Kulturdroge Alkohol Diese ewige Sauferei

Vom alten Rom bis in die Münchner S-Bahn: Trotz Ausschankverbot und Kontrollen ist es nie recht gelungen, dem Alkoholkonsum Einhalt zu gebieten. Warum sich die Menschen ihren Rausch nicht verbieten lassen.

Von Joachim Käppner

Er möge trinken - oder fortgehen! Was klingt wie ein Spruch aus den Saufritualen einer Studentenverbindung, stammt in Wirklichkeit von Cicero, dem großer Rhetor des klassischen Rom. Dort pflegten nicht nur der Plebs, sondern auch erhabene Geister die Kunst des Gelages. Die Geschichte des Alkohols als Kulturdroge ist so alt wie die Geschichte der Versuche, den Alkoholgenuss zu beschränken oder gar ganz zu verbieten.

Es gibt, bezeichnenderweise, in keinem anderen Fall so unerschöpflich viele alte wie neue Redewendungen wie zur Veranschaulichung des Trinkens sowie seiner bei Übermaß unausweichlichen Konsequenz, des Rauschs. "Der hat Schlagseite", stammt aus der Seefahrt, die Wendung, jemand sei "voll wie eine Haubitze" aus dem Militär, dessen Mitglieder dem Alkoholgenuss seit jeher besonders zugeneigt sind.

Schon auf altmesopotamischen Keilschrifttafeln finden sich Belege für den Genuss von Wein. Im antiken Griechenland und mehr noch in Rom, siehe oben, gehörte exzessives Trinken zum gesellschaftlichen Alltag. Was die comissatio, das Trinkgelage im Anschluss an die gepflegte Abendmahlzeit, an Ausschweifungen bedeutete, zeigt sich an den Wandmalereien der Bürgerhäuser von Pompeji. Selbst in dem äußerst zurückhaltenden Gemälde im Esszimmer der "Bäckerei der keuschen Liebenden" sehen wir eine Dame, die sich nicht auf den Füßen halten kann, sowie einen vom Diwan gekippten Herrn.

Es wäre interessant, wie vielen Suchtberatern, Sozialpädagogen und Therapeuten der heutigen Zeit allein die kleine Stadt Pompeji Brot und Arbeit geboten hätte - wahrscheinlich Tausenden, genug jedenfalls, um die Verklärung angeblich größerer Zeitalter mit Skepsis zu betrachten. Die Kirche hat die gepflegte römische Orgie zwar missbilligt und beseitigt, aber der Alkoholkonsum blieb; er nahm die Sitten der späteren, roheren Zeiten an.

Selbst in der islamischen Welt wurde das Alkoholverbot - es basierte auf dem Koran, demzufolge die Sünde, die im Wein liege, größer sei als dessen Nutzen - niemals völlig durchgesetzt. Es dient aber, bis heute, bei Bedarf der moralischen Abgrenzung zur christlichen Welt.

"Saufen wie ein Abt"

Im westlichen Mittelalter dagegen galt Wein als gesünder denn Wasser aus dem Brunnen, was angesichts der von Schweinekot und Unrat strotzenden städtischen Straßen bereits eine zwar unbewusste, aber doch nicht einmal falsche Ahnung hygienischer Mindeststandards war. Als etwa im Spätmittelalter Münchens Rat beschloss, dem Treiben einiger Raubritter im nahen Isartal ein Ende zu machen, da verfügte das städtische Aufgebot über zwei Waffen, denen die Herren auf ihrer Burg nichts entgegenzusetzen hatten. Das eine war eine Kanone, die "Stachlerin", das andere ein ausreichender Vorrat an Wein. So richteten sich die Belagerer leicht bezecht, aber gesund und guter Dinge vor der betagten Feste ein und ließen die Stachlerin sprechen. Die Raubritter gaben dann auf.

Freilich, die Quellen sind voll von weniger erbaulichen Konsequenzen des "Saufteufels" (Martin Luther), der Trinkerei also. Selbst dem Gefolge des Stauferkaisers Friedrich I. Barbarossa präsentierten die Äbte, kam der Gewaltige zu Besuch, gern eilends gefälschte Urkunden, angebliche Privilegien, die es den Rittern und Herren des Hofes untersagten, im Kloster zu randalieren, den Mägden nachzustellen und sich anderweitig ungebührlich zu verhalten.

Das lässt Rückschlüsse auf deren übliches Gebaren im 12. Jahrhundert zu, der anbrechenden Zeit des schönen Minnesangs. Die Geistlichen verließen sich darauf, dass die Adressaten sich zwar aufs Humpenheben, nicht aber aufs Lesen verstanden. Allerdings sagte man damals auch, ein geübter Trinker könne "saufen wie ein Abt" oder auch "wie ein Domherr". Aus den kirchlichen Gütern stammten damals, wie teils noch heute, die besten Alkoholika; und immer neue Reformbewegungen beklagten, dass die frommen Brüder weniger dem Herrn als vielmehr ihren Weinen und Schnäpsen huldigten.