Familienmonitor des Allensbach-Instituts Arme Eltern sehen schwarz für ihre Kinder

Er ist ein Seismograf für die Nöte und Wünsche deutscher Eltern: Der Familienmonitor des Allensbacher Instituts für Demoskopie. Dieses ist linker Umtriebe unverdächtig, umso erstaunlicher ist ein wichtiges Ergebnis der Studie: Viele Eltern aus ärmeren Schichten glauben nicht, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wird.

Von Robert Roßmann, Berlin

Am Ende bleibt vor allem ein Wort hängen: "Status-Fatalismus". Renate Köcher präsentiert an diesem Freitag den "Monitor Familienleben". Im Auftrag der Regierung erhebt Köchers Institut für Demoskopie einmal jährlich die Nöte und Wünsche deutscher Eltern. Der Monitor ist deshalb zu einem Seismografen dafür geworden, was Mütter und Väter erwarten. Er offenbart ziemlich genau die Defizite der Familienpolitik. Und dazu gehört jetzt offenbar ein gefährlicher "Status-Fatalismus" in den unteren Schichten.

Nun ist das Allensbacher Institut linker Umtriebe wahrlich unverdächtig. Umso erstaunlicher sind einige Ergebnisse, die Köcher jetzt wichtig sind. Die Aufstiegschancen von Kindern hingen zu stark von ihrem Elternhaus ab, findet die Allensbach-Geschäftsführerin. Sie belegt das mit einer Masse an Zahlen. So wünschten sich 60 Prozent der Arbeiter, dass es ihren Kindern einmal besser geht als ihnen. Aber nur 32 Prozent glaubten, dass es so kommt.

Eine gewaltige Differenz. Bei Beamten und leitenden Angestellten gibt es keinen Unterschied zwischen Wunsch und Erwartung. Dieser Status-Fatalismus der unteren Einkommensgruppen ist in Deutschland besonders ausgeprägt. In Schweden messen die Statistiker sogar einen Status-Optimismus der Unterschicht. Wer den Familienmonitor liest, kommt zum Ergebnis, dass das vor allem an der frühkindlichen Bildung liegt. In Deutschland liegt diese stärker als in anderen Ländern in der Hand der Familien. Wenn es dort dann an Sprachkenntnissen, Bildung oder finanziellen Möglichkeiten fehlt, bleiben die Kinder zurück.

Arme Eltern wünschen sich mehr Geld, reiche Eltern mehr Zeit

Der Monitor offenbart aber auch bei der Schlüsselfrage für alle Eltern - der Vereinbarkeit von Familie und Beruf - deutliche Unterschiede zwischen Arm und Reich. Von den Familien mit einem Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 3000 Euro klagen nur 33 Prozent über Probleme, bei den Familien mit weniger als 1750 Euro sind es fast 60 Prozent. Wer kein Geld hat, kann sich eben keine Betreuungsleistungen dazukaufen.

Wie stark das eigene Einkommen die Wünsche an die Familienpolitik beeinflusst, zeigen auch zwei weitere Zahlen: Ärmere Familien wünschen sich zu 23 Prozent mehr Zeit für die Kinder, aber zu 58 Prozent eine stärkere finanzielle Unterstützung. Bei den reicheren Familien ist es fast genau umgekehrt.

Das Aufzeigen sozialer Differenzen ist aber nicht die Hauptaufgabe des Monitors, er hat eigentlich die gesamte Familienpolitik im Blick. Und diese dreht sich ja immer wieder um eine Frage: Sollen die Leistungen dazu dienen, die Geburtenrate zu erhöhen? Oder sollen sie "nur" die Familien entlasten?

Für die Bürger ist die Antwort darauf erstaunlich klar: Nur 26 Prozent haben mehr Kinder im Blick, für 60 Prozent geht es vor allem um die Hilfe. Fragt man nur die Eltern minderjähriger Kinder, wird der Unterschied noch deutlicher: Da steht es 18 zu 68 Prozent.

Aufschlussreich sind auch die Antworten auf die Frage, was die Lebensqualität von Familien am stärksten verbessern würde. 71 Prozent der Eltern fordern gar keine Leistung vom Staat, sondern flexiblere Arbeitszeiten in ihren Betrieben. Auch flexiblere Betreuungszeiten in Kindertagesstätten sowie ein leichterer Wiedereinstieg in den Beruf nach der Elternzeit stehen hoch im Kurs. Mehr Geld fordern nur 57 Prozent der Eltern.

Wunsch nach Ganztagsschulen wächst

Als Schwerpunkte der Familienpolitik wünschen sich die Eltern vor allem eine leichtere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bessere Bildungschancen für Kinder bedürftiger Familien sowie eine stärkere steuerliche Entlastung der Familien. Mehr Krippen und Kindergärten verlangen deutlich weniger Eltern. Offenbar haben hier die Anstrengungen der vergangenen Jahre etwas Erleichterung gebracht.

Ein Problem besteht aber offenbar immer noch in alter Schärfe: Wer hilft, wenn ein Kind kurzfristig betreut werden muss? 50 Prozent der Mütter sehen da noch erhebliche Defizite. Wie wenig der Staat hier bisher tut, offenbart die Rangliste der Nothelfer: In 71 Prozent der Fälle springen Eltern oder Schwiegereltern ein. Zu 28 Prozent sind es Freunde, zu 25 andere Familienangehörige. Nachbarn kommen auf 13 Prozent, Betreuungseinrichtungen dagegen nur auf vier.

Kein Wunder also, dass auch der Wunsch nach Ganztagsschulen wächst. 80 Prozent der Eltern sehen die Nachmittagsbetreuung inzwischen positiv. 60 Prozent sagen sogar: "Kinder können in Ganztagsschulen besser und gezielter gefördert werden." Für ein Land, in dem Fremdbetreuung lange einen schlechten Ruf hatte, sind das erstaunliche Zahlen. Allerdings gibt es hierzulande erst für 31 Prozent der Schüler Ganztagsplätze. Und so dürfte es mit dem Status-Fatalismus in Deutschland noch lange nicht vorbei sein.