Behindertenbeauftragte Verena Bentele Mitten drin statt nur dabei

Als blinde Biathletin gewann Verena Bentele Goldmedaillen. Nun ist sie die erste Behindertenbeauftragte, die selbst behindert ist.

Von Kathrin Steinbichler

"Fliegen", sagt Verena Bentele, "ist eine praktische Sache." Allerdings eine, die ihr fast jedes Mal Diskussionen beschert. Meist mehrmals die Woche steigt die Bundesbehindertenbeauftragte in ein Flugzeug, und wenn sie sich dann anschickt, nach der Landung schnellstmöglichst aus dem Flieger zu kommen, wird sie gebeten, als Letzte aufzustehen. Weil sie blind ist. "Die Flugbegleiter fordern mich immer auf, sitzen zu bleiben und erst alle anderen hinauszulassen. Damit sie mir in Ruhe helfen können und ich keinen Stau verursache. Aber dafür", sagt die 33-Jährige und lacht, "habe ich einfach keine Zeit." Also schnappt sie sich Laptoptasche und ausklappbaren Blindenstock, lässt sich die Trittschwelle zwischen Flieger und Gangway zeigen - und geht ihres Weges.

Seit Verena Bentele denken kann, versucht sie, ihr Leben so zu führen wie alle anderen um sie herum auch. Genauso eigenständig, genauso selbstbestimmt, genauso verbunden mit Zielen und Träumen, Überraschungen und Enttäuschungen. Seit Januar 2014 ist Bentele nun die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, seit Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles sie für die SPD vorgeschlagen hat. Die frühere Leistungssportlerin macht dabei einiges anders als ihre fünf parlamentarischen Vorgänger, notwendigerweise. Bentele, von Geburt an blind, ist in der 34-jährigen Geschichte des Amtes die erste Behindertenbeauftragte mit einer Behinderung.

Bentele sieht deshalb an diesem Morgen nicht den Konferenzraum in einem Potsdamer Hotel, in dem ihre Assistentin sie jetzt an einen Tisch führt. Sie sieht nicht die erwartungsvollen Blicke der 40 Schwerbehindertenvertreter eines Versicherungskonzerns, der sie zum Weiterbildungsvortrag eingeladen hat. Bentele sieht auch nicht ihre Redenotizen. Dafür hört und fühlt sie umso besser. Schon beim ersten lockeren Wortwechsel zur Begrüßung und den Reaktionen aus dem Publikum versucht sie mit dem Gehör abzuschätzen, wie ihre Zuhörer sitzen und wie viele Menschen im Raum sind. Als Bentele mit ihrem Vortrag beginnt, fliegen ihre Finger über das in Brailleschrift verfasste Manuskript.

Für diese gestanzte Blindenschrift hat das Büro der Bundesbehindertenbeauftragten inzwischen einen speziellen Drucker angeschafft, genauso wie die Blindenschrift-Kennzeichnungen im Aufzug oder die an ihren Dienstlaptop angeschlossene Braillezeile mit den erhabenen Punkttasten, auf der Bentele Mails und Texte lesen kann. Beim Schreiben selbst ist Bentele egal, welche Tastatur sie vor sich hat, "ich beherrsche das Zehnfingersystem blind", sagt sie. Dass bei Wortspielen wie diesen ihr Gesprächspartner aufhorcht, ist ihr bewusst. Bentele lächelt: "Humor ist wichtig", sagt sie. "Die politischen Debatten sind ernst genug."

Es geht an diesem Morgen in Potsdam um Eingliederungshilfen im Arbeitsalltag, um Fragen nach den behördlichen Zuständigkeiten für anfallende Kosten und das neue Bundesteilhabegesetz, das unter Benteles Mithilfe noch in diesem April vorgestellt werden soll. Seit der Bundestag 2009 die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen ratifiziert hat, gilt für die mehr als sieben Millionen Schwerbehinderten und die 17 Millionen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder chronischen Krankheiten in Deutschland das Grundrecht auf Inklusion, auf gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe also. Bentele selbst lebt genau das seit Jahren vor. Für die Menschen, die sie vertritt, will sie dieses Grundrecht jetzt einfordern.

