Expertentipps zur Erziehung "Halten Sie sich bei den Hausaufgaben zurück"

Hausaufgaben sind in vielen Familien ein ständiges Streitthema. Wie Kinder ihre Schularbeiten schnell und konzentriert erledigen und warum Eltern nicht danebensitzen sollten, erklärt Schulamtsleiterin Georgine Müller.

Interview: Katja Schnitzler

Mit der Einschulung kommt ein großes Thema vor allem auf die Familien zu, deren Kinder nicht in Ganztagsklassen oder Hort untergebracht sind und deshalb ihre Hausaufgaben daheim machen. Und selbst Hortkinder müssen hinterher manchmal noch nacharbeiten. Wo ist der beste Platz dafür? Sollen Eltern zu Hause den Lehrer ersetzen? Und wie viel Zeit ist dafür angemessen? Die Lehrerin und Leiterin des Münchner Schulamts, Georgine Müller, gibt Tipps, wie Kinder am Nachmittag motiviert bleiben.

Nicht nur Schulanfänger brauchen bei den Hausaufgaben Motivation, auch Jugendliche wollen noch gelobt werden - schließlich müssen sie nachmittags einiges leisten.

(Foto: lassedesignen - Fotolia)

Süddeutsche.de: Es soll Kinder geben, die ihre Hausaufgaben schnell, konzentriert und ohne zu meckern erledigen. Was machen Eltern dieser Kinder anders?

Georgine Müller: Das hat sicher verschiedene Hintergründe und kann auch an der Einstellung der Eltern zur Schule liegen. Außerdem strahlen manche Ruhe und Gelassenheit aus, während andere schon bei Erstklässlern Druck ausüben, zum Beispiel weil die Hausaufgaben ihrer Meinung nach nicht ordentlich genug gemacht werden. Das sollten sie aber den Lehrern überlassen.

Also mischen sich Eltern besser gar nicht ein?

Natürlich sollten sie bei Schwierigkeiten hilfreich zur Seite stehen, sich dann aber wieder sehr zurücknehmen. Und nicht gleich jeden Fehler verbessern, das macht schon die Lehrerin. Mit ihr können die Eltern besprechen, wie viel Einmischung ihr bei den Hausaufgaben recht ist. Ganz wichtig ist, dass Eltern daheim Voraussetzungen schaffen, dass sich die Kinder überhaupt konzentrieren können. Dazu gehört, für möglichst viel Ruhe zu sorgen und auf jeden Fall das Radio auszuschalten.

Eltern versuchen, den idealen Zeitpunkt für die Hausaufgaben herauszufinden: gleich nach der Schule, nach einer kurzen Pause oder erst nach dem Spielen am Nachmittag. Aber was tun, wenn das Kind immer zu müde und zu unkonzentriert ist?

Dann braucht es vielleicht eine noch längere Erholungspause nach dem Unterricht. Ganz wichtig ist erst einmal das gemeinsame Essen, bei dem die Kinder erzählen können, was sie erlebt haben und loswerden, was sie aufregt oder bedrückt. Für die Schüler ist es auch gut, zu wissen, wann sie die Hausaufgaben machen. Also vereinbaren die Eltern mit ihnen zum Beispiel: Du kannst noch eine Stunde spielen, und wenn der Zeiger auf der drei steht, geht es los. Auf keinen Fall aber sollten die Aufgaben vor dem Schlafengehen erledigt werden, dann ist das Kind mit Sicherheit zu müde. Das dauert dann ewig, da kann es nur Probleme geben.

Auch tagsüber sitzen manche Kinder viel länger an den Hausaufgaben als sie eigentlich sollten.

Das mag bei einigen Kindern daran liegen, dass sie die Aufgaben vor sich herschieben und zum Beispiel erst ewig die Stifte spitzen. Diesen Kindern kann man einen Wecker hinstellen, der nach einer halben Stunde klingelt. Nicht, um Druck zu machen, sondern für einen liebevollen Ansporn: Mal schauen, ob du es in dieser Zeit schaffst! So bekommen die Kinder ein Gefühl dafür, wie viel Zeit sie durch Trödeln verlieren.

Aber manchmal können die Kinder gar nichts dafür: Die Lehrer geben einfach zu viel auf.

Erst- und Zweitklässler sollten nur eine halbe Stunde lang Hausaufgaben machen müssen, alles darüber hinaus ist zu lang. Damit die Kinder das schaffen, müssen die Aufgaben richtig konzipiert werden, sonst wird das Erledigen als Strafe empfunden. Auf keinen Fall darf ein Lehrer Hausaufgaben bewusst als Strafe einsetzen. Es ist ganz wichtig, dass man bei den Schülern die Motivation erhält. Dafür muss er die Aufgaben in der Schule gut erklären und das nötige Material gemeinsam mit den Kindern einpacken. Ganz toll ist es, wenn Hausaufgaben dem Leistungsstand der jeweiligen Schüler angepasst werden: Wer schon weiter ist, bekommt etwas kniffligere Aufgaben.

Oft sind bis zu 30 Schüler in einer Klasse, sind da individuelle Aufgaben überhaupt machbar?

Ich glaube schon, dass Lehrkräfte das leisten können. Herausforderungen für gute Schüler sind ebenso motivierend, wie darauf zu achten, dass Langsamere nicht frustriert werden. Grundlage ist natürlich, dass ein Lehrer die Hausaufgaben hinterher anschaut und würdigt, viele malen zum Beispiel Lachgesichter daneben.

Manche Lehrer geben zu viel auf und erklären zu wenig.

Da sollte man sogleich mit der Lehrkraft sprechen und auch direkt im Mitteilungsheft eine Rückmeldung geben - sonst weiß sie ja gar nicht, dass es Probleme gibt. Das gilt für alle schulischen Konflikte. Wenn der Lehrer nicht einlenkt, sollte Kontakt zu anderen Eltern aufgenommen und ein gemeinsamer Versuch gestartet werden. Wenn auch das nichts bringt, bleibt der Gang zum Rektor. Denn es ist immens wichtig für die Schullaufbahn, dass Kinder nicht schon am Anfang frustriert werden. Ich hätte meine Tochter jedenfalls nie zwei Stunden lang an den Aufgaben sitzen lassen.