Indien Stigmatisiert durch den Vornamen

Aishwarya hat in der Schule erfahren, was ihr ursprünglicher Name Nakusa bedeutet. "Ich habe mich so schmutzig gefühlt", sagt sie.

(Foto: Eva Lindner)

"Nakusa" bedeutet "die Ungewollte". Indische Eltern, die ihre Tochter so nennen, wollen den Göttern zeigen, dass sie sich dringend einen Sohn wünschen.

Von Eva Lindner, Satara/Indien

Sie heißt Aishwarya, auf ihrem Schülerausweis steht es. Er hängt an einem Band um ihren Hals, das sie verlegen mal nach rechts, mal nach links zieht. Sie ist 13 Jahre alt und wohnt hoch oben auf einem Berg im kleinen Dorf Narafdev, 250 Kilometer von Mumbai, der Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra, entfernt. Die sandfarbene Landschaft liegt wie ein faltiger Teppich über den Hügeln am Horizont. Aishwarya hat sich fein gemacht an diesem Tag, schwarze Hose, pinkfarbene Kurta, so heißt die traditionelle indische Oberbekleidung; ein Schal liegt ihr lose über den Schultern. Sie erwartet Besuch aus der Stadt. Eine Frau will nachsehen, wie es ihr geht nach all den Jahren.

Der Name auf dem Schülerausweis bedeutet dem Mädchen alles. Er ist nicht nur Teil seiner Identität, er ist seine Legitimation. Den Namen, den die Mutter ihm gab, wollte es nicht mehr tragen. Er war der Beweis, dass seine Eltern es nie wollten. Dass sie sich einen Jungen gewünscht hatten. Deshalb nannten sie ihre Tochter "Nakusa". Die Ungewollte.

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In Indien haben Namen ihren Ursprung häufig in Mythologie und Religion. Der Name soll dem Kind seinen Weg in die Zukunft weisen, ihm helfen, seine Persönlichkeit zu entwickeln. Beliebt sind für Mädchen Lakshmi, nach der Göttin des Wohlstandes, Sunita, "höflich", oder Kavita, "Gedicht". In der Region Satara im Staat Maharashtra im mittleren Indien glauben Eltern, die viele Töchter haben, dass sie den Göttern mit dem Namen des Kindes ein Zeichen schicken können. Nakusa bedeutet: genug Töchter, wir wollen endlich einen Sohn.

Für einfache Familien werden Mädchen schnell zur Armutsfalle

Etwa tausend Mädchen mit dem Namen Nakusa leben in Satara, schätzt T. V. Sekher, Professor am internationalen Institut für Bevölkerungswissenschaft in Mumbai. Er hat kürzlich eine Studie herausgegeben, in der er die psychologischen Auswirkungen des Namens auf die Mädchen erforscht hat: 70 Prozent hatten Demütigungen erlebt und waren traumatisiert. "Wir blicken in Indien auf eine jahrhundertelange Diskriminierung von Mädchen zurück", sagt er. "Was wir hier im ländlichen Maharashtra erleben, ist die grausamste Form."

Auch Aishwarya kann davon erzählen. ",Komm her, du Ungewollte', riefen die anderen Kinder mich", sagt sie, "oft ließen sie mich nicht mitspielen." Was Nakusa heißt, habe sie erst in der Schule erfahren, als alle Kinder die Bedeutung ihrer Namen darlegen sollten. Als sie ihren nicht erklären konnte, nahm der Lehrer die Kreide und schrieb in der Landessprache Marathi an die Tafel: "Ungewolltes Mädchen". "Ich habe mich so schmutzig gefühlt", sagt sie.

Mit ihren Eltern, der Großmutter und ihren Geschwistern wohnt sie in einem Raum. Die Familie lebt von der Landwirtschaft, vor der Tür sind zwei Ochsen, eine Kuh, ein Kälbchen und ein paar Ziegen angebunden. Was man im Westen als Krippenspiel zu Weihnachten kennt, ist im ländlichen Indien Alltag: Aishwarya lebt mit ihrer Familie in einem Stall, für die Frau aus der Stadt kocht ihre Mutter Tee über dem offenen Feuer.

Samindra Bapusaheb Jadhav hat mitgeholfen, dass aus Nakusa Aishwarya werden konnte. Mit ihrer Organisation Swayamsiddha Women Development unterstützt sie junge Mädchen dabei, ihre Geburtsurkunde, Zeugnisse und Ausweise umschreiben zu lassen. 280 Nakusas durften sich mit ihrer Hilfe schon einen neuen Namen aussuchen. "Wir wollen keine ungewollten Mädchen mehr", sagt Samindra Bapusaheb Jadhav, die selbst zwei Söhne hat, "alle sollen willkommen sein."

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Fragt man Aishwaryas Mutter, warum sie ihrer Tochter den Namen Nakusa gegeben hat, sagt sie ganz offen: "Wir haben schon sechs Mädchen gehabt, wir wollten einen Sohn." Aishwarya sitzt mit gesenktem Kopf reglos auf der Bastmatte, eine Träne rinnt langsam ihre Wange hinunter.

Dass indische Paare oft Söhne den Töchtern vorziehen, hat finanzielle Gründe; gerade für einfache Familien werden Mädchen schnell zur Armutsfalle. Ausbildung, Hochzeit und Mitgift (die zwar gesetzlich verboten, aber noch immer die Regel ist) kosten die Eltern viel Geld, viele müssen Kredite aufnehmen. Nach der Heirat geht die Tochter mit ihrem Besitz in das Eigentum der Familie des Bräutigams über, die Eltern bleiben beim Sohn. Weil es in Indien keine staatliche Rente gibt, sind sie im Alter finanziell von ihm abhängig.