Männer und Liebeskummer "Es geht mir gut!"

Männer fürchten Entscheidungen, verdrängen und lügen. Und doch leiden sie ebenso stark wie Frauen. Ein Gespräch mit einer Liebeskummerexpertin über Selbstbetrug und Feigheit.

Interview: Violetta Simon

Silvia Fauck eröffnete 2001 in Hamburg ihre "Praxis für Psychologische Beratung". Obwohl sie auch Unterstützung in Bereichen wie Trauer, Mobbing, Burn-out oder Leben mit einem kranken Partner anbot, kamen 90 Prozent ihrer Klienten mit Beziehungsproblemen zu ihr - die meisten davon wegen Liebeskummer. Sie taufte ihre Praxis kurzerhand in eine "Liebeskummerpraxis" um und konzentriert sich nun seit vier Jahren auf dieses Thema. Dabei sieht sie sich weniger als Therapeutin, sondern eher als Lebenshelferin - ein Freund auf Zeit eben, der gegen Bezahlung seine Hilfe anbietet.

mann mit liebeskummer

Männer teilen ihren Kummer nur ungern, aus Angst, als Verlierer dazustehen.

(Foto: Foto: Kreuz Verlag)

sueddeutsche.de: Soeben ist ihr zweites Buch, "Das Liebeskummerbuch für Männer", erschienen, das sich explizit mit der männlichen Perspektive auseinandersetzt. Wie leiden Männer, wenn sie Liebeskummer haben?

Silvia Fauck: Extremer, als die meisten Frauen denken. Viele werden sogar krank. Der Unterschied ist: Sie sprechen nicht über ihre Probleme. Nicht mit der Familie, schon gar nicht mit den Kollegen - nicht einmal mit Freunden.

sueddeutsche.de: Nicht einmal mit dem besten Freund?

Fauck: Selbst der weiß nur, dass es zur Zeit "schwierig" ist. Den Rest erfährt er meist, wenn die Partnerin bereits ausgezogen ist.

sueddeutsche.de: Was steckt dahinter?

Fauck: Die Angst, als Versager dazustehen. Wenn ein Mann verlassen wird, nimmt er automatisch an, sie hat einen Neuen.

sueddeutsche.de: Das tun Frauen auch ...

Fauck: Aber ein Mann fragt sich sofort, ob der andere besser im Bett ist.

sueddeutsche.de: Wie gehen Männer mit dieser Angst um?

Fauck: Gar nicht. Sie gehen eine Affäre ein, möglichst kurz nach der Trennung. Für einen Mann ist das wie Medizin fürs Selbstwertgefühl.

sueddeutsche.de: Und das soll helfen?

Fauck: Nicht wirklich. Man kann eine Zeit lang den Kummer in sich hineinfressen, sich durch eine Bettgeschichte ablenken, die Probleme durch viel Arbeit oder Sport verdrängen. Doch irgendwann kommt der große Schlag von hinten: Der Körper macht schlapp, weil die Seele krank ist. Bandscheibenvorfall, Magenprobleme, kleine Infarkte und andere psychosomatische Erscheinungen sind die Folge.

sueddeutsche.de: Welche Auswirkung hat die Unfähigkeit zur öffentlichen Trauer noch, etwa in Bezug auf die Umgebung?

Fauck: Dass der Betroffene kein Verständnis bekommt, weil ja keiner weiß, was mit ihm los ist. In manchen Fällen erzeugt der Leidende statt Mitleid oder Rücksichtnahme auch noch falsche Vermutungen: Die Kollegen fragen sich, ob er ein Alkoholproblem oder eine schwere Krankheit hat, weil er seiner Arbeit nicht mehr richtig nachgehen kann.

sueddeutsche.de: Was soll ein Betroffener Ihrer Meinung nach tun - seinem Chef eröffnen: Rechnen Sie nicht mit mir, ich habe Liebeskummer?

Fauck: Natürlich ist so ein Schritt nicht leicht, aber immer noch besser, als zu lügen. Vorausgesetzt, es geht einem wirklich schlecht.

sueddeutsche.de: Schwer zu glauben, dass ein gestandener Manager sich wegen gebrochenen Herzens beurlauben lässt. Viele Männer beantragen aus Sorge um ihr Image nicht einmal Elternzeit!

Fauck: Bevor man sich in die Arbeit quält und nur zu 20 Prozent anwesend ist ... In einer japanischen Kosmetikfirma gibt es sogar Sonderurlaub für Liebeskummerkranke! Eine andere Möglichkeit wäre, sich für ein paar Tage krankschreiben zu lassen.

sueddeutsche.de: Was sind das für Männer, die zu Ihnen in die Liebeskummer-Praxis kommen?

Fauck: Da gibt es zwei Kategorien: zum einen die Jüngeren um die 30. Sie reflektieren stark und haben erkannt, dass sie etwas tun sollten. Das Berufsbild des "Coach" ist ihnen geläufig, sie verbinden damit die Option auf ein Erfolgserlebnis. Mit diesen Klienten kann man gut arbeiten. Dann gibt es noch jene, die nicht mehr weiter wissen. Es ist die blanke Not, die sie zu mir bringt. Schon wenn sie das Formular ausfüllen sollen, fangen sie an zu weinen.

sueddeutsche.de: Weinen Ihre weiblichen Klienten denn nicht?

Fauck: Bei weitem nicht so oft wie männliche. Die Frauen haben ihre Tränen bereits bei Mutti, Kolleginnen, der Friseurin und ihren Freundinnen vergossen. Hilfe in Anspruch nehmen, so etwas kennen Männer meist nicht. Viele rechtfertigen sich deshalb auch sofort dafür, dass sie überhaupt gekommen sind.

sueddeutsche.de: Wie helfen Sie diesen Männern?

Fauck: Zunächst einmal ist Feuerlöschen angesagt, der Klient soll seine Trauer zulassen. Als Nächstes geht es darum, das Selbstwertgefühl aufzubauen und das Vertrauen in andere wiederherzustellen. Wenn das funktioniert, arbeite ich präventiv und gebe Verhaltenstipps für das nächste Mal. In dieser Beziehung sind wir alle gleich: Auch Frauen machen immer wieder dieselben Fehler.

Welche Kränkung trifft Männer besonders hart? Fortsetzung nächste Seite ...