Klinik für Mütter mit Burn-out-Erscheinungen Die Botschaft: Lass es dir gut gehen!

Einfach mal loslassen und entspannen: Für viele Mütter ist das ein Problem.

(Foto: Francesca Schellhaas / photocase)

Nicht nur Manager trifft Burn-out - immer mehr Mütter fühlen sich überfordert und leer. Wie hilft man Frauen, die alles perfekt machen wollen und Angst haben, im Alltag nicht zu bestehen? Zu Besuch in einer Klinik im Allgäu.

Von Christina Berndt, Wertach

Wertach im Allgäu. Ganz oben, am Ende der Dorfstraße, die sich an schmucken Gärten und der weißen Dorfkirche vorbei den Berg hinaufschlängelt, liegt die Rettung. Hier landen Mütter aus ganz Deutschland an. Frauen, die eine Auszeit brauchen, die zu Hause einfach nicht mehr weiterwussten.

"Am Berg 11", eine verheißungsvolle Adresse. Unter roten Satteldächern liegt hier eine Kurklinik des Müttergenesungswerks. Die Terrasse gibt den Blick frei auf eine eindrucksvolle Bergkette, die selbst an diesem verregneten Sommertag vor allem Ruhe ausstrahlt. Ruhe: Nichts brauchen die Mütter, die hierherkommen, mehr. Nach der kurvenreichen Dorfstraße beginnt für sie ein völlig anderes Leben. Drei Wochen ohne Verpflichtungen und Termindruck. Eine Zeit, in der nicht mehr sie sich um alles kümmern müssen, sondern in der sie selbst im Mittelpunkt stehen. Wie das ist, das haben die meisten Frauen hier längst vergessen.

So ging es auch Antje Becker aus dem Rheinland. Seit zehn Tagen kurt die Sozialarbeiterin, die wie alle Patientinnen in dieser Geschichte eigentlich anders heißt, nun schon in der Fachklinik St. Marien in Wertach. Lange hatte sie zuvor durchgehalten, obwohl ihr schon seit Jahren alles zu viel war. Doch dann hatte ihr Körper ihr unmissverständlich gezeigt, dass es so nicht weitergeht: "Ich habe ein Reizdarmsyndrom entwickelt, war zudem ständig erschöpft, müde und gereizt", erzählt die schlanke junge Frau. Viel zu oft hat sie ihre fünf und acht Jahre alten Kinder ausgeschimpft. "Dieser Mehrfach-Stress - auf der Arbeit und zu Hause - hat mich fertiggemacht. Es ist mir nicht gelungen, mich dabei nicht zu verlieren."

Innere Leere, Freud- und Lustlosigkeit

Ähnlich wie Antje Becker fühlen sich die meisten Frauen, die zur Zeit in Wertach kuren. Früher hatten die Patientinnen in den Kliniken des Müttergenesungswerks vor allem Probleme mit den Atemwegen, Muskeln oder Knochen. Inzwischen aber leiden fast alle Patientinnen unter Erschöpfung bis hin zum Burn-out-Syndrom, jenem Ausgebranntsein, das Ärzte eigentlich nicht als Diagnose kennen, das aber so viele Menschen bei sich erleben, dass es längst ein eigenes Dasein in der Sprache und Wahrnehmungswelt der Menschen erhalten hat. Burn-out, das ist diese innere Leere, diese Freud- und Lustlosigkeit, die fehlende Kraft, der gestörte Schlaf und die Angst, im Alltag nicht zu bestehen. Es ist ein Erschöpfungssyndrom mit depressivem Mitklang.

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Einst waren es Menschen in sozialen Berufen, für die der New Yorker Psychotherapeut Herbert Freudenberger den Begriff Burn-out in den Siebzigerjahren erfunden hat. Menschen, die ihre Tätigkeit meist mit großem Engagement und Idealismus ausübten, waren bald überfordert, lustlos und auch körperlich krank. Auf die berufliche Höchstleistung folgte das Ausgebranntsein. Zuletzt hat das Burn-out-Syndrom Menschen in allen Berufen getroffen. Und jetzt ist eine ganz neue Klientel davon bedroht: die Mütter.

"Vor zehn Jahren klagten noch 49 Prozent unserer Patientinnen über Erschöpfungszustände oder stressbedingte psychische Störungen, inzwischen sind es 86 Prozent", sagt Anne Schilling, die Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks. Und sie kann auch eine Erklärung für den dramatischen Anstieg liefern: "Das hat mit der steigenden Belastung für die Frauen zu tun." Zwar seien die Erwartungen an Gleichberechtigung im Alltags- und Arbeitsleben groß, so Schilling. "Die Wirklichkeit mit ihrer immer noch traditionellen Rollenverteilung steht dazu aber in erheblichem Widerspruch."

Die Lasten des Familienlebens, sie bleiben weiterhin großenteils an den Frauen hängen, weil das alte Mutterbild, wonach Frauen rund um die Uhr für ihre Familie zu sorgen haben, in den Köpfen bestehen bleibt. Zugleich sind die Ansprüche an die Bildungserfolge der Kinder gestiegen - und auch an die Qualität der Erziehung: Während die heutige Großelterngeneration ihre Kinder irgendwie großgezogen hat, plagen die Eltern von heute oft Selbstzweifel. "Es fällt wirklich auf", sagt Antje Schilling. "Fast alle Frauen wollen unbedingt besonders gute Mütter sein. Und angesichts dieses Dilemmas haben sie immer öfter das Gefühl, individuell zu versagen."

"Ich habe das Gefühl, wieder zu wissen, wer ich bin"

Wie Antje Becker fahren die Mütter oft erst zur Kur, wenn gar nichts mehr geht. "Es war schwierig für mich zu realisieren, dass ich der Doppelbelastung nicht standhalte", sagt sie. Als Becker nach Wertach kam, hat sie zunächst einfach die Stille genossen. Oben auf dem Berg hat die liebe Seele fast zwangsläufig ihre Ruh. Die Berge, sie stehen da und werden noch eine Weile da stehen, gleich, was passiert. In der Ferne läuten die Glocken der Allgäuer Kühe. Ansonsten gibt es nicht viel zu hören und zu sehen. Fernseher gibt es auf den Zimmern nicht. Internetzugang gibt es nur in der Cafeteria. "Es soll ruhig mal ein Gefühl von Leere auftreten", sagt der Klinikleiter Markus Erhart. "Nur so können neue Gedanken und Empfindungen entstehen."

Für Antje Becker ist nun Halbzeit in Wertach. Hat sich durch die Kur etwas in ihr verändert? "Jaaa", sagt sie aus vollem Herzen. Ihre Hände ziehen dabei zwei große Halbkreise - eine Rundum-Wohlfühl-Bewegung. "Der Aufenthalt hier tut mir sehr gut", bekräftigt Becker. Auch wenn die körperlichen Symptome natürlich nicht so leicht abklingen. "Ich weiß, dass es mit meinem Darm nicht so schnell geht", sagt sie. "Aber ich habe das Gefühl, wieder zu wissen, wer ich eigentlich bin und was meine Bedürfnisse sind."