Exotische Haustiere Känguru statt Schoßhund

Familie Müller hält ein Känguru im Garten. Ist das artgerecht?

(Foto: Philipp Schulze/dpa)

Exotische Haustiere liegen im Trend. Aber mancher Besitzer unterschätzt, wie anspruchsvoll die Haltung ist. Was tun, wenn das Viech nur Ärger macht?

Von Titus Arnu

Einen Rasenmäher braucht Familie Müller nicht unbedingt. Viggo hält das Gras schön kurz. Das Känguru hüpft im Garten der Müllers in Bergen bei Celle herum, spielt mit den beiden Kindern Verstecken und Fangen und macht kaum Lärm und Dreck. Sind Kängurus also die idealen Haustiere? Gehören sie in Gärten? Für Tierschützer ist das gehopst wie gesprungen, sie sind ganz klar gegen die private Beherbergung solcher exotischen Gäste.

Seit drei Jahren lebt Viggo bei den Müllers. Das Känguru der Unterart Rotnackenwallaby stammt aus einem Tierpark bei Karlsruhe. Als die Mutter starb, adoptierten die Müllers das Junge und zogen es von Hand auf. Benjamin Müller verwendete einen Rucksack als Ersatzbeutel und trug Viggo vor seinem Bauch. Als das Tier 1,20 Meter groß war und 25 Kilogramm wog, sollte es eigentlich zurück in den Tierpark - doch dort wollte man es nicht mehr. Also blieb Viggo bei den Müllers in Bergen. Aber seit Viggo im vergangenen Sommer ausgerissen ist, hat die Familie Ärger. Zwar konnte das hoppelnde Haustier mit Hilfe der Polizei schnell wieder eingefangen werden, allerdings geriet das Känguru ins Visier des Veterinäramtes Celle. Tierärzte der Behörde besuchten Benjamin Müller und seine Lebensgefährtin Sandra Arndt und stellten fest, dass der Garten nach gesetzlichen Bestimmungen 50 Quadratmeter zu klein ist für ein Rotnackenwallaby. Außerdem wurde die Familie aufgefordert, einen Sachkundenachweis für die artgerechte Haltung zu liefern und das Känguru mit Artgenossen zusammenzubringen. Ob Viggo nun ausziehen muss, entscheidet sich dieser Tage - eine abschließende Lösung steht laut Landratsamt Celle noch aus. Für die Müllers wäre es ein Albtraum, denn für sie ist das Tier ein Familienmitglied. "Die Kinder drehen durch, wenn Viggo weg muss", sagt Benjamin Müller.

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"Ich finde es gruselig, ein Känguru zu Hause zu halten", meint dagegen die Leiterin des Nabu-Artenschutzzentrums in Leiferde, Bärbel Rogoschik. "Für einen Menschen mag es toll sein, mit einem jungen Känguru zu kuscheln - für das Tier ist das aber nicht unbedingt artgerecht." Die Biologin beobachtet, dass immer mehr Menschen sich ein exotisches Haustier besorgen, vielleicht weil sie Kinofilme oder Fernsehbeiträge mit außergewöhnlichen Tieren gesehen haben - vom Axolotl bis zur Zebramanguste. "Findet Nemo" etwa erzeugte eine steigende Nachfrage nach Clownfischen, die in echt allerdings nicht halb so lustig sind wie im Trickfilm. Als George Clooney mit einem Minischwein zusammenlebte, wollten viele Fans auch so einen Knuddelpartner haben. Wird das Trendtier dann irgendwann lästig, aggressiv oder zu groß, wird es einfach ausgesetzt. Mehr als 2400 Tiere wurden 2017 im Nabu-Artenschutzzentrum in Leiferde versorgt. Darunter waren mehr als 500 Reptilien, viele von ihnen beschlagnahmt aus Tierschutzgründen.

Wer bestimmte Auflagen erfüllt, darf auch Raubkatzen, Affen und Giftschlangen in Deutschland privat halten. Für geschützte Tiere benötigt man einen Nachweis über die legale Herkunft, bei ungeschützten muss der Käufer genau definierte Mindestanforderungen für die artgerechte Haltung erfüllen. Experten schätzen, dass es in den USA mehr exotische Tiere in privaten Haushalten gibt als in Zoos, auch in Deutschland steigen die Zahlen nach Angaben von Tierschutzverbänden. Der Internethandel mit Exoten ist ein Milliardengeschäft. Im Angebot sind sogar Löwen, Braunbären und Elefanten. Es gibt Zoohandlungen in Deutschland, bei denen man legal ein Faultier kaufen kann.

Laut einer Recherche der Tierschutzorganisation Pro Wildlife gehören zu den meistverkauften Raubtierarten in Deutschland: Stinktiere und Erdmännchen, gefolgt von Nasenbär, Waschbär und Wüstenfuchs. Bei den exotischen Nagern sind Baumstreifenhörnchen, Steppenlemminge, Buschschwanz-Rennmaus und Präriehund am häufigsten im Angebot. An Privatleute verkauft werden aber auch Quastenstachler, Flughunde, Servale oder Gürteltiere. Wer will, kann bei Ebay sofort drei Stinktiere bestellen - "geimpft, entwurmt und entdrüst" - damit es nicht so arg stinkt. Auch Kängurus deutscher Herkunft gibt es bei Ebay, Stückpreis ab 200 Euro.

Was fängt man bitte zu Hause mit einem Quastenstachler an? Und was ist das überhaupt? Können Flughunde "Sitz" machen oder nur "Flieg"? Braucht man für ein Gürteltier ein Halsband zum Gassigehen oder reicht der Gürtel? Nein, ernsthaft betrachtet ist die artgerechte Privathaltung von Wildtieren mehr als schwierig. In den Händen unerfahrener Halter leiden exotische Familienmitglieder wie Nasenbär und Co. meistens, weil es an Sachverstand mangelt. Die vermeintlichen Mode-Haustiere vegetieren dahin, einige sterben früh, viele landen in Auffangstationen wie dem Nabu-Artenschutzzentrum. Pro Wildlife und weitere deutsche Tier- und Naturschutzverbände fordern deshalb eine Beschränkung des Handels und der Haltung von Tierarten, die aus Artenschutzsicht als bedenklich gelten.

Kängurus sind im Gegensatz zu Kobras oder Löwen nicht meldepflichtig, mehrere Hundert von ihnen leben in Deutschland. Immer wieder flüchten welche, manche können aber trotz polizeilicher Fahndung nicht dingfest gemacht werden. Bei Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern lebt eine Gruppe von Wallabys, die vor einigen Jahren aus einem Tierpark entkamen, in freier Wildbahn. Könnte sich Viggo aus Niedersachsen irgendwelchen wilden ostdeutschen Artgenossen anschließen? Die Müllers sind da skeptisch.

Das Veterinäramt Celle fordert von der Familie einen Nachweis, wie sie sich eine "Vergesellschaftung" des Kängurus vorstellt. Dabei habe Viggo doch Familienanschluss, argumentiert Benjamin Müller: "Er kommt auf uns zu, wenn er was möchte, manchmal legt er sich auch zu uns ins Bett." Jetzt sucht er ein Haus mit einem größeren Garten, um mehr Platz zu haben für ein zusätzliches Känguru. Sollte Viggo der Familie dennoch weggenommen werden, wird sich sicher eine geeignete Ersatzfamilie für ihn finden. In Deutschland gibt es laut Zootierliste im Internet 464 Rotnackenwallabys.

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