Der US-Sexualforscher John Money hatte in den 50er Jahren den Grundsatz aufgestellt, man sollte einem intersexuellen Kind sofort ein Erziehungsgeschlecht zuweisen und dann mit dem Skalpell vollendete Tatsachen schaffen - ohne dem Kind davon zu erzählen. Die spektakuläre Geschichte von Bruce schien seine Theorie zu beweisen: Der Junge sollte im Alter von acht Monaten beschnitten werden, doch ein Chirurg verstümmelte versehentlich den Penis. Money riet den Eltern, Bruce als Mädchen aufzuziehen. Noch im Kleinkindalter entfernten Chirurgen die Hoden. Aus Bruce wurde Branda.
Nicht Täter, sondern Opfer: Die Leichtathletin Caster Semenya musste unwürdige Geschlechtstests über sich ergehen lassen und muss sogar um ihren Wettkampftitel fürchten. (© Foto: AFP)
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Als Lena die Hoden entfernt wurden, war sie sechs. Sie seien zu krebsanfällig, hatten die Ärzte gesagt. Außerdem könnte sonst in der Pubertät doch noch das Männliche durchschlagen. Die Veitls stimmten zu. Vor der Operation suchten sie Rat bei einer Psychologin. Die empfahl: "Sagen Sie Ihrer Tochter, der Blinddarm muss raus." Das war den Eltern zu riskant. Was, wenn Lena später einmal eine Blinddarmentzündung hätte? Also sagten sie ihr, dass etwas mit ihren Eierstöcken nicht stimmte. Das war wenigstens nicht ganz gelogen.
Die Geschichte mit den Eierstöcken war seitdem Erklärung für vieles. Für die häufigen Arztbesuche, für die zunächst ausbleibende Regelblutung, für die Östrogene, die Lena nehmen muss, seit sie zwölf ist. "Heute würde ich der Operation nicht mehr so einfach zustimmen", sagt Eva Veitl. Denn inzwischen ist klar: Viele Frauen mit XY-Chromosomensatz leiden später unter der fehlenden körpereigenen Testosteronproduktion - und unter den Östrogenen, die sie stattdessen schlucken müssen.
Schwer krank durch Östrogene
Kerstin Rau sagt, die Behandlung habe sie schwer krank gemacht. Seit sie 19 ist, hat sie Östrogene geschluckt, vom Hausarzt verschrieben, ohne zu wissen, warum. Nach ein paar Jahren ging die hochgewachsene Frau mit den langen roten Haaren und den Sommersprossen nur noch gebückt, die Bänder taten weh, das blasse Gesicht war aufgeschwollen, die Beine waren voller Wasser.
Es gab Tage, da bekam auch ihr Freund sie nicht aus dem Bett. "Mit Anfang 30 war ich ein Pflegefall", erzählt die 34-Jährige. Dass sie jetzt überhaupt noch am Nachmittag in ihrer Dachgeschosswohnung sitzen und erzählen kann, verdankt sie den kleinen, silbernen Päckchen, die in ihrem Kühlschrank lagern. Jeden Morgen nach dem Duschen schmiert sie sich ein Päckchen auf den Oberarm. 20 Gramm Testosteron-Gel geben ihr Kraft für den Tag.
Seit zwei Jahren lebt sie nun mit der Männlichkeit aus dem Kühlschrank.Freunde sagen, ihr Kinn sei markanter geworden, ihre Stimme ein bisschen tiefer. "Es ist wie ein Experiment mit offenem Ausgang", sagt Rau. Hat sie Angst? Sie nickt. Erst vor vier Jahren hat sie erfahren, dass ihr Chromosomensatz männlich ist. Ihr Hausarzt hatte jahrelang geschwiegen, die Eltern sagen, sie wussten von nichts.
