Religion Oh Gott, oh Gott!

Woran glauben die Menschen? Ans Paradies? Oder doch nur an ihr iPhone? Das Meinungsforschungsinstitut WIN Gallup hat weltweit mehr als 60 000 Erwachsene zu ihrer Religiosität befragt.

Von Hannes Vollmuth

Der jüngste Angriff kam pünktlich zum Karfreitag. Hamburgs Junge Liberale forderten das Ende des Tanzverbots. Wieder mal. Die Vorschrift sei "ein Relikt aus vergangenen Tagen" und "ein Beleg dafür, dass unser Staat seinem Anspruch an Säkularismus nicht gerecht wird", schimpfte der FDP-Nachwuchs. Seine Botschaft war klar: Religiöse Feiertage haben im 21. Jahrhundert nichts mehr verloren. Subtext: Glaubt wirklich noch jemand, dass Jesus Christus für unsere Sünden gestorben ist?

Religiöse Formen und Feste abzulehnen, ist in Deutschland längst kein Tabu mehr. In ganz Europa sind Kirchenaustritte normal geworden, die christliche Taufe oder kirchliche Hochzeit wirken auf viele, vor allem junge Leute bizarr. Der Trend ist klar, aber er ist auch begrenzt. Denn mit seiner zunehmenden Religionsferne steht Europa im globalen Vergleich allein da. "Der Rest der Welt", sagt der Münster Religionssoziologe Detlef Pollack, "wird eher religiöser."

Mitte April stellte das Meinungsforschungsinstitut WIN Gallup das Ergebnis seiner jüngsten weltweiten Religiositäts-Umfrage vor. Die Forscher sind nicht die Ersten, die sich des Themas annehmen. Auch das Pew Research Center aus Washington, die Bertelsmann Stiftung und weitere Institute erforschen den Wandel der menschlichen Religiosität. WIN Gallup interessiert sich dabei weniger für die Konfessionszugehörigkeit oder konkrete Gebote. Dem Institut geht es um die persönlichen Einstellung. Das religiöse Gefühl.

Die Forscher haben insgesamt 63 000 Menschen in 65 Ländern befragt. Ihr wichtigstes Ergebnis: 63 Prozent der Befragten bezeichnen sich als religiös, also mehr als sechs von zehn Menschen auf der Welt. Das religiöseste Land ist demnach Thailand, während die meisten Atheisten in China leben. Europa liegt irgendwo in der Mitte.

Weltweite Umfragen zur religiösen Einstellung von Menschen sind nicht unproblematisch. Fragen wie "Sind Sie eine religiöse Person?" oder "Sind Sie ein überzeugter Atheist" werden je nach Land anders verstanden. "Häufig machen auch nur die mit, die ohnehin religiös eingestellt sind", sagt der Religionssoziologe Christoph Bochinger von der Universität Bayreuth.

Im Sommer auf den Pilgerweg, in die Kirche nur an Weihnachten: In Westeuropa funktioniert Religion immer häufiger nach dem Baukastenprinzip.

(Foto: Marc Müller/dpa)

Ein paar Trends kann man trotzdem ableiten, eine Art religiöse Großwetterlage. Europa geht dabei einen Sonderweg: Die Gruppe der religiös Desinteressierten wächst, auch die Agnostiker, also die religiös Unentschiedenen, werden mehr. Im Rest der Welt fühlen sich die Menschen dagegen immer religiöser. Zu den globalen Gewinnern zählen im Moment der Islam, die katholische Kirche und die protestantische Pfingstbewegung, deren Gottesdienste wahren Erleuchtungsfesten gleichkommen - mit gen Himmel gereckten Händen. Ein weiterer wichtiger Befund: Je ärmer die Menschen leben, desto wichtiger ist ihnen die Religion. Urlaubsgeld, Zweitauto und Privatversicherung machen dem Anschein nach eher ungläubig.

Trotzdem bezeichnen sich auch in Westeuropa nach wie vor 43 Prozent der Bevölkerung als religiös. "Die Formen sind aber individueller und vielfältiger geworden", sagt der Würzburger Religionswissenschaftler Hans-Georg Ziebertz. Mal ist es eben ein Meditationsseminar, mal eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela - Religion nach dem Baukastenprinzip. Man sucht sich, was gefällt, und man bleibt bei dem, was irgendwie guttut. Die großen Systeme des Glaubens braucht es dazu offenbar nicht, zumindest nicht mehr in Europa.