Ghosting als Trennungs-Methode Unfähig zur Auseinandersetzung

Psychotherapeut Wilchfort sieht die Ursache für Ghosting nicht in der Schwere des Vergehens. "Es liegt in der Persönlichkeitsstruktur dessen, der sich verdünnisiert - und seiner Unfähigkeit, sich mit dem Partner auseinanderzusetzen", sagt Wilchfort. "Wenn man sich erst einmal drei Tage nicht gemeldet hat, fällt der vierte leichter. Und es wird immer einfacher, sich nicht zu melden und den Gedanken an den anderen wegzuschieben."

Ghosting ist seiner Ansicht nach auch kein Phänomen, das für sich steht. Sondern die Steigerung von etwas, das bereits in der Beziehung zwischen den Partnern existiert hat: das alltägliche Vermeiden von Interessenskonflikten. "Manche Paare geraten in Streit und sprechen tagelang nicht miteinander", erklärt Wilchfort. "Dann müssen sie gemeinsam zu einer Einladung erscheinen - und klären nie wieder, was damals der eigentliche Auslöser für den Konflikt war."

Beim Ghosting pasiert also dasselbe wie in der aktiven Phase der Partnerschaft. "Nur, dass irgendwann der Punkt erreicht ist, wo die Klärung endgültig nicht mehr möglich erscheint", sagt der Paartherapeut. Dabei sei die Entscheidung, sich davonzuschleichen, nicht neu. "Früher hieß es halt: Ich geh' mal eben Zigarettenholen."

"Feige, distanziert und grausam"

Wie viele Menschen bereits Opfer einer solch abrupten Trennung wurden, zeigen die Reaktionen auf den Artikel der New York Times, wo hunderte Leser ihre eigenen Erfahrung zum Thema beschreiben. In den meisten Kommentaren erzählen Betroffene, wie es ihnen ergangen ist. Andere wiederum versuchen zu erklären, warum sie sich selbst dazu veranlasst sahen.

So schreibt zum Beispiel ein gewisser Shlen aus Victoria BC, auch er habe sich in seiner Jugend ein paar Mal so verhalten, "doch jetzt erschaudere ich, wenn ich daran denke, wie wenig Mitgefühl ich damals den Frauen gegenüber gezeigt habe, die sich fragten, was mit mir passiert war oder was der Grund für mein Schweigen war." Inzwischen habe er selbst erfahren, wie sich das anfühlt: "Entsetzlich". Es sei kaum zu glauben, dass ein emotional reifer Erwachsener sich derart feige, emotional distanziert und offen grausam verhalte.

Sich im Nachhinein in Rachegedanken zu suhlen oder den Übeltäter zu verfolgen und zur Rede zu stellen, hält Paartherapeut Wilchfort für keine Lösung. "Hilfreicher ist es, von Anfang an über gegenseitige Erwartungen zu sprechen und sich offen für die Bedürfnisse des anderen zu zeigen", sagt der Psychologe. "Je mehr der Ghost spürt, dass seine Entscheidungen akzeptiert werden, desto eher wird er diese seinem Partner auch mitteilen."