Viele hätten gern selbst bestimmt
"Viele der betroffenen Erwachsenen hätten gerne selbst bestimmt, ob sie operiert werden", sagt Hertha Richter-Appelt. Im Rahmen einer Studie hat die Professorin an der Uniklinik Hamburg mit vielen intersexuellen Menschen gesprochen, die schon im Kindesalter operiert wurden. "Einige haben unter anderem dadurch im Erwachsenenalter schwere Traumata bekommen."
Auch die vermeintliche Erfolgsgeschichte von Bruce und Branda endete im Desaster. Als Branda 14 war, gestanden die Eltern, dass sie eigentlich als Junge zur Welt gekommen war. Sie ließ die Geschlechtsumwandlung rückgängig machen. Doch richtig wohl fühlte sich der Teenager nie in seinem Körper. 2004, im Alter von 38 Jahren, nahm er sich das Leben.
Zwar erlauben molekulargenetische Diagnostiken in vielen Fällen heute, bereits in den ersten Lebenswochen etwas über die Entwicklung in der Pubertät vorherzusagen. Doch Richter-Appelt und viele ihrer Kollegen plädieren inzwischen dafür, nicht mehr im Kindesalter zu operieren, wenn es medizinisch nicht notwendig ist. "Die Betroffenen sind ja nicht krank", sagt die Psychoanalytikerin. Wie Erfahrungen zeigten, könnten sich die Kinder häufig erst in der Pubertät einem Geschlecht zuordnen - wenn überhaupt.
Eine vorläufige Entscheidung müssen die Eltern trotzdem treffen. Innerhalb von sieben Tagen muss das Geschlecht eines Kindes in Deutschland dem Standesamt gemeldet werden. "Außerdem braucht ein Kind Klarheit", so Richter-Appelt. "Sie können es nicht vor eine Herren- und eine Damentoilette stellen und sagen: ,Entscheide selbst, wo du reingehst."
Das schlechte Gewissen und die Angst im Nacken
Eva Veitl kennt diese Ansichten. "Natürlich hat unser Versteckspiel auch etwas mit Feigheit zu tun", sagt sie. An manchen Tagen fühlt sie sich wie ein Verbrecher auf der Flucht, das schlechte Gewissen und die Angst stets im Nacken.
Dabei haben die Veitls nur versucht, alles richtig zu machen. Stundenlang haben die Eltern darüber gestritten, was für Lena wohl das Beste ist. "Warum sollen wir sie mit der ganzen Sache belasten?", sagt der Vater bis heute. Seine Frau ist anderer Ansicht: "Sie hat ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren."
Besonders schlimm war es, als Eva Veitl zum ersten Mal zu einem Selbsthilfetreffen der XY-Frauen fuhr. "Ich muss gestehen, ich war total überrascht. Da saßen ganz normale Frauen, keine Mannsweiber." Doch sie sah auch, wie die Frauen unter den Lügen ihrer Eltern und der ewigen Heimlichtuerei litten.
Als Eva Veitl spät abends aufgewühlt nach Hause kommt, will sie ihre damals zehnjährige Tochter sofort wecken. Doch ihr Mann sagt: "Lass sie schlafen." Danach waren die Tage, an denen sie es Lena sagen wollte, ebenso zahlreich wie die Gründe dagegen: der erste Freund, die mittlere Reife, der erste Liebeskummer, der zweite Freund und nicht zuletzt die Angst vor dem Gerede im Dorf.
Die Mutter weiß, dass ihrer Tochter das Schlimmste vielleicht erst noch bevorsteht. Und trotzdem gibt es heute diese Momente, in denen Eva Veitl denkt, dass sie vielleicht doch alles richtig gemacht haben. Lena ist ruhiger geworden, eine lebensfrohe junge Frau, die ihren jüngsten Bruder vergöttert, gerne reiten geht, einen netten Freund hat und einen guten Ausbildungsplatz.
Fast könnte ihre Mutter manchmal alles vergessen. Doch Lena muss nur ihren Pulli ausziehen, dann ist die Angst sofort wieder da. Sie zieht ihn nicht mit gekreuzten Armen über den Kopf, wie Frauen das meistens tun, sondern greift mit einem Arm in den Nacken. "Wie ein Mann", denkt sich Eva Veitl jedes Mal.
