Generisches Maskulinum Liebe Leser, das folgende Interview ist auch für Frauen gedacht

Warum sollen sich Frauen mitgemeint fühlen?

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Aber aus Gründen der Lesbarkeit verwenden wir in diesem Teaser nur die männliche Form. Warum das ein vorgeschobener Grund ist, erklärt Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch.

Interview von Violetta Simon

Eine Kundin will die Sparkasse Saarbrücken per Gerichtsurteil dazu verpflichten, sie in Formularen nicht als "Kunden" und "Kontoinhaber" anzuprechen, sondern als Kundin und Kontoinhaberin. Als Mann hat Anatol Stefanowitsch kein Problem mit dem generischen Maskulin. Als Sprachwissenschaftler schon: "Ich bin ja immer gemeint. Aber woher sollen die Frauen das wissen?" sagt der Professor für Linguistik, der an der Freien Universität Berlin lehrt. Ein Gespräch über ein Problem, das erst existiert, seit Frauen gleichberechtigt sind.

SZ: Viele Frauen - aktuelles Beispiel: die 80-jährige Sparkassenkundin Marlies Krämer - fühlen sich durch die Verwendung der ausschließlich männlichen Form übergangen. Halten Sie die Debatte für angebracht?

Anatol Stefanowitsch: Auf jeden Fall. Ich habe mich sehr gewundert, dass es noch Organisationen wie diese Sparkasse gibt, die es bis zum Gerichtsverfahren kommen lassen. Als sei die Debatte an ihnen vorbeigegangen. Natürlich kann man davon ausgehen, dass die Kundin das versteht und weiß, wie die Anrede gemeint ist - diese Sichtweise hat sich schließlich seit dem 19. Jahrhundert eingebürgert. Dennoch ist die Klage berechtigt und die Debatte angebracht: Warum sollen sich nur die Frauen "mitgemeint" fühlen?

Hält die Debatte über das generische Maskulinum für zeitgemäß: der Linguist Anatol Stefanowitsch.

(Foto: picture alliance / dpa)

Befürworter berufen sich auf das Argument, das generische Maskulinum sei eine seit 2000 Jahren historisch gewachsene Form.

Von wegen. Lange existierte gar keine feminine Form, die von einer männlichen abgeleitet werden konnte. Bis dahin wurden meist wirklich nur Männer angesprochen, etwa bei Wahlen. Als dann auch Frauen wählen durften, hieß es: Also gut, ab jetzt sind sie mit "Wähler" auch gemeint. Insofern ist diese vermeintliche Tradition - und damit die Verlegenheit, das Problem lösen zu müssen - erst entstanden, als Frauen mehr Rechte erhielten. Nicht das generische Maskulin ist 2000 Jahre alt. Sondern das Patriarchat.

Aber ist Veränderung der Sprache nicht auch ein Teil der Geschichte?

Sicher, und es ist auch irrelevant, wie lange eine Regel bereits existiert. Früher haben wir alles mögliche getan, von dem wir mittlerweile erkannt haben, dass es falsch ist - oder diskriminierend. Deshalb sind rassistische oder behindertenfeindliche Wörter aus dem Alltag verschwunden. Oft hört man in dem Zusammenhang: "Das haben wir damals nicht böse gemeint, das hat man eben so gesagt." Das war aber nur möglich, weil man davon ausging, dass die Meinung dieser Gruppe nicht zählt.

Zum Beispiel gibt es im deutschen Wortschatz noch immer rein weiblich besetzte Ausdrücke wie Schlampe, Nymphomanin, Zicke, Bitch, Schreckschraube. Höchste Zeit, den gesellschaftlichen Wandel auch sprachlich zu manifestieren, oder?

Ich glaube, das passiert bereits. In den Siebzigern war das generische Maskulinum ja noch relativ normal. Selbst 2005 nach der Wahl von Angela Merkel hat man sich gefragt, ob man sie nicht lieber weiterhin "Kanzler" nennen sollte. Inzwischen kommt uns der Ausdruck Kanzlerin normal vor. Solche Konflikte sind Rückzugsgefechte bislang privilegierter Gruppen, die nicht mehr exklusiv angesprochen werden. Gerade junge Menschen zeigen weniger Menschenfeindlichkeit und Toleranz gegenüber Diskriminierung, bei den Grünen ist es Pflicht, alle Anträge geschlechtergerecht zu formulieren. Insofern: Ja, das muss und wird sich ändern. Je selbstverständlicher es wird, dass Menschen gleich viel wert sind, desto deutlicher.