"Es geht bei dem Thema nicht allein um Gesetzesfragen und Kostenregelungen in der Fürsorge, sondern um eine Frage der Haltung in einer Gesellschaft", sagt Bentele. "Deutschland muss sich fragen: Wie wollen wir umgehen mit Menschen, die mit Einschränkungen leben müssen, sei es aus Gründen der Gesundheit oder des Alters? Blind oder körperlich eingeschränkt zu sein, heißt ja nicht, seinen Alltag oder seinen Beruf nicht meistern zu können", sagt Bentele. "Ich muss für vieles nur eine andere Lösung finden."

Verena Bentele

"Ich musste mich daran gewöhnen, dass hier mehr Marathon als Kurzstecke gelaufen wird."

Eine Lösung finden: Vor ihrem Wechsel in die Politik war die frühere Leistungssportlerin genau deshalb gefragt. Als Biathletin und Langläuferin hat Bentele zwölf Goldmedaillen bei paralympischen Winterspielen gewonnen. Als Rednerin und Motivationstrainerin wurde die Literaturwissenschaftlerin gebucht, um Unternehmen und Personen davon zu erzählen, welchen Gewinn sie aus Perspektivwechseln ziehen können. Jetzt, als Politikerin, "ist es manchmal schon auch ein bisschen frustrierend", gibt Bentele zu. "Ich bin ein sehr ergebnisorientierter Mensch und musste mich erst daran gewöhnen, dass hier mehr Marathon als Kurzstrecke gelaufen wird", umschreibt sie es. Früher beim Biathlon half ihr über Kopfhörer ein Ton beim Zielen - je höher und konstanter der Ton zu hören war, desto exakter hatte sie die Zielscheibe erfasst. In der Politik muss sie jetzt umso genauer hinhören und selbst wissen, welchen Ton es zu treffen gilt.

Es ist inzwischen Nachmittag geworden, nach der Rückkehr aus Potsdam fährt Bentele zum Berliner Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors", um bei der alljährlichen Gedenkfeier für die Opfer des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms zu sprechen. Als Bentele den Saal betritt, ist ihr Vorgänger Hubert Hüppe bereits da. Der CDU-Bundestagsabgeordnete, der die Gedenkveranstaltung in seiner Amtszeit eingeführt hat, schüttelt Hände, grüßt hier und da mit einem Winken eine entfernt postierte Person, schickt ein Augenzwinkern durch die Sitzreihen und tritt in dem Moment, als sich beim Eintreffen von Bentele die Kameras auf sie richten, für eine Begrüßung zu seiner Nachfolgerin.

Die Männer wenden sich an die Referentin: "Wo sollen wir denn die Frau Bentele hinstellen?"

Bentele selbst ist darauf angewiesen, dass ihre persönliche Referentin sie zu den Menschen führt, die sie begrüßen will, und ihr ins Ohr spricht, wer und was sie in dem Raum erwartet. "Beim nonverbalen Kommunizieren kann ich natürlich nicht mithalten", sagt sie. "Ich muss immer erst eine gewisse Nähe herstellen, um mich mitteilen zu können." Bei Gesprächen filtert sie die Zwischentöne und Stimmungen, die andere vielleicht über Augen und Mimik wahrnehmen, deshalb mit anderen Mitteln. "Einer Stimme hört man meistens an, ob jemand gestresst ist oder nicht", sagt Bentele. Daneben "merke ich natürlich, ob jemand direkt zu mir oder mehr mit meiner Assistentin spricht". Dem Gegenüber nicht in die Augen schauen und dadurch eine erste Reaktion bekommen zu können, "verunsichert offenbar viele", weiß sie. Die Bedeutung der Optik ist für Bentele etwas, das sie im stark visuell geprägten Umgang unserer Gesellschaft gelernt hat. Und lernen musste.