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(SZ vom 21.11.2009/vs)
@Wanninger von der Au: Auch erschreckend, daß mir die von Ihnen zurecht hervorgehobene, unschöne Wortwahl auch nicht aufgefallen ist. Wie sehr man doch auch in bestimmten Bildern denkt.
Das "Gute" am traditionellen Umgang mit Intersexualität ist ja eigentlich, daß Menschen jahrzehntelang glaubten, sie könnten Kindern ein Geschlecht "anerziehen", sprich: das Geschlecht sei nicht allein biologisch vorgegeben. Die Folgen dieses Denkens (intersexuelle Kinder zu operieren, Intersexualität totzuschweigen usw.) waren natürlich fatal, aber das Denken selbst würde man sich in anderen Bereichen wünschen: nämlich bei den Transsexuellen, die damit kämpfen, daß *ihnen* die Gesellschaft nicht erlauben möchte, ihr Geschlecht nicht biologisch zu sehen, sondern frei zu wählen. Verrückt, die traditionelle Sicht:: Transsexuelle mögen bitte ihrem Geburtsgeschlecht treubleiben, aber Intersexuelle mögen bitte genau das nicht tun... Immerhin - vielleicht bietet der Vergleich manchen traditionellen Vertretern eine Möglichkeit, ihre SIcht zu erweitern?
Achja, und der Artikel erzählt - unkommentiert - auch viel über traditionelle Geschlechterbilder: Warum bitte sollen Mädchen rosa tragen und nicht mit Autos spielen? Warum sollen Frauen Pullover auf eine einzige Art ausziehen? Oder eben: Warum dürfen Jungs nicht mit Puppen spielen und am liebsten *kein* Rosa tragen? Intersexuelle, wie auch Schwule, Transsexuelle usw., haben das großartige Potential, traditionelle Vorstellungen zu hinterfragen. Zum Glück finden sie sich (langsam) zunehmend in guter Gesellschaft von geschlechtseindeutigen Heteros... :o)
... und so wird unsere Gesellschaft ihnen vielleicht irgendwann nicht mehr ganz so viele Steine in den Weg legen... z.B. auch: Geschlechtsangabe beim Einwohnermeldeamt: nur männlich oder weiblich!... und viele andere Dinge, die man hinterfragen kann.
wenn man das Grundgesetz, Artikel 2, über die körperliche Unversehrtheit zitiert, dann wird man in der SZ zensiert - soviel zum § 5 GG.
(Ich hatte mich auch auf Beschneidung bezogen... böses Foul, da könnte sich ja mancher auf den religiösen Schlips getreten fühlen...)
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Der Artikel ist dringend nötig und sehr zu begrüßen.
Aber er schafft es auch nicht, die Ebene der Vorurteile und Bewertungen zu verlassen. Zum Beispiel ist die Rede von "Störungen der Geschlechtsentwicklung" und davon, es gerate ein "Fahrplan ins Stocken".
Als ob es also doch eine Norm gäbe, und alles, was davon abweicht, wäre eine Störung, ein Fehler, mit anderen Worten: Menschenmurks.
Warum kommt man denn nicht auf die Idee, dass die Vielfalt aller Zwischenstufen, Übergänge, Farben und Lebensweisen NORMAL ist? Dass schwul/lesbisch, bisexuell, heterosexuell - männlich, weiblich, intersexuell, transsexuell - groß, klein, dick, dünn - ... alles richtige, gute, gleich wertvolle Erscheinungen der Natur und des Menschlichen sind?
Beim vierblättrigen Kleeblatt freut man sich und sieht einen Glücksbringer, keine "Störung". Warum nicht auch bei Menschen, die anders sind als die große Masse?
Dass das dem/der Autor/in nicht bewusst war beim Schreiben, das finde ich noch interessanter als das, worüber er/sie berichtet.
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