten. Roland Koch in Hessen zum Beispiel oder Ronald Schill in Hamburg haben damit Wahlen gewonnen. Unter kriminologischen Kriterien sind ihre Forderungen absolut irrational und auch unverantwortlich. Natürlich verringert eine Inhaftierung erst einmal das Risiko. Wir haben in Deutschland die sichersten Gefängnisse der Welt. Nur werden fast alle Häftlinge irgendwann wieder entlassen. Zum Glück gibt es auch andere Politiker und immer mehr Leuchtturmprojekte. Aber flächendeckend gibt es noch immer kein optimales Resozialisierungssystem.

Ihr Buch dreht sich vor allem darum, wie wir Täter erfolgreicher resozialisieren können. Was ist mit den Opfern?

Unser System vernachlässigt auch die Opfer. Sie sind vor Gericht häufig nur Mittel zum Zweck, um den Täter verurteilen zu können. Auch heute könnten die zivilrechtlichen Ansprüche schon im Straf-Prozess geklärt werden. Der Täter-Opfer-Ausgleich ist bei uns jedoch nur bei Bagatelldelikten verbreitet. Selbst in den USA gibt es eine breite Bewegung für mehr Mediation zwischen Opfer und Täter.

Manche Opfer wollen das lieber nicht ...

Ich kann die Menschen gut verstehen, die nur noch wollen, dass der Täter bestraft wird. Immerhin haben Opfer mittlerweile das Recht zu erfahren, wann der Täter wieder entlassen wird. Viele müssen dann begleitet und stabilisiert werden. Das Problem ist, dass in Deutschland die Opferhilfe zu wenig finanziell unterstützt wird. Aber die Straffälligenhilfe nutzt auch Opfern: Gerade sie haben ein Interesse daran, dass die Resozialisierung funktioniert. Damit sie dauerhaft sicherer leben können.

Bernd Maelicke: Das Knast- Dilemma. Wegsperren oder resozialisieren? Eine Streitschrift. Erschienen bei C. Bertelsmann.