Türkei: Frauenfreundliche Moscheen Gleichberechtigung vor Gott

Eine kleine Revolution bahnt sich an: In der Türkei sollen Moscheen so gestaltet werden, dass Frauen nicht mehr in dunklen Ecken oder auf Emporen sitzen müssen.

Von Kai Strittmatter

Freitagsgespräch, das erste. Der Vorhof einer kleinen Moschee im Stadtteil Sariyer. Gleich ist Freitagsgebet. Ein bärtiger Alter, der seine rituelle Waschung gerade hinter sich hat, eilt Richtung Gebetsraum. Hat er die Nachricht schon gehört? Bald sollen Frauen ihren Platz in der Moschee einnehmen dürfen, gleichberechtigt mit den Männern. Er weitet ungläubig die Augen. "Wer sagt das?" Das staatliche Religionsamt. Er schweigt. Was sagt er denn dazu? "Oh mein Gott, sage ich." Ist das alles? "Wo sollen die denn hin? Schau doch selbst: ist doch alles überfüllt." Das Amt sagt, man werde die nötigen Plätze reservieren. "Hm". Er verdreht die Augen.

Das Amt für religiöse Angelegenheiten in Ankara, auf Türkisch kurz: Diyanet, ist eine mächtige Institution. Ihr Direktor ist Herr über die fast 80.000 Moscheen und über die Imame des Landes: Sie alle werden vom Staat bezahlt und kontrolliert. Ein merkwürdiges Amt für ein Land, das sich laizistisch nennt. Republikgründer Atatürk richtete es 1924 ein. Die Alewiten und andere Minderheiten, aber auch die EU üben regelmäßig starke Kritik an der Behörde, das Amt gilt ihnen als Bastion des sunnitischen Mehrheitsislams.

Aber das Diyanet hat sich in den letzten Jahren mit ungewöhnlichen Reformprojekten auch Lob eingeholt. Vor allem zur Stellung der Frau im Islam. Vergangene Woche nun beschlossen die der Behörde unterstellten Muftis, die islamischen Rechtsgelehrten also, eine weitere kleine Revolution: Die Frauen sollen zum Moscheebesuch ermutigt werden, sie sollen dort neben den Männern am Freitagsgebet teilnehmen dürfen, alle großen Moscheen im Land werden aufgefordert, den Frauen Platz zu machen.

"Wir kehren damit nur zu den Ursprüngen zurück", sagt der Vizedirektor des Diyanet, Ekrem Keles: "Zu Zeiten des Propheten beteten immer auch Frauen in der Moschee." Das ist nun schon 1400 Jahre her. Die Türkei mag die modernste muslimische Nation sein, aber auch hier sieht man heute nur selten Frauen in den Moscheen. Wenn es überhaupt Plätze für sie gibt, dann sind es meist kleine, dunkle Balkone. Diyanet-Vize Keles weiß, woran es hakt: "Die Einstellung unserer Männer muss sich ändern."

Freitagsgespräch, das zweite. Drei junge Männer zwischen 25 und 30, auch sie bereiten sich aufs Gebet vor. "Ehrlich? Die Frauen sollen mitbeten?" Der Wortführer der drei Männer lacht. "Das kannst du vergessen, die kommen bestimmt nicht, Bruder." Warum denn nicht? "Die Frauen beten doch lieber zu Hause. Da muss man sein Gebet nicht demonstrativ zur Schau stellen." Und die Männer hier tun genau das? Er grinst. "Naja, guck dich doch mal um. All die Ladenbesitzer hier, von denen jeder der beste Muslim in der Gemeinde sein will." Sie lachen alle drei.

Vor allem der letzte Leiter des Religionsamtes, Ali Bardakoglu, machte durch Reformeifer von sich reden. Er füllte die Position der "Vaize" wieder mit Leben. Eine Vaize ist eine Predigerin, eine Frau, die vor anderen Frauen den Koran auslegt, es ist ein Amt, das der Islam seit langem kennt und das doch fast ausgestorben war. Noch zur Jahrtausendwende gab es in der ganzen Türkei gerade drei Dutzend Vaize, heute sind es schon fast 500.

Bardakoglu berief auch Frauen in das Amt des stellvertretenden Mufti. Muftis erstellen religiöse Gutachten, sogenannte Fetwas, in Istanbul tut das seit einigen Jahren auch eine Frau. Außerdem gab Bardakoglu eine Überarbeitung der Hadith-Sammlungen in Auftrag. Die Hadithe sind die überlieferten Aussprüche und Taten des Propheten Mohammed. Es finden sich darin auch solche Sprüche: "Die besten Frauen sind die, die Schafen gleichen." Das Religionsamt will hier aussortieren: Solch Frauenfeindliches, meinen seine Experten, könne unmöglich vom Propheten stammen.

Es gibt in der Türkei noch immer welche, die glauben, eine Frau könne nur in den Himmel gehen, wenn ihr der Ehemann die Erlaubnis dazu gebe. Es gibt aber auch Theologinnen wie Beyza Bilgin, die 1962 zur ersten Vaize der Türkei wurde und einmal sagte: "Sollen doch die Männer auf den Balkon in der Moschee." Es gibt auch Frauen wie die Istanbuler Architektin Zeynep Fadillioglu, die vor zwei Jahren von sich reden machte, als sie die von ihrem Kollegen Hüsrev Tayla neu erbaute Sakirin-Moschee in Istanbul ausgestaltete - die erste Frau, die man jemals mit der Innengestaltung einer Moschee beauftragt hatte. Fadillioglu plädierte dafür, beim Ausbau der Moscheen "endlich auch an Frauen zu denken". Der Islam sei bereit dafür. "Die Hindernisse stecken in den Köpfen."

Freitagsgespräch, das dritte. Ein Parkplatzwächter in Uniform, um die 50, tiefe Falten, unnatürlich weiße Zähne. Er geht auf die Moschee zu. "Das Religionsamt, ja? Das Diyanet hat das entschieden?" Er denkt nach. "Glaubst du wirklich, dass sie kommen? Wo sollen sie sich denn waschen?" Seine Falten sind noch tiefer geworden. "Hm, das könnten sie auch zu Hause erledigen." Dann lächelt er. "Schöne Neuigkeiten sind das."

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