Mundraub.org Verein vermittelt kostenloses Obst

Die Mitgleider des Berliner Vereins mundraub.org wollen verhindern, dass Obst ungenutzt von Bäumen fällt und verfault.

(Foto: dpa)

Äpfel, Brombeeren, Quitten - umsonst: Der Verein Mundraub organisiert die Ernte von Früchten, die keiner will. Das klingt vorbildlich. Doch mancher Kritiker bezeichnet die Initiatoren als Diebe.

Von Birgit Lutz und Nadia Pantel

Ein Wegesrand in Oberbayern: Gestrüpp, Brennnesseln. Und Brombeeren. Reif, prall, schwarz. Man kann nicht anders, als sie zu pflücken und im Mund zerplatzen zu lassen. Man will die Süße schmecken, bevor man weiter geht, mit blauschwarzen Fingern.

Was genau hat man da jetzt gemacht? Wem gehören diese Brombeeren, und wäre jemals jemand gekommen, sie zu ernten? Oder wären sie einfach reifer und immer reifer geworden, irgendwann verfault und zu Boden gefallen, ein missachtetes, verschwendetes Geschenk der Natur?

Letzteres ist wohl wahrscheinlich an dem Ort, an dem diese Brombeeren wachsen, auf knapp 1000 Metern Meereshöhe und an einer Stelle, an der im Jahr vielleicht zehn Wanderer vorbeikommen. Hier wachsen Brombeeren, ungenutzt.

Doch nur ein paar Kilometer weiter stehen im Supermarkt Beeren im Regal, gesammelt auf anderen Kontinenten und verpackt in Plastik. Irgend etwas passt da nicht. Findet zumindest Kai Gildhorn, einer der Macher einer Internetseite, die in den vergangenen Monaten viel Aufmerksamkeit bekommen hat, positive wie negative. Mundraub.org heißt sie.

Die Idee dahinter: Menschen tragen in einer interaktiven Karte den Fundort von allem ein, was wild wächst und den Eindruck macht, als ob es essbar wäre und von niemandem gepflückt wird. Und andere Menschen können das Obst, das Gemüse, die Kräuter dann ernten. So verkommt einerseits nichts, und andererseits wird weniger Essen gekauft, das zuvor rund um die Welt gekarrt wurde.

Die eifrigsten Obstsammler wohnen in Großstädten

Die Idee dazu hatte der 42-jährige Gildhorn, als er mit Freunden in Sachsen-Anhalt im Paddelboot unterwegs war und am Flussufer Apfelbäume ihre schwer beladenen Äste ins Wasser hängen ließen. Bäume, die offensichtlich niemand aberntete.

"Das fand ich seltsam", sagt Gildhorn. "Da waren wir in der Natur und es gab dort viel zu essen, aber wir hatten unser Essen im Supermarkt gekauft und mitgebracht." Und weil er, wie er von sich sagt, ein grünes Herz hat, erfand der Umweltingenieur die Internetplattform mundraub.org, aus der mittlerweile ein Verein entstanden ist.

Gildhorn und seine Partner gewannen mit ihrer Idee einen Preis des Rates für nachhaltige Entwicklung, der die Bundesregierung berät. Medien wurden aufmerksam, das Portal wurde bekannt. 19 000 registrierte Mitglieder tragen dort mittlerweile Fundorte auf der Karte ein. Jetzt in der Erntezeit ist Hochsaison auf mundraub.org. Täglich wird etwa 5000 Mal auf die Seite zugegriffen; die aktivsten Mitglieder hat der Verein in Großstädten.

Gildhorn geht es dabei um mehr, als an kostenlose Lebensmittel zu kommen. "Wir wollen zum Nachdenken anregen", sagt er, "zum Nachdenken darüber, wie wir mit Ressourcen umgehen. Wenn irgendwo ein ungenutzter Apfelbaum steht, dann hat den irgendjemand mal gepflanzt. Warum erntet jetzt niemand mehr, was hat sich an dieser Stelle oder generell in unserer Gesellschaft verändert?"

Gildhorn möchte dazu anregen, wieder aufmerksamer durch die Natur zu gehen und zu überlegen, was man selbst tun kann, damit das "öffentliche Obst", wie er es nennt, erhalten bleibt - denn nach und nach werden zum Beispiel viele Obstbaumalleen abgeholzt, die es im Osten Deutschlands noch gibt.

In "Erntecamps" wird tonnenweise Obst gepflückt

Um diesen Ansatz zu vertiefen, veranstaltet Mundraub mittlerweile auch Aktionen. Zum Beispiel fahren Kai Gildhorn und sein Partner Konstantin Schroth an jedem Septemberwochenende von Berlin ins Havelland und holen tonnenweise Obst von den Bäumen. Nicht alleine, sondern mit anderen - in sogenannten Erntecamps, die sie über ihr Portal organisieren.

Im April hat Schroth begonnen, im Havelland nach Gemeinden zu suchen, die nichts dagegen haben, wenn "die Berliner zum Ernten einfallen", sagt er. Einfach war das nicht. Die erste Frage an Schroth war meist: Und was haben wir davon? Aber Schroth hat vier Gemeinden gefunden, denen einige Liter Apfelsaft als Gegenleistung ausreichen. Insgesamt knapp 100 Freiwillige werden dort nun an vier Wochenenden die Obstalleen abernten.

Ein Ausgleichshobby für gestresste Großstädter? Nein, sagt Gildhorn leicht genervt. "Ich gehe einfach gern raus in die Natur, steige auf Bäume und ernte."

Am vergangenen Wochenende haben die Mundräuber mit 16 Leuten zehn Tonnen Äpfel eingesammelt. "Wir waren völlig fertig", erzählt er, "und genau das will ich auch: dass die Leute wieder ein Gefühl dafür bekommen, was eigentlich für eine Arbeit in einem Apfel steckt, welche Arbeit Obstbauern und überhaupt Bauern verrichten. Wenn man einen Apfel nicht im Supermarkt kauft, sondern selbst auf den Baum klettert, den Apfel pflückt, mit einer Schubkarre wegfährt - dann schmeißt man so schnell keine Lebensmittel mehr weg. Dann erkennt man auf einmal den Wert der Dinge wieder."