"Empty-Nest-Syndrom" "Besonders Frauen haben es schwer"

"Besonders Frauen haben es schwer, den Übergang von der aktiven zur passiven Mutterschaft zu bewältigen", sagt Bettina Teubert, Familientherapeutin und selbst Mutter zweier erwachsener Kinder. Sie hat in Berlin Deutschlands erste Selbsthilfegruppe für verlassene Mütter ins Leben gerufen, die Empty Nest Moms (Enmoms). Über ihre Website bekommt sie 40 bis 50 Anfragen pro Woche von Frauen aus ganz Deutschland. Der Beratungsbedarf ist offenbar hoch.

Für die meisten Frauen ist es eine schwere Übergangszeit in mehrfacher Hinsicht: Abschied von den Kindern, Wechseljahre - und dann noch die Frage, wie man die nächsten 15 bis 20 Jahre im Berufsleben bis zum Ruhestand eigentlich positiv gestalten soll. Das Empty-Nest ist ja keine Krankheit, sondern Folge eines ganz normales Lebensereignis mit positiven und negativen Seiten, aber trotzdem sprechen Betroffene manchmal von "Depression" und "Trauerarbeit".

Nach der Trauer kommen die "Projekte"

Bettina Teubert kennt das Empty-Nest-Syndrom aus eigener Erfahrung. Ihre Tochter zog vor vier Jahren, der Sohn vor drei Jahren aus. Nach einer intensiven Trauerphase habe sie es geschafft, eine neue, erwachsenere Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen, sagt sie. "Es ist wichtig, diese Trauer zuzulassen", rät sie, "aber nur bis zu einem bestimmten Grad." Wenn es zu Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit und anderen körperlichen Symptomen kommt, könne das auch ein Zeichen dafür sein, dass die Trauer zu einer ernsthaften Depression wird.

Wenn die erste Trauer überwunden ist, beginnen viele Eltern, die Leere mit Projekten zu füllen. Das ehemalige Kinderzimmer wird zum Musikzimmer umgebaut, Küche und Wohnzimmer werden luxussaniert. Frauenzeitschriften raten gerne dazu, sich in dieser Lebensphase "neu zu erfinden", aber wer kann und will sich mit 50 schon komplett in eine andere Person verwandeln? Klar, man hat mehr Zeit, endlich mal einen Sprachkurs zu machen, nach Nepal zu reisen oder Kunstmuseen zu besuchen, aber das täuscht kaum über die Tatsache hinweg, dass sich ein Mensch nicht neu erfinden kann, ohne ganz viel auszublenden.

"66 Prozent erleben irgendeine Besserung"

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Und dann? "Dann merken viele Paare, dass sie sich jetzt wieder mal miteinander beschäftigen könnten", sagt Bettina Teubert. Was gar nicht so einfach ist, wie es scheint. Denn nach 20 Jahren Konzentration auf die Kindererziehung stellen viele Paare fest, dass dieser Mensch, der da seit Jahren auf dem Sofa sitzt, vielleicht gar nicht mehr so spannend ist wie in grauer Vorzeit, als die Kinder noch nicht da waren. Es ist fast so, als würde man sich als Paar neu kennenlernen. Das kann schön sein. Oder enttäuschend.

Viele schauen ihren Partner an und fragen: Wer ist das?

In der Selbsthilfegruppe von Bettina Teubert erzählen viele Frauen, dass ihnen der Mann, mit dem zusammen sie all die Jahre Kinder großgezogen haben, plötzlich fremd vorkommt. Sehr viele Paare trennen sich in dieser Phase, meistens einvernehmlich. Trotz allem scheinen Kinder insgesamt stabilisierend auf die Ehe zu wirken, wie die Studie der Uni Heidelberg feststellt. Wer die kritische Phase im leeren Nest gemeinsam übersteht, hat sogar Chancen auf eine bessere Partnerschaft.

Und noch ein Trost: Ganz loslassen wollen Kinder und Eltern einander meistens auch nicht. Eltern bleiben immer Eltern, Kinder immer Kinder. Die Beziehung ändert sich, Freundschaft ist das Ziel. Man bleibt sich nahe, auch wenn man sich räumlich trennt. Eltern und Kinder sind auf Facebook befreundet, tägliche Telefonate zwischen Müttern und Töchtern sind keine Ausnahme, und wenn die Familie über eine Whatsapp-Gruppe kommuniziert, hat man oft das Gefühl, mehr voneinander zu erfahren als früher. Die digitalen Medien sind hilfreich dabei, die Eltern-Kind-Beziehung auf ein neues Level zu heben. Wenn die Tochter per Whatsapp schreibt: "Wäre jetzt gerne bei euch, Bussi!", dann ist der Trennungsschmerz schon nicht mehr ganz so schlimm.