Pro und contra Karneval zum 11.11. – Pro: Karneval ist gelebte Tradition

Die Forschung ist sich heutzutage nicht mehr ganz sicher, wo genau der Karneval seine Wurzeln hat. Als nicht mehr so beliebt wie früher gilt die Annahme, dass keltische Völker sich als Naturwesen verkleideten, um alljährlich im Frühling den Winter den Garaus zu machen (weil germanische Theorien im Nationalsozialismus Hochkonjunktur hatten, ist man heute damit lieber vorsichtig). Überliefert ist aber, dass karnevalsähnliche Feste wohl schon im 3. Jahrtausend v. Chr. gefeiert wurden (eine altbabylonische Inschrift beschreibt ein siebentägiges Fest des Priesterkönigs Gudea: "Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die Mächtige und der Niedere sind gleichgeachtet"). Ägypter und Griechen begingen von jeher das Erwachen der Natur mit ausgelassenen Festen. Und auch die alten Römer tauschten zu Ehren des Gottes Saturnus einmal im Jahr für drei Tage die Rollen: Bei öffentlichen Gelagen, zu denen jeder eingeladen war, saßen Sklaven und Herren gemeinsam am Tisch, aßen, tranken und feierten, durften das freie Wort erheben und bewarfen sich mit Rosenblättern - den Vorfahren der heutigen Konfetti. Auch farbenprächtige Umzüge mit geschmückten Schiffswagen gab es damals schon. Sogar Hinrichtungen wurden für diese tollen Tage verschoben.

Im Mittelalter wurden kirchliche Rituale parodiert, niedere Kleriker schlüpften in ranghöhere Rollen, wählten Pseudopäpste oder ernannten zum Spaß ein Kind zum Bischof. Die im Mittelalter aufkommende Fastnacht wird auf die Lehren des lateinischen spätantiken Kirchenlehreres Augustinus von Hippo (354 - 430 n. Chr.) zurückgeführt und auf sein Werk  "De civitate Dei" (Vom Gottesstaat): Demnach steht die Fastnacht für die "civitas diaboli", den Staat des Teufels. Die Kirche duldete das wilde Fest vor der Kirche aus erzieherischen Gründen: Um zu zeigen, dass die teuflischen Machenschaften und auch der Mensch vergänglich sind und am Ende doch nur Gott obsiegt. Der Aschermittwoch, an dem deshalb alles vorbei sein muss, soll die unausweichliche Rückkehr zu Gott versinnbildlichen. Deshalb wurden ausufernde und gotteslästerliche Szenen während der Fastnacht geduldet, ein Weiterfeiern am Aschermittwoch hingegen streng geahndet. Im 15. Jahrhundert wurde aus diesem Grund der "Narr" in die Fastnacht eingeführt - um die Vergänglichkeit zu verdeutlichen. Mit der Reformation trat der Fastnachtsgedanke in den Hintergrund, dorch der Karneval lebte weiter: Auf Schlössern und an Fürstenhöfen vergnügte man sich auf rauschenden Karnevalsfesten mit an die italienische Kommödie angelehnten Masken, während Bürgertum und Bauern närrische Maskenbälle und Straßenkarneval veranstalteten.

Die Nationalsozialisten missbrauchten den Karneval später zu Propagandazwecken - und um ihn zu kontrollieren. In dieser Zeit wurden kaum noch regimekritischen Äußerungen geduldet.

Heutzutage tun wir gut daran, den Karneval nicht als ein spießbürgerliches Überbleibsel kleinbürgerlicher Herrschaftsphantasien zu verteufeln. Wir sollten uns lieber daran erinnern: Der Karneval erinnert uns daran, dass nicht alle Verhältnisse gottgegeben sind, dass auch alles hätte ganz anders kommen können, wir durchaus mal in andere Rolle schlüpfen können, und sei es nur für einen Tag. Und nicht zuletzt ist der Karneval ein gelungener Anlass, zu feiern. Dass der Winter vorbei ist. Und dass das Leben schön ist. So wie in Rio. Und eben auch in Köln, München oder sogar Düsseldorf.

Im Bild: Karneval in Rio, 2008

Bild: dpa 9. November 2012, 10:022012-11-09 10:02:43 © Süddeutsche.de/rus/lala