Als Bentele nach der Gedenkveranstaltung einen Kranz niederlegen soll, wenden sich vier Männer an ihre persönliche Referentin, die jetzt knapp zwei Meter neben ihr steht. "Wo sollen wir denn die Frau Bentele jetzt hinstellen?", fragt einer aus der Gruppe mit gedämpfter Stimme. Dass Bentele ihn zwar nicht sehen, aber sehr wohl hören kann, ist ihm offenbar nicht bewusst. "Legt sie den Kranz jetzt von rechts ab oder von links? Für das Foto wäre es besser von links." "Sie können Sie gerne selbst fragen", antwortet Benteles Referentin. Der Mann könnte sich jetzt direkt an die Behindertenbeauftragte wenden. Als das ausbleibt, sagt sie ruhig: "Wir machen es so, wie besprochen." Bentele weiß, dass Fototermine und auch ihr äußeres Wirken für die öffentliche politische Wahrnehmung wichtig sind, sie hat sich darauf vorbereitet.

In der Politik geht es ja nicht nur um Inhalte, sondern auch um den Ausdruck, um die Vermittlung, das muss jeder lernen, der neu ist. Auch Verena Bentele. Sie trifft sich regelmäßig mit einer Präsentationsberaterin, die ihre Körpersprache überprüft und mit ihr Gesten einübt, die für Sehende selbstverständlich sind, weil sie damit aufgewachsen sind. "Blinden Menschen fällt es schwer, ihre körperliche Ausdrucksform den Erwartungen anzupassen", sagt sie. Ihre Augenmuskulatur etwa entwickelt oft ein Eigenleben. Bentele hat ein Farberkennungsgerät, dass ihr hilft, aus den ohnehin vorsortierten Kleidungsstücken im Schrank das Passende auszusuchen und zusammenzustellen. Aber das, sagt sie, "sind streng genommen Luxusprobleme. Für die meisten Menschen mit körperlicher oder geistiger Einschränkung geht es noch immer um ganz profane Dinge: um barrierefreie Zugänge in Gebäude, um Informationen in einfacher Sprache, um behindertengerechte Arbeitsplätze."

Als Kind auf dem Bio-Bauernhof ihrer Eltern am Bodensee nahmen Bentele und ihr ebenfalls blinder Bruder Michael ihre Behinderung lange nicht als Einschränkung wahr. Sie gingen in Begleitung zum Radfahren und Reiten, kletterten auf Bäume und fuhren mit den Eltern Ski. "Kleinere Unfälle und Narben gehören für mich dazu", sagt Bentele. "Es ist doch so: Wenn ich mich vor allem immer nur schützen will, muss ich im sicheren Zuhause bleiben. Aber wer immer nur zu Hause bleibt, kann sich nicht weiterentwickeln."

Vier Kämpferinnen für die Gleichberechtigung hängen bei ihr im Büro: Verena Bentele an ihrem Berliner Arbeitsplatz.

(Foto: Katja Hoffmann)

Verena Bentele geht das Leben gerne direkt an. Schüchternheit und falsche Höflichkeiten kann sie sich nicht leisten, auch in der Politik nicht. Das hatte sie 2011 in Durban gemerkt.

Bentele war mit der Münchner Delegation im Rahmen der Vergabe der Olympischen Winterspiele und Paralympics 2018 nach Südafrika gereist. Münchens damaliger SPD-Oberbürgermeister Christian Ude hatte die schlagfertige Wintersportlerin ins Bewerbungsteam geholt und saß nun bei der 123. Session des Internationalen Olympischen Komitees im Internationalen Kongress-Zentrum von Durban neben ihr. Nach langen Stunden in dem riesigen Saal musste Bentele immer dringender auf die Toilette. Als Skifahrerin Maria Höfl-Riesch zwei Plätze neben ihr sich aus demselben Grund kurz aus der Sitzreihe stahl, "habe ich den Moment verpasst, sie zu fragen", erinnert sich Bentele, "alleine aber konnte ich auf keinen Fall gehen, ich hätte ja nicht gewusst wohin". Irgendwann ging es nicht mehr anders, sie beugte sich zu Ude: Er müsse entschuldigen, aber ob er sie in dem ihr unbekannten Gebäude zur Toilette begleiten könne?

"Ude hat keinen Moment gezögert. Ich hakte mich bei ihm unter, gemeinsam sind wir aus dem Saal, er wartete vor der Tür und begleitete mich dann wieder zurück. Von da an, würde ich sagen, waren wir befreundet", erzählt Bentele vergnügt. Sie hat keine Scheu, die Episode zu erzählen. "Warum auch", sagt Bentele, "so war es nun mal. Und solche Situationen gehören zum Alltag von Behinderten."

Um ihren neuen Amtssitz zu begreifen, tastete sie zuerst ein Modell des Gebäudes ab

2012 trat Bentele in die SPD ein, im Jahr darauf wurde sie für die Münchner Stadtratswahlen nominiert, schon kurz darauf erhielt sie die Anfrage aus Berlin. Ein Jahr lang versuchte sie zu pendeln zwischen der Regierungsarbeit in der Hauptstadt und der Stadtratsarbeit in München, vergangenen Februar dann legte sie ihr Mandat im Stadtrat nieder, die Doppelbelastung war einfach zu viel geworden. "Wenn ich eine Sache nicht richtig machen kann, lasse ich sie lieber bleiben", sagt Bentele, der dieses Eingeständnis schwerfiel. Sie zieht nicht gerne zurück, nicht beim Sport und nicht in der Politik.

"Ich habe als Sportlerin gelernt, mir Ziele zu stecken", sagt sie, "und in meinem Amt bedeutet das, dafür einzutreten, dass die Frage der Vielfalt und der Unterschiedlichkeit von Menschen als Bereicherung begriffen wird und nicht nur als Nachteil."

Als Verena Bentele zu Beginn ihren Berliner Amtssitz begreifen wollte, ging sie ins Erdgeschoss des Kleisthauses in der Mauerstraße, in den Verbindungstrakt zum benachbarten Ministerium für Arbeit und Soziales. Dort steht auf einem Tisch im Größenverhältnis 1:100 ein maßstabsgetreues Modell des Gebäudekomplexes. Bentele hat es einmal Ecke für Ecke abgetastet, die Winkel und Zusammenhänge erspürt und die Proportionen erahnt. Weitere zehn Stunden, verteilt über mehrere Tage, hat es sie gekostet, sich mit Hilfe einer Mitarbeiterin die Wege und Räumlichkeiten einzuprägen und sich auf den verwinkelten Stockwerken und Fluren zurechtzufinden. Seitdem lässt Bentele ihren Blindenstock fast immer im Dienstwagen, wenn sie ins Büro geht. "Dort höre ich ja die Wände, über den Schall kann ich mich ganz gut orientieren."

In ihrem Büro im dritten Stock überraschen zwei Kunstwerke, es sind die einzigen schmückenden Elemente im Raum. Bentele kann Kunst zwar nicht sehen, aber sie lässt sie sich gerne erklären und bildet sich eine Meinung über ihre Eindrücke und die Zusammenhänge des Kunstwerks. An der Wand neben dem Konferenztisch hängen jetzt zwei ausgesägte Holzobjekte einer Künstlerin mit Down Syndrom. Bentele gefallen die beiden Figuren im Street-Art-Stil, sie hat sie ertastet und sich beschreiben lassen.

Hinter ihrem Schreibtisch hängt dazu eine großformatige Kohlezeichnung eines autistischen Künstlers, sie heißt "Mütter des Grundgesetzes". Darauf zu sehen sind vier Kämpferinnen für die Gleichberechtigung. Die CDU-Politikerin Helene Weber sowie die SPD-Politikerinnen Friederike Nadig, Helene Wessel und Elisabeth Selbert, vertieft ins gemeinsame Gespräch. Alle vier gehörten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den ersten Frauen im Parlament; sie arbeiteten daran, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte bekamen.

"Ich finde das Bild inspirierend", sagt Bentele. "Wir sollten anfangen, Menschen in erster Linie mit ihren Potenzialen und Möglichkeiten wahrzunehmen." Dann setzt sie sich an ihren Laptop - und macht sich an die Arbeit. Es gibt viel zu tun.