Mütter im 21. Jahrhundert Mütter fragen: "Was stimmt nicht mit mir?"

Von Entbehrungen gezeichnete, untergewichtige, von Kriegsgewalt traumatisierte Frauen waren also die ersten Patientinnen des Werkes, das Elly Heuss-Knapp, die Frau des ersten Bundespräsidenten, 1950 gegründet hat.

Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt stellte man sich in den Heimen neu auf die sich verändernden Bedürfnisse der Frauen ein. So gab es in den 1960er Jahren spezielle Angebote für Mütter mit Contergan-geschädigten Kindern. Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre dann wurden die ersten Mutter-Kind-Häuser eingerichtet. "Es gab große Diskussionen. Denn die Beziehungen der Mütter zu den Kindern hatten sich gesellschaftlich verändert. In den 1950er Jahren liefen die Kinder einfach so mit im Alltag. Nach und nach aber nahm man ihre Psyche stärker wahr, sie wurden zu Persönlichkeiten - und die Mütter nahmen ihren Arbeitsplatz mit in die Kur", beschreibt Schilling die Entwicklung.

Erst etwa 20 Jahre später in der Chronologie taucht übrigens die verschärfte Variante der Sorge um die Kinder auf - der wachsende gesellschaftliche Anspruch, seine Kinder perfekt fördern zu müssen. Musik, Sport, Super-Ausbildung - "das fällt heutzutage immer auf die Frauen zurück, die das organisieren müssen", sagt Schilling. So geben auch in Bundesministerin Schröders aktuellem Familienmonitor 38 Prozent der Mütter an, intensiv damit beschäftigt zu sein, ihre Kinder zu Freizeitaktivitäten zu fahren - und sie von dort wieder abzuholen.

Doch zurück in die 1990er Jahre: Damals waren die Baustellen im Reparaturbetrieb MGW noch übersichtlich. "Es stand der Erholungseffekt im Vordergrund, die Frauen waren hauptsächlich überarbeitet. Aber die Ansprüche, perfekt funktionieren zu müssen, waren noch nicht so hoch wie heute", sagt Angela Finkenberger. Sie leitet seit gut 20 Jahren am Fuße der Kampenwand in Aschau im Chiemgau die Klinik Sonnenbichl, die sich auf Mütter und Kinder mit psychosomatischen Gesundheitsstörungen spezialisiert hat. In den vergangenen zehn Jahren habe sich alles zugespitzt, weiß sie aus der Praxis-Erfahrung. Sie berichtet von Akademikerinnen, die mitten im Leben standen, alles irgendwie wuppten, aber trotzdem fix und fertig in die Klinik kamen und fragten: "Was stimmt nicht mit mir? Warum wird mir alles zu viel? Warum funktioniere ich nicht?"

Alles scheint komplizierter geworden zu sein

Liest man die Protokolle, die heutzutage beim MGW verfasst werden, wirken sie erst mal glatter, simpler als jene aus den 1950er Jahren - was vielleicht auch an der schnörkellosen Computerschrift liegt. Etwa über Frau K., 41 Jahre alt: "Integrationserzieherin, Kind 12 Jahre, alleinerziehend. Tochter hat Morbus Crohn, Asthma, 35 Stunden berufstätig, beide Eltern verstorben." Oder über Frau H., 46 Jahre: "Logopädin, 2 Kinder, 12 und 15 Jahre, geschieden, alleinerziehend, hohe berufliche Anforderung und Kindererziehung, Pubertät!"

In Wahrheit aber scheint alles komplizierter geworden zu sein. "Kinder, Beruf, Partnerschaft, Finanzen, Schule, Pflege - es sind viele zusätzliche Aufgaben für die Frau dazugekommen. Aber sie fühlt sich zuständig wie früher aufgrund eines tiefverankerten, klassischen Frauenbildes, das auch das Weiche, Fürsorgliche beinhaltet", sagt Angela Finkenberger. Die Frauen, die für dreiwöchige Kuren hierher mit ihren Kindern in den Chiemgau kommen, stünden permanent mit sich selbst im Konflikt.