Kommentar Die Ehe für alle ist nicht genug

Überfällig: die Ehe für alle

(Foto: dpa)

Die Ehe für alle wird als Zeichen der Chancengleichheit gefeiert. Dabei verschärft sie ein elementares Problem.

Kommentar von Violetta Simon

Keine Frage. Dass nun auch homosexuelle Paare heiraten dürfen, ist überfällig. Die Ehe für alle ist ein großer, ein wichtiger Schritt im Kampf um Anerkennung und Gleichstellung. Sie steht für das Recht, dass jeder so leben sollte, wie er möchte. Und genau deshalb greift die Entscheidung zu kurz.

In all der Euphorie sollten wir uns nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass die Ehe an sich - genau wie die Ehe für alle - ein elementares Problem zementiert: die selbstverständliche Privilegierung ausschließlich jener Paare, die heiraten. Diese Bevorzugung basiert auf der rückständigen Annahme, dass die Ehe nach wie vor die einzige Form des Zusammenlebens ist, die vom Staat unterstützt werden sollte. Wenn wir also von Gleichstellung sprechen, dann sollte diese nicht nur für jene gelten, die sich zur Ehe entschließen.

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"Ehe für alle" - klingt im ersten Moment toll. Ähnlich wie "Champagner für alle" - eine überaus großzügige Geste. Was aber, wenn man gar keinen Champagner mag?

Dann hat man Pech: Nur verheiratete Paare werden mit finanziellen Vergünstigungen belohnt. Nur Eheleute dürfen ein Kind adoptieren, erhalten Unterstützung bei einer künstlichen Befruchtung. Nur sie haben Anspruch auf einen Erbanteil, dürfen im Familiengrab beigesetzt werden, haben Zugang zur gesetzlichen Renten- oder Unfallversicherung des verstorbenen Partners.

Vor der Ehe für alle konnten Lesben und Schwule eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen, die ihnen diese Rechte sicherte - eine Möglichkeit, die Heterosexuellen nicht zusteht. Das Argument: Die können ja heiraten. Jetzt können homosexuelle Paare das auch.

Der Punkt jedoch ist: Sie können nicht nur. Sie sind auch genötigt, wenn sie von den Privilegien profitieren wollen. Das ist keine Gleichstellung. Das ist Bevormundung. Natürlich sollte jeder heiraten dürfen - unabhängig von seiner sexuellen Orientierung. Doch niemand sollte heiraten müssen, um sich Privilegien zu "verdienen".

Verantwortung füreinander übernehmen

Deshalb ist - trotz des historischen Erfolgs - gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, einen Schritt weiter zu denken: Die Ehe sollte eine Alternative darstellen, nicht das Goldene Kalb. Denn dazu geht sie zu sehr an der Lebensrealität vorbei.

Laut Datenreport des Statistischen Bundesamtes von 2016 steigt die Zahl der Lebensgemeinschaften seit Jahren kontinuierlich, während sich bei Ehepaaren eine rückläufige Entwicklung abzeichnet. Der Anteil unverheirateter Paare mit Kind hat sich in den vergangenen 20 Jahren sogar verdoppelt. Man braucht sich nur im Bekanntenkreis umzusehen, wo Patchworkfamilien und Alleinerziehende ganz selbstverständlich dazugehören.

Doch das deutsche Recht behandelt Menschen, die nicht verheiratet sind oder keine eingetragene Lebensgemeinschaft haben, deutlich schlechter. Ungeachtet dessen, wie eng deren Beziehung im Alltag ist oder ob die Beteiligten gar Kinder miteinander haben.

Zweifellos war die Ehe als schützenswerte Institution einmal eine sinnvolle Idee - mit Betonung auf war. Sie kann ihre Daseinsberechtigung jedoch nur bewahren, wenn sie ihre ursprüngliche Intention nicht aus den Augen verliert: Partnerschaft und Familie zu schützen.

Dazu muss man diese Begriffe auf die gesellschaftliche Realität übertragen. Das bedeutet: den Schutz - und die Privilegien - auf jene ausweiten, die ohne Trauschein zusammenleben. Menschen, die Verantwortung füreinander übernehmen oder Kinder miteinander großziehen, unabhängig von sexueller Orientierung und Familienstatus.

Und die Ehe? Wäre ein Privatvergnügen im romantischen Sinne, ganz ohne Hintergedanken an die Steuer.

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