Hungrige Schlafwandler Fressattacken im Dämmerzustand

Manche Schlafwandler essen regelmäßig nachts den Küchlschrank leer - das kann gefährlich werden.

Von Eva Maria Marquardt

Für die Sekretärin aus München ist es eine Routineuntersuchung, als sie an jenem Morgen in die Klinik zur Blutabnahme kommt. Sie soll mit nüchternem Magen erscheinen. Aber das ist kein Problem, die 45-Jährige frühstückt sowieso nie. Als sie wieder nach Hause kommt und das schmutzige Geschirr in der Küche sieht, ruft sie in der Klinik an: "Die Bluttests können Sie wegschmeißen."

Es war wieder passiert. Seit etwa zehn Jahren verliert die Frau nachts die Kontrolle über sich. Nach wenigen Stunden Schlaf, steht sie auf und geht in die Küche. "Dann esse ich, was gerade im Kühlschrank ist. Danach gehe ich wieder ins Bett", sagt die 45-Jährige. Am Morgen stellt sie sich stets die gleiche Frage: Was war es diesmal?

Manchmal erinnert sie sich an ihre nächtlichen Essattacken, manchmal nicht. Meistens isst sie Kalorienbomben wie Schokolade oder Brote mit Fleischsalat.

Würstchen mit Marmelade

Die Frau ist mit ihrem Verhalten nicht allein. Als "rhythmisches Ausräubern des Kühlschranks" beschrieben 1986 die Psychiater Ian Oswald und Kristine Adam im British Medical Journal den Fall eines 37-Jährigen, der nachts alle eineinhalb Stunden aufwachte und Fressattacken erlitt. Auch im Urlaub deponierte er neben seinem Bett einen Essensvorrat. Das Syndrom wurde 1991 als schlafbezogene Essstörung (Sleep related eating disorder, SRED) definiert.

Wie beim Schlafwandeln stehen Betroffene in einer Art Dämmerzustand nachts auf - um zu essen. "Oft essen sie abstruse Sachen wie Würstchen mit Marmelade oder Reinigungsmittel", sagt die Schlafmedizinerin Gwendolyn Böhm vom Klinikum rechts der Isar in München.

Am nächsten Morgen können sie sich meist nicht an ihre nächtlichen Mahlzeiten erinnern. Gefährlich wird es, wenn die nächtlichen Esser Pizza noch tiefgekühlt zu sich nehmen oder den Herd anschalten. Auch die Sekretärin fing einmal morgens um zwei Uhr an, im Dämmerzustand Kartoffeln zu kochen. Glücklicherweise stellte sie sich aus Gewohnheit eine Eieruhr. Ihr Sohn schreckte vom Klingen auf und weckte seine erstaunte Mutter auf.

Auch bei der Psychiaterin Martina de Zwaan von der Uniklinik Erlangen und bei Thomas-Christian Wetter vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie stellen sich immer wieder Menschen vor, die Essanfälle in der Nacht haben. Im Unterschied zur schlafbezogenen Essstörung wachen sie in der Nacht vollständig auf, können aber erst wieder einschlafen, wenn sie gegessen haben. "Die Patienten haben dann solche Gelüste, dass sie sagen ,Wenn ich das jetzt nicht esse, dann kann ich nicht einschlafen`", sagt Wetter. Diese Störung wird seit 1955 Night Eating Syndrome (NES) genannt.

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