Von Marten Rolff

Käse-Vulkane, Blumenkohl-Wolken, die Südsee aus Lachs - der Fotograf Carl Warner baut aus Lebensmitteln Landschaften, von denen eine faszinierende Appetitlichkeit ausgeht. Nur manchmal müffelt es ziemlich.

Wenn man gewisse Erwartungen an ein Treffen mit Carl Warner knüpft, dann sind daran auch diese seltsamen Spitznamen schuld. "Peacasso" nennen sie ihn in der englischen Presse - ein etwas albernes Wortspiel mit "pea" (Erbse). Andere schreiben von "Salvador Deli" oder "Caraveggio" - in Anlehnung an "vegetable" (Gemüse). Und während man auf dem Weg in sein Londoner Studio noch darüber nachdenkt, ob diese Namen für einen Foodfotografen nur ein wenig übertrieben sind oder nicht sogar ziemlich lächerlich, steht plötzlich Carl Warner auf dem Bürgersteig vor einem und erinnert so gar nicht an Picasso, Salvador Dalì oder Caravaggio. Ein jungenhafter 43-Jähriger mit dunklen Strubbelhaaren, der mit dem Handy in der Hand winkt und ruft: "Hierher, hier ist es!" Sein Studio liegt im Erdgeschoss eines Sozialbaus im Süden der Stadt, es gibt weder Schild noch Hausnummer. "Reinkommen und Nase zuhalten!", befiehlt der Fotograf. "Tut mir leid, aber es stinkt echt übel nach altem Hummer."

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Warner war gerade tagelang damit beschäftigt, Australiens symbolträchtigen Felsen Ayers Rock aus Hummerschalen nachzubauen - vom kanadischen Hummer, weil dessen Panzer beim Kochen ein intensiveres Rot entwickelt. Um das teuere Material zu nutzen, musste sein Team besonders viele Aufnahmen machen, am Ende ist in der Hektik das Wasser einer Hummerkiste ausgelaufen. Es riecht noch süßlich fischig, der Gestank werde sich wohl für Wochen halten, befürchtet der Fotograf, "doch das Chaos hat sich gelohnt." Stolz weist er auf einen Flachbildschirm, der das Foto eines erstaunlich naturgetreuen, krebsroten Ayers Rock zeigt, auf dessen Plateau ein Skorpion aus Chilischoten thront.

"Foodlandscapes" nennt Carl Warner seine Arrangements, für die er ausschließlich Nahrungsmittel einsetzt und die ein wenig an naive Malerei erinnern. Farbenfrohe, manchmal verwirrend echt wirkende, manchmal auch kitschig surreale Landschafts-Inszenierungen - mit Bäumen aus Brokkoli oder Staudensellerie, Büschen aus Kresse, Lollo Bianco oder Petersilie, mit glitzernden Ozeanen aus Heringsfilets, Wolken aus Blumenkohl und Gebirgszügen aus Parmesan. Täglich ein kleines Schlaraffenland erschaffen - so vielleicht ließe sich die Arbeit des britischen Food- und Werbefotografen beschreiben. Er selbst sagt, dass er sich "noch daran gewöhnen muss, in Serie zu produzieren." Ursprünglich seien diese Projekte eher spielerisch gewesen, doch seit seine Arbeit bekannter geworden sei, nehme der Druck ziemlich zu, erklärt Carl Warner. Und wer sich seinen Terminkalender ansieht, glaubt das sofort.

Mexikos Regierung hat ihn gerade beauftragt, alle typisch mexikanischen Landschaften aus Lebensmitteln nachzubauen - für eine Kampagne zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeit. Ein US-Sender hat ihm eine Show vorgeschlagen, für die berühmte Orte und Landschaften bereist und kulinarisch nachempfunden werden sollen. Und im Oktober bringt der New Yorker Kunstverlag Abrams Warners ersten Bildband heraus.

Das Interesse an seiner Arbeit quittiert der Fotograf mit betonter Nüchternheit. Seine Bilder seien vielleicht Populärkultur, aber sicherlich keine Kunst, "eine tiefergehende Botschaft habe ich nicht." Wenn er politisch sein wollte, müsste er wohl eher den Golf von Mexiko aus Lakritze bauen, sagt Warner. Ihm reicht es, wenn seine Landschaften Spaß machen und auf clevere Art zur Auseinandersetzung mit Lebensmitteln verführen. Weil die Menschen auf den ersten Blick vielleicht eine Südseebucht erkennen und dann beim zweiten Hinsehen feststellen, dass das Meer aus Räucherlachs, der Sand aus Zucker, die Palmen aus Dill und die Felsen aus Kartoffeln, Graubrot und Kaffeebohnen bestehen.

Es geht eine faszinierende Appetitlichkeit von diesen Bildern aus; Lehrer schreiben Warner, dass sie seine Landschaften im Unterricht einsetzen, Ernährungskliniken hängen sie im Flur auf, und Kinderprogramme thematisieren sie im Fernsehen. Warner selbst arbeitet gerade an einem Konzept für eine Kindersendung über Essen - mit einer Giraffe aus Karotten, die durchs Programm führen soll. Geht ihm der ganze mediale Hype ums Essen, mit all den Kochshows und Ernährungsratgebern nicht auf die Nerven? Nein. "Großbritannien zum Beispiel hat keine Esskultur", beklagt er. "Und alles, was uns dazu bringt, uns mit Nahrung zu beschäftigen oder abends gemeinsam zu essen, ist gut." Er weiß aus Erfahrung, wie schwer es ist, seine eigenen vier Kinder um einen Tisch zu versammeln, ohne dass der Fernseher läuft. Um das zu erreichen, dürfe man getrost die alte Regel vernachlässigen, dass man mit Essen nicht spielt